Lektion 4: Rezidivierende aphthöse Stomatitis (Aphthen) – Diagnostik und Management
A. Klinische Relevanz
Die rezidivierende aphthöse Stomatitis, umgangssprachlich einfach als “Aphthen” bekannt, ist eine der häufigsten Erkrankungen der Mundschleimhaut überhaupt. Bis zu 20% der Bevölkerung sind betroffen. Obwohl es sich um eine gutartige und selbstlimitierende Erkrankung handelt, können die Läsionen extrem schmerzhaft sein und die Lebensqualität durch Beeinträchtigung beim Essen, Sprechen und Schlucken erheblich mindern. Die wichtigste Aufgabe des Zahnarztes ist die sichere Differenzialdiagnose gegenüber anderen, schwerwiegenderen ulzerierenden Erkrankungen (z.B. Herpes, Pemphigus, Karzinom) und die Einleitung einer effektiven, symptomatischen Therapie zur Leidenslinderung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Ätiologie
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Definition: Eine häufige, schmerzhafte, rezidivierende, nicht-infektiöse Ulzeration der Mundschleimhaut.
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Ätiologie: Unbekannt. Es wird eine lokale, immunologisch vermittelte Störung angenommen, bei der das Immunsystem (vermutlich T-Zellen) auf einen noch unbekannten Triggerfaktor mit einer Zerstörung des Epithels reagiert. Aphthen sind nicht durch das Herpes-Virus verursacht und sind nicht ansteckend.
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Auslösende (Trigger-) Faktoren:
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Lokale Traumata (z.B. Bissverletzung, scharfe Kante)
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Psychischer Stress
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Hormonelle Schwankungen (bei Frauen)
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Nahrungsmittel-Assoziationen (Nüsse, Schokolade, Tomaten)
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Systemische Assoziationen: Können ein orales Anzeichen für Eisen-, Vitamin-B12- oder Folsäuremangel, Zöliakie oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (M. Crohn) sein.
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2. Die klinischen Formen
Abbildung: Typische Minor-Aphthe mit Fibrinbelag und rotem Hof an der Wangenschleimhaut.
3. Entscheidende Differenzialdiagnosen
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Herpes-simplex-Infektion: Herpes beginnt immer mit Bläschen (Vesikeln) und befällt bevorzugt keratinisierte Schleimhaut (harter Gaumen, befestigte Gingiva). Aphthen sind niemals vesikulär und treten auf nicht-keratinisierter Schleimhaut auf.
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Traumatisches Ulcus: Es muss eine klare Ursache (z.B. scharfe Kante) eruierbar sein, und die Läsion ist nicht rezidivierend.
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Orales Plattenepithelkarzinom: Ein karzinomatöses Ulcus ist typischerweise verhärtet (induriert), hat einen wulstigen Rand und zeigt keine Heilungstendenz über Wochen. Eine Aphthe hat immer einen weichen, entzündlichen Boden.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Diagnostik und Management: Die Diagnose wird fast immer rein klinisch anhand der typischen Anamnese (rezidivierend) und des charakteristischen Erscheinungsbildes gestellt.
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Therapie: Es gibt keine kausale, heilende Therapie. Die Behandlung ist rein symptomatisch:
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Schmerzlinderung: Lokalanästhetische Gele oder Spülungen (z.B. mit Lidocain).
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Entzündungshemmung (wirksamste Maßnahme): Topische Kortikosteroide in Form von Haftsalben (z.B. mit Triamcinolonacetonid), die frühzeitig und mehrmals täglich auf die Läsion aufgetragen werden, können die Dauer und Intensität deutlich reduzieren.
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Schutz: Bioadhäsive Filme, die die Läsion abdecken.
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Wann weiter abklären?: Bei extrem häufigen, schweren Verläufen oder atypischen Befunden sollte eine Blutuntersuchung (zum Ausschluss von Mangelzuständen) und ggf. eine Überweisung zum Gastroenterologen erwogen werden.
Fallbeispiel:
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Szenario: Eine 28-jährige Patientin im Examenstress leidet seit 2 Tagen an einem extrem schmerzhaften “Loch” an der Zungenspitze.
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Klinischer Befund: An der Zungenspitze findet sich eine ca. 5 mm große, runde Ulzeration mit gelblichem Belag und einem stark geröteten Randsaum. Die Läsion ist weich.
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Analyse: Die Anamnese (Stress-assoziiert, rezidivierend), die Lokalisation (nicht-keratinisiert) und das klinische Bild sind pathognomonisch für eine Minor-Aphthe.
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Klinische Konsequenz & Therapie:
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Diagnose & Beruhigung: Der Patientin wird die harmlose, nicht-ansteckende Natur der Läsion erklärt.
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Symptomatische Therapie: Es wird eine kortikoidhaltige Haftsalbe rezeptiert mit der Anweisung, diese 3x täglich nach dem Essen und vor dem Schlafen direkt auf die trockengelegte Aphthe aufzutragen.
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Ergebnis: Die Patientin ist beruhigt. Die topische Steroid-Therapie wird die Entzündung dämpfen, die Schmerzen lindern und die Abheilung, die ohnehin stattfinden würde, beschleunigen.