Lektion 9: Hauttumoren im Gesichtsbereich I – Das Basalzellkarzinom

A. Klinische Relevanz

 

Das Basalzellkarzinom (BCC), auch Basaliom genannt, ist der häufigste maligne Tumor des Menschen und der häufigste Hautkrebs. Über 80% aller Basaliome treten in der sonnenexponierten Haut des Kopf-Hals-Bereiches auf. Der Zahnarzt, der das Gesicht seiner Patienten bei jeder Behandlung aus nächster Nähe und unter exzellenter Beleuchtung inspiziert, befindet sich daher in einer idealen Position zur Früherkennung. Obwohl das Basaliom nur extrem selten metastasiert, wächst es lokal destruktiv und kann bei verspäteter Diagnose zu erheblichen ästhetischen und funktionellen Verstümmelungen führen. Die Erkennung verdächtiger Läsionen ist eine wichtige ärztliche Aufgabe.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition und Ätiologie

  • Definition: Ein maligner, aber nur lokal invasiv und destruktiv wachsender Hauttumor, der von den basalen Zellen der Epidermis oder den Haarfollikeln ausgeht.

  • Ätiologie: Die Hauptursache ist die chronische, kumulative Exposition gegenüber UV-Strahlung (Sonne).

  • Risikofaktoren: Heller Hauttyp (I/II), hohes Lebensalter, männliches Geschlecht, langjährige, intensive Sonnenexposition in Beruf oder Freizeit.

2. Klinisches Erscheinungsbild Das Basalzellkarzinom ist ein “Chamäleon” mit mehreren Erscheinungsformen. Die häufigste ist das noduläre (knotige) Basaliom.

  • Das noduläre Basalzellkarzinom (häufigste Form):

    • Klassisches Aussehen: Ein hautfarbener bis rötlicher, fester, perlmuttartig schimmernder Knoten (Papel).

    • Teleangiektasien: Charakteristisch sind feine, erweiterte, rötliche Blutgefäße, die über die Oberfläche des Knotens ziehen.

    • Zentrale Ulzeration mit perlschnurartigem Randsaum: Im weiteren Verlauf entsteht oft eine zentrale, nässende oder krustöse Einsenkung (Ulzeration), die von einem erhabenen, perlenartigen Randwall umgeben ist. Diese Form wird auch als “Ulcus rodens” (lat. rodere = nagen) bezeichnet.

  • Weitere Formen: Können als rötlicher, schuppender Fleck (superfizielles BCC) oder als narbenartige, schlecht abgrenzbare Verhärtung (sklerodermiformes BCC) auftreten.

3. Biologisches Verhalten: “Semimalignität” Das Basalzellkarzinom nimmt eine Sonderstellung ein.

  • Maligne Eigenschaft: Es ist lokal invasiv und destruktiv. Unbehandelt kann es Knorpel und Knochen infiltrieren und zerstören.

  • Benigne Eigenschaft: Es metastasiert praktisch nie (< 0,1% der Fälle).

  • Konzept: Aufgrund dieses Verhaltens wird es oft als “semimaligne” bezeichnet. Es ist ein lokales, aber potenziell sehr ernstes Problem.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle des Zahnarztes: Der aufmerksame Beobachter Die systematische, kurze Inspektion der Gesichtshaut des Patienten sollte Teil jeder zahnärztlichen Routineuntersuchung sein. Besondere Aufmerksamkeit gilt den “Sonnenterrassen” des Gesichts: Nase (häufigste Lokalisation!), Stirn, Wangen, Ohren und Unterlippe.

Diagnostik und Therapie:

  • Verdacht: Jede neue, wachsende Hautveränderung, jede nicht heilende “Wunde” oder jeder “Pickel”, der seit Monaten besteht, immer wieder blutet und verkrustet, ist verdächtig.

  • Definitive Diagnose: Wird durch eine Biopsie und histopathologische Untersuchung durch einen Dermatologen oder MKG-Chirurgen gestellt.

  • Therapie: Die Therapie der Wahl ist fast immer die vollständige chirurgische Entfernung (Exzision) mit einem kleinen Sicherheitsabstand. Bei frühzeitiger Diagnose ist dies ein kleiner Eingriff mit exzellenter Prognose.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Bei der jährlichen Kontrolle einer 72-jährigen Patientin fällt dem Zahnarzt eine kleine, ca. 5 mm große, erhabene Läsion am Nasenflügel auf. Sie schimmert leicht perlmuttartig und es sind winzige rote Äderchen zu sehen.

  • Anamnese: Auf Nachfrage berichtet die Patientin: “Ach, das habe ich schon seit über einem Jahr. Manchmal ist eine kleine Kruste drauf, die abfällt, aber es tut nicht weh.”

  • Analyse: Die Kombination aus Lokalisation (sonnenexponierte Nase), dem klinischen Bild (perlmuttartige Papel mit Teleangiektasien) und der Anamnese (nicht heilend, seit >1 Jahr bestehend) ist hochgradig pathognomonisch für ein noduläres Basalzellkarzinom.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Aufklärung und Verdachtsäußerung: Der Zahnarzt informiert die Patientin einfühlsam: “Diese kleine Stelle an Ihrer Nase gefällt mir nicht. Sie sieht typisch aus für eine sehr häufige und gut behandelbare Form von hellem Hautkrebs. Das ist nichts, was streut, aber es sollte entfernt werden, bevor es größer wird.”

    2. Überweisung: Er stellt eine Überweisung an einen Dermatologen (Hautarzt) aus und beschreibt darin den klinischen Befund.

  • Ergebnis: Der Dermatologe bestätigt die Verdachtsdiagnose, entfernt das Basaliom in einem kleinen Eingriff vollständig und heilt die Patientin damit. Die aufmerksame Inspektion durch den Zahnarzt hat zu einer frühzeitigen Diagnose geführt und der Patientin eine später notwendige, wesentlich größere und entstellendere Operation erspart.