Lektion 16: Naevi (“Muttermale”) – Klinische Beurteilung und Differenzierung

A. Klinische Relevanz

 

Pigmentierte Naevi, umgangssprachlich “Muttermale” oder “Leberflecken”, sind extrem häufige, gutartige Wucherungen von pigmentbildenden Zellen (Melanozyten). Für den Zahnarzt ist ihre Bedeutung zweifach: Zum einen treten sie sehr häufig im Gesichtsbereich und selten auch in der Mundhöhle auf. Zum anderen ist ihre entscheidende Differenzialdiagnose das hochgradig bösartige maligne Melanom, das sich aus einem vorbestehenden Naevus entwickeln oder ihm im Frühstadium ähneln kann. Die Fähigkeit, die Merkmale eines harmlosen, typischen Naevus von denen einer atypischen, verdächtigen Läsion zu unterscheiden, ist eine essenzielle Kompetenz im Rahmen der zahnärztlichen Krebsvorsorge.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition und Histologie

  • Definition: Ein Naevus ist eine gutartige, umschriebene Ansammlung von Melanozyten in der Haut oder Schleimhaut.

  • Histologische Entwicklung (Reifung): Im Laufe des Lebens “wandern” die Melanozyten-Nester von der Epidermis in die Dermis.

    • Junktionsnävus: Die Nester liegen an der Grenze (junktional) zwischen Epidermis und Dermis. Klinisch: Ein flacher, brauner Fleck (Makel). Typisch für die Kindheit.

    • Compound-Nävus: Nester liegen sowohl junktional als auch in der Dermis. Klinisch: Ein leicht erhabenes, pigmentiertes Knötchen (Papel).

    • Dermaler (intradermaler) Nävus: Die Nester liegen nur noch in der Dermis. Klinisch: Ein erhabener, oft hautfarbener oder nur leicht brauner, manchmal behaarter Knoten. Der typische “Alterswarzen”-ähnliche Naevus bei Erwachsenen.

2. Klinische Beurteilung: Was ist “normal”? Gutartige, unverdächtige Naevi sind in der Regel:

  • Symmetrisch in Form und Farbe.

  • Scharf und regelmäßig begrenzt.

  • Einfarbig (ein einheitlicher Braunton).

  • Relativ klein (< 6 mm).

  • Stabil und verändern sich über die Jahre kaum.

  • “Signature Nevus”: Die meisten Naevi einer Person sehen sich untereinander ähnlich. Ein einzelner Ausreißer, der ganz anders aussieht (“Ugly Duckling Sign“), ist verdächtig.

3. Besondere Naevus-Typen mit zahnärztlicher Relevanz

  • Blauer Nävus:

    • Klinik: Ein kleiner, scharf begrenzter, blau-schwarzer Fleck oder Knoten.

    • Ursache: Die Melanozyten liegen sehr tief in der Dermis. Das Pigment scheint durch die oberen Hautschichten blau (Tyndall-Effekt).

    • Relevanz: Die häufigste pigmentierte Läsion am harten Gaumen. Obwohl gutartig, ist eine klinische Abgrenzung zu einem beginnenden oralen Melanom unmöglich.

  • Dysplastischer (atypischer) Nävus:

    • Definition: Ein “unruhiges” Muttermal, das einige Kriterien der Malignität (z.B. Asymmetrie, unregelmäßige Begrenzung, Mehrfarbigkeit) erfüllt.

    • Bedeutung: Dysplastische Naevi sind sowohl ein Marker für ein generell erhöhtes Melanom-Risiko als auch eine potenzielle Vorläuferläsion, aus der sich ein Melanom entwickeln kann.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die systematische Untersuchung: Die ABCDE-Regel Die Beurteilung einer pigmentierten Läsion folgt der ABCDE-Regel (wird in Lektion 21 vertieft). Jedes positive Kriterium erhöht den Verdachtsgrad.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Bei der extraoralen Inspektion einer 40-jährigen Patientin fallen dem Zahnarzt zwei Pigmentflecken auf der Wange auf.

    • Läsion A: Ist 3 mm groß, rund, scharf begrenzt und hat eine einheitliche hellbraune Farbe. Die Patientin kennt sie seit ihrer Kindheit.

    • Läsion B: Ist ca. 7 mm groß, hat eine unregelmäßige, “ausgefranste” Form und zeigt Bereiche von Hellbraun, Dunkelbraun und fast Schwarz. Die Patientin meint, der Fleck sei in den letzten Jahren dunkler geworden.

  • Analyse:

    • Läsion A: Erfüllt alle Kriterien eines harmlosen, benignen Naevus (wahrscheinlich ein Junktions- oder Compound-Nävus). Kein Handlungsbedarf.

    • Läsion B: Erfüllt mehrere Kriterien der ABCDE-Regel: Asymmetrie, unregelmäßige Begrenzung, Color-Variation, Durchmesser >6mm und Evolution (Veränderung).

  • Klinische Konsequenz:

    1. Verdachtsdiagnose: Während Läsion A harmlos ist, ist Läsion B hochgradig verdächtig auf einen dysplastischen Naevus oder ein beginnendes malignes Melanom.

    2. Aufklärung & Überweisung: Der Zahnarzt klärt die Patientin über den verdächtigen Befund auf und überweist sie dringend an einen Dermatologen zur weiteren Abklärung (Dermatoskopie) und ggf. Exzisionsbiopsie.

  • Ergebnis: Die histologische Untersuchung ergibt einen schwer dysplastischen Naevus, eine direkte Vorstufe des Melanoms. Durch die aufmerksame klinische Beurteilung und die korrekte Überweisung hat der Zahnarzt die Entfernung einer Hochrisiko-Läsion veranlasst und damit potenziell die Entstehung eines Melanoms verhindert.