Lektion 1: Pfeilerbewertung – Die strategische Analyse des Fundaments für Kronen und Brücken

A. Klinische Relevanz

 

Jede Krone und jede Brücke ist nur so gut wie ihr Fundament. Die sorgfältige und systematische Bewertung der als Pfeiler vorgesehenen Zähne (Pfeilerbewertung) ist der wichtigste und prognose-entscheidende Schritt in der gesamten festsitzenden Prothetik. Eine technisch meisterhafte Krone auf einem biologisch oder strukturell geschwächten Pfeiler ist eine von Beginn an zum Scheitern verurteilte Investition. Diese Lektion vermittelt das systematische Vorgehen zur Analyse der parodontalen, endodontischen und strukturellen Gesundheit eines potenziellen Pfeilerzahnes. Die Beherrschung dieser Prinzipien ist die Grundlage für eine verantwortungsvolle, vorhersagbare und langlebige prothetische Behandlungsplanung.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

Die Bewertung eines Pfeilerzahnes erfolgt anhand einer Checkliste aus mehreren kritischen Bereichen.

1. Die parodontale Bewertung (Das Fundament im Knochen)

  • Kronen-Wurzel-Verhältnis: Das Verhältnis der Länge der Zahnkrone außerhalb des Knochens zur Länge der im Knochen verankerten Wurzel.

    • Ideal: 1:2 (Die Wurzel ist doppelt so lang wie die Krone).

    • Minimum: 1:1. Ein Verhältnis, bei dem die Krone länger ist als die im Knochen verankerte Wurzel, stellt einen zu langen Hebelarm dar und ist biomechanisch ungünstig.

  • Parodontaler Zustand: Ein adäquater Pfeiler muss parodontal gesund sein. Dies bedeutet:

    • Keine tiefen, aktiven Taschen (Sondierungstiefen ≤ 4mm).

    • Keine Blutung auf Sondieren (BOP).

    • Keine pathologische Lockerung (Lockerungsgrad 0-I). Ein Zahn, der bereits mehr als 50% seines knöchernen Halts verloren hat, gilt als fragwürdiger Pfeiler.

  • Wurzelmorphologie: Lange, dicke und gespreizte Wurzeln (wie bei Molaren) bieten eine deutlich bessere Verankerung als kurze, konische oder fusionierte Wurzeln.

2. Die endodontische Bewertung (Der Zustand im Inneren)

  • Vitalität: Ein vitaler Zahn ist einem wurzelkanalbehandelten Zahn als Pfeiler immer vorzuziehen.

  • Beurteilung wurzelkanalbehandelter Pfeiler:

    • Qualität der Wurzelfüllung: Die Wurzelfüllung muss radiologisch dicht, randständig und ohne Anzeichen einer periapikalen Aufhellung sein.

    • Symptomfreiheit: Der Zahn muss absolut beschwerdefrei (kein Klopf- oder Aufbissschmerz) sein.

    • Konsequenz: Ein Zahn mit einer insuffizienten oder fragwürdigen endodontischen Versorgung muss vor der prothetischen Versorgung revidiert werden. Eine Krone auf eine unentdeckte apikale Läsion zu setzen, ist ein grober Behandlungsfehler.

3. Die strukturelle (restaurative) Bewertung (Die verbliebene Substanz)

  • Karies & Füllungen: Der Zahn muss kariesfrei sein. Die Ausdehnung bestehender Füllungen muss kritisch bewertet werden. Ein Zahn, der zu mehr als der Hälfte aus Füllungsmaterial besteht, ist strukturell geschwächt.

  • Der Ferrule-Effekt: Dies ist der wichtigste Faktor für die Langzeitprognose eines überkronten, wurzelkanalbehandelten Zahnes. Die Fähigkeit, eine zirkuläre Fassung von mindestens 1,5 – 2,0 mm gesunder Zahnhartsubstanz unterhalb des Aufbaus und oberhalb des Kronenrandes zu schaffen, ist entscheidend, um den Zahn vor Frakturen zu schützen. Ist kein Ferrule realisierbar, ist die Prognose des Zahnes schlecht.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Synthese zur finalen Entscheidung: Die Bewertung ist keine reine Addition von Plus- und Minuspunkten, sondern eine ganzheitliche klinische Entscheidung. Ein einzelner, stark negativer Faktor (z.B. eine vertikale Wurzelfraktur) kann einen ansonsten perfekten Zahn als hoffnungslos klassifizieren.

Fallbeispiel: Brücke oder Implantat?

  • Szenario: Ein 50-jähriger Patient hat eine Lücke an Position 46. Die Nachbarzähne 45 und 47 sollen als Pfeiler für eine dreigliedrige Brücke bewertet werden.

  • Pfeilerbewertung:

    • Zahn 47 (2. Molar): Vital, kariesfrei, parodontal gesund, exzellentes Kronen-Wurzel-Verhältnis. -> Prognose: Sehr gut.

    • Zahn 45 (2. Prämolar): Hat eine tiefe, aber suffiziente Wurzelfüllung. Parodontal zeigt sich ein Attachmentverlust von 40% und eine leichte Lockerung (Grad I). Das Kronen-Wurzel-Verhältnis liegt bei ca. 1:1. Der Zahn besteht zu 60% aus einer alten Füllung. -> Prognose: Fragwürdig.

  • Analyse und Abwägung: Während Zahn 47 ein idealer Pfeiler ist, stellt Zahn 45 ein erhebliches Risiko dar. Er ist parodontal und strukturell stark geschwächt. Ihn als Pfeiler für eine Brücke zu nutzen, würde ihn zusätzlich belasten und das Risiko eines zukünftigen Versagens (Lockerung, Fraktur) deutlich erhöhen.

  • Klinische Konsequenz & Therapieentscheidung:

    • Option A (Brücke): Technisch möglich, aber mit einer schlechten Langzeitprognose aufgrund des schwachen Pfeilers 45.

    • Option B (Implantat): Versorgung der Lücke 46 mit einem Einzelzahn-Implantat und alleinige Überkronung des Zahnes 47, falls nötig. Der prognostisch fragwürdige Zahn 45 wird nicht in die prothetische Versorgung einbezogen.

  • Ergebnis: Die sorgfältige Pfeilerbewertung führt zur Entscheidung gegen die klassische Brücke und für die implantatprothetische Lösung. Diese ist zwar aufwendiger, schont aber den geschwächten Zahn 45, ist biologisch sinnvoller und hat eine weitaus bessere Langzeitprognose.