Lektion 3: Die Präzisionsabformung – Konventionelle und digitale Techniken

A. Klinische Relevanz

 

Die Abformung ist der entscheidende Informations-Transfer vom Patienten zum zahntechnischen Labor. Sie ist eine “Kopie” der Realität, auf deren Basis der gesamte Zahnersatz gefertigt wird. Jede Ungenauigkeit in der Abformung wird sich unweigerlich in einer unpassenden Krone oder Brücke manifestieren, was zu erhöhtem Aufwand (Einschleifen), kompromittiertem Randschluss und letztendlich zum Misserfolg der Restauration führt. Diese Lektion vermittelt die Goldstandard-Techniken der konventionellen Abformung und stellt sie dem modernen digitalen Workflow gegenüber. Die Beherrschung einer präzisen und reproduzierbaren Abformtechnik ist eine unverzichtbare handwerkliche Kernkompetenz.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Ziel: Die perfekte Kopie Eine Präzisionsabformung muss folgende Informationen exakt wiedergeben:

  • Die gesamte präparierte Zahnoberfläche.

  • Die exakte Position und Geometrie der Präparationsgrenze.

  • Die unmittelbare Umgebung der Präparationsgrenze (den Sulkus).

  • Die Nachbarzähne und die Antagonisten (Gegenkiefer).

2. Management des Weichgewebes: Retraktion Um die Präparationsgrenze, die oft auf Höhe des Zahnfleisches oder leicht darunter liegt, sauber abformen zu können, muss die Gingiva temporär lateral und vertikal verdrängt werden. Dies wird als Retraktion bezeichnet.

  • Methode der Wahl: Der doppelte Retraktionsfaden (“Doppelfadentechnik”)

    1. Erster Faden (tief): Ein sehr dünner, oft ungetränkter Faden wird vorsichtig in den Boden des Sulkus platziert. Dieser Faden verbleibt während der Abformung im Sulkus und kontrolliert die Blutung und das Sulkusfluid von der Basis her.

    2. Zweiter Faden (oberflächlich): Ein dickerer, oft mit einem blutstillenden Mittel (Adstringens) getränkter Faden wird darüber platziert. Er bewirkt die laterale Verdrängung der Gingiva und wird unmittelbar vor der Abformung entfernt.

  • Vorteil: Schafft einen trockenen, offenen Sulkusraum, in den das dünnfließende Abformmaterial fließen kann, um die Präparationsgrenze perfekt zu erfassen.

3. Konventionelle Abformung: Materialien und Techniken

  • Materialien der Wahl: Elastomere

    • Polyether (z.B. Impregum™): Der traditionelle Goldstandard. Extrem dimensionsstabil und von Natur aus hydrophil (wasserliebend), was eine exakte Abformung auch bei leichter Restfeuchte begünstigt. Nachteil: Sehr steif nach dem Aushärten.

    • A-Silikone (Additionssilikone, PVS): Der heute am weitesten verbreitete Standard. Exzellente Dimensionsstabilität und Detailwiedergabe. Hydrophob, aber durch Zusätze hydrophiler gemacht. Flexibler als Polyether.

  • Die Doppelmisch-Technik (Einzeitige Technik):

    1. Während die Assistenz das dickfließende Löffelmaterial (z.B. “Heavy-Body” Silikon) anmischt, umspritzt der Behandler die präparierten Zähne mit dem dünnfließenden Korrekturmaterial (z.B. “Light-Body” Silikon) aus einer Kartuschenpistole.

    2. Der Löffel mit dem dickfließenden Material wird dann sofort darüber gesetzt und presst das dünnfließende Material in alle Details. Beide Materialien binden chemisch zu einer Einheit ab.

4. Die digitale Abformung (Intraoralscanner)

  • Konzept: Anstelle eines physischen Abdrucks wird mit einer kleinen Kamera (dem Intraoralscanner) eine Serie von tausenden von Bildern aus verschiedenen Winkeln aufgenommen. Eine Software setzt diese Bilder in Echtzeit zu einem präzisen, dreidimensionalen virtuellen Modell der Zähne zusammen.

  • Vorteile:

    • Patientenkomfort: Kein Würgereiz, kein unangenehmer Geschmack.

    • Effizienz: Das digitale Modell kann sofort per E-Mail an das Labor gesendet werden (kein Gipsmodell, keine Versandzeiten).

    • Präzision: Moderne Scanner erreichen oder übertreffen die Genauigkeit der besten konventionellen Abformungen.

    • Fehlerkontrolle: Ungenauigkeiten im Scan können sofort am Bildschirm erkannt und korrigiert werden, ohne eine komplette neue Abformung machen zu müssen.

  • Herausforderung: Auch die digitale Abformung erfordert ein perfekt trockenes und blutfreies Feld. Eine gute Weichgewebs-Retraktion ist hier ebenfalls unerlässlich, damit die Kamera die Präparationsgrenze “sehen” kann.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Qualitätskontrolle der Abformung: Unmittelbar nach der Entnahme muss die Abformung unter Vergrößerung kritisch auf folgende Kriterien geprüft werden:

  • Ist die Präparationsgrenze vollständig, scharf und ohne Blasen abgebildet?

  • Sind alle Details der Präparation und der Nachbarzähne erfasst?

  • Gibt es keine “Züge” oder Verformungen im Material? -> Bei jedem Mangel muss die Abformung verworfen und wiederholt werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Zahnarzt fertigt eine konventionelle Abformung für eine Krone an Zahn 36 an. Die Präparationsgrenze liegt 0,5 mm subgingival.

  • Vorgehen:

    1. Retraktion: Nach der Präparation wird die Doppelfadentechnik angewendet.

    2. Abformung: Der obere, dicke Faden wird entfernt. Unmittelbar danach wird die Präparation mit dünnfließendem A-Silikon umspritzt und der Löffel mit dem dickfließenden Material wird eingesetzt.

    3. Kontrolle: Nach der Entnahme wird die Abformung unter der Lupenbrille geprüft. Der Abdruck des Sulkus und der scharfen Präparationsgrenze ist perfekt wiedergegeben. Es sind keine Blasen oder Defekte sichtbar.

  • Analyse: Die Kombination aus adäquater Weichgewebs-Retraktion und einer präzisen Doppelmisch-Technik hat zu einer fehlerfreien Abformung geführt.

  • Klinische Schlussfolgerung: Das zahntechnische Labor erhält mit diesem Abdruck eine perfekte Arbeitsgrundlage. Die Wahrscheinlichkeit, dass die gefertigte Krone eine exzellente Passgenauigkeit und einen dichten Randschluss aufweist, ist extrem hoch. Die investierte Zeit in eine perfekte Abformung spart ein Vielfaches an Zeit und Problemen bei der Eingliederung.