Lektion 29: Dentale Traumatologie – Diagnostik und Management von Zahnverletzungen
A. Klinische Relevanz
Dentale Traumata sind zahnärztliche Notfälle, die schnelles, systematisches und evidenzbasiertes Handeln erfordern. Sie betreffen häufig Kinder und Jugendliche und können für die Betroffenen lebenslange Konsequenzen haben. Eine falsche Erstversorgung kann den Verlust eines Zahnes bedeuten, der andernfalls hätte erhalten werden können. Diese Lektion vermittelt einen systematischen Ansatz zur Diagnostik und zum Management der häufigsten Zahnverletzungen. Das Wissen um die korrekten Notfallmaßnahmen, insbesondere bei avulgierten (ausgeschlagenen) Zähnen, und die Prinzipien der Schienung und Vitalerhaltung der Pulpa sind entscheidend, um die bestmögliche Prognose für den verletzten Zahn zu sichern.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Systematische Diagnostik im Trauma-Fall
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Anamnese: Gezielte Fragen zum Unfallhergang: Wann? Wie? Wo? (Zeitfaktor ist bei Avulsion kritisch!). Wurde der Zahnfragment/Zahn gefunden? Begleitverletzungen (Kopf, Kiefer)? Bewusstlosigkeit (V.a. Gehirnerschütterung)? Tetanus-Impfstatus überprüfen!
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Extraorale Untersuchung: Inspektion auf Weichgewebsverletzungen (Lippen, Wangen), Stufen im Kieferknochen (V.a. Fraktur).
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Intraorale Untersuchung: Sorgfältige Inspektion aller Zähne auf Frakturen, Lockerungen und Positionsänderungen (Dislokationen). Palpation des Alveolarfortsatzes.
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Sensibilitätstest: Der Kältetest ist in der akuten Phase oft nicht aussagekräftig. Durch die traumatische Schädigung der Nerven (“Pulpaschock”) kann eine vitale Pulpa temporär nicht reagieren. Ein negatives Ergebnis unmittelbar nach dem Trauma beweist keine Nekrose! Der Test muss über Wochen und Monate wiederholt werden.
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Radiologische Untersuchung: Mehrere Zahnfilme aus verschiedenen horizontalen Winkeln (orthograd, mesial- und distal-exzentrisch) sind oft nötig, um insbesondere Wurzelfrakturen darzustellen.
2. Klassifikation der Zahnverletzungen (nach Andreasen/WHO)
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A) Verletzungen der Zahnhartsubstanzen und der Pulpa:
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Schmelzinfraktion: Riss im Schmelz ohne Substanzverlust.
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Unkomplizierte Kronenfraktur: Schmelz- oder Schmelz-Dentin-Fraktur ohne Eröffnung der Pulpa.
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Komplizierte Kronenfraktur: Schmelz-Dentin-Fraktur mit Eröffnung der Pulpa.
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Kronen-Wurzel-Fraktur: Frakturlinie verläuft von der Krone bis unter den gingivalen Ansatz.
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Wurzelfraktur: Fraktur ist auf die Zahnwurzel beschränkt.
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B) Verletzungen des Zahnhalteapparates (Luxationsverletzungen):
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Konkussion: Erschütterung. Zahn ist perkussionsempfindlich, aber nicht gelockert oder verlagert.
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Subluxation: Zahn ist gelockert, aber nicht verlagert.
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Extrusive Luxation: Zahn ist teilweise aus seiner Alveole herausverlagert (wirkt “zu lang”).
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Laterale Luxation: Zahn ist nach bukkal oder palatinal/lingual verlagert, meist mit Fraktur der Alveolenwand.
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Intrusive Luxation: Zahn ist in den Alveolarknochen hineingedrückt (wirkt “zu kurz”). Dies ist die schwerste Luxationsverletzung.
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Avulsion: Der Zahn ist vollständig aus seiner Alveole herausgeschlagen.
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3. Therapie-Prinzipien
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Kronenfrakturen:
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Unkompliziert: Adhäsive Replantation des Fragments, falls vorhanden. Ansonsten adhäsiver Kompositaufbau zur Versiegelung des Dentins.
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Kompliziert (Pulpa eröffnet): Ziel ist die Vitalerhaltung.
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Bei offenem Apex (unreifer Zahn): Partielle Pulpotomie (Cvek-Pulpotomie). Die oberflächlichen 2mm des entzündeten Pulpagewebes werden entfernt, die Blutung gestillt und die Wunde mit einem biokeramischen Zement (MTA/Biodentine®) abgedeckt. Ziel: Erhalt der Vitalität zur Fortsetzung des Wurzelwachstums (Apexogenese).
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Bei geschlossenem Apex (reifer Zahn): Direkte Überkappung oder ebenfalls partielle Pulpotomie.
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Luxationsverletzungen:
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Prinzip: Reposition des Zahnes in seine ursprüngliche Position und semi-rigide Schienung.
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Schiene: Eine flexible Schiene (z.B. 0.4mm Draht), die nur punktuell mit Komposit an den Zähnen befestigt wird. Starre Schienen erhöhen das Risiko einer Ankylose (Verwachsung des Zahnes mit dem Knochen).
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Schienungsdauer: 2 Wochen für die meisten Luxationen; 4 Wochen bei lateraler Luxation.
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Avulsion (Total-Luxation) – Der absolute zahnärztliche Notfall:
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Der entscheidende Faktor für die Prognose ist die Zeit, in der die Parodontalligament-Zellen auf der Wurzeloberfläche trocken liegen.
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Sofortmaßnahmen am Unfallort: Zahn an der Krone fassen (Wurzel nicht berühren!), kurz abspülen, sofort replantieren. Wenn nicht möglich, in ein geeignetes Transportmedium legen.
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Transportmedien (Reihenfolge der Eignung):
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Zahnrettungsbox (Zellkulturmedium)
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Kalte, ultrahocherhitzte (H-)Milch
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Speichel (in der Wange des Patienten)
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Isotonische Kochsalzlösung
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Leitungswasser ist schädlich (hypoton, lysiert die Zellen).
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Langzeit-Follow-Up ist entscheidend: Jeder traumatisierte Zahn muss über Jahre hinweg klinisch und radiologisch nachkontrolliert werden (z.B. nach 4 Wochen, 3 Monaten, 6 Monaten, 1 Jahr und dann jährlich). Mögliche Spätfolgen sind Pulpanekrose, Wurzelresorptionen (intern/extern) oder Ankylose.
Fallbeispiel: Avulsion
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Szenario: Ein 10-jähriges Kind fällt vom Skateboard, Zahn 21 ist komplett ausgeschlagen. Die Mutter ruft panisch in der Praxis an. Der Unfall war vor 5 Minuten.
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Telefonische Erstberatung (entscheidend!): “Bleiben Sie ruhig. Suchen Sie den Zahn. Fassen Sie ihn nur an der weißen Krone an. Spülen Sie ihn 10 Sekunden unter kaltem, fließendem Wasser ab. Versuchen Sie, ihn wieder gerade in das leere Zahnfach zu stecken. Wenn das nicht klappt, legen Sie den Zahn sofort in kalte Milch. Kommen Sie auf dem schnellsten Weg in die Praxis.”
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Klinisches Vorgehen in der Praxis (Ankunft nach 25 Minuten):
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Die Alveole wird vorsichtig mit Kochsalzlösung gespült.
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Der Zahn wird langsam und ohne Druck in die Alveole replantiert.
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Eine flexible Draht-Komposit-Schiene wird von 11 bis 22 für 2 Wochen angelegt.
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Eine Röntgenaufnahme bestätigt die korrekte Position.
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Der Tetanusschutz wird überprüft und eine systemische Antibiotikagabe für 7 Tage verordnet, um eine Infektion zu verhindern.
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Weiteres Vorgehen: Da das Wurzelwachstum noch nicht ganz abgeschlossen ist und die extraorale Trockenzeit kurz war, wird die Pulpa zunächst beobachtet. In den meisten Fällen wird sie jedoch nekrotisch. Sobald dies diagnostiziert wird, wird eine Wurzelkanalbehandlung mit Kalziumhydroxid als medikamentöse Einlage eingeleitet, um entzündliche Resorptionen zu verhindern und die Bildung einer Hartgewebsbarriere am Apex zu fördern (Apexifikation).
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Schlussfolgerung: Das korrekte Management in den ersten Minuten (“Golden Hour”) durch die Eltern und die schnelle, adäquate zahnärztliche Versorgung sind die entscheidenden Faktoren für die Prognose des Zahnes.