Lektion 2: Die Effloreszenzenlehre – Das diagnostische Vokabular der Dermatologie
A. Klinische Relevanz
Die Dermatologie hat eine eigene, präzise Sprache zur Beschreibung von Haut- und Schleimhautveränderungen: die Effloreszenzenlehre. Eine “Effloreszenz” ist die einzelne, sicht- und tastbare Veränderung. Die Fähigkeit, eine Läsion anhand dieser standardisierten Begriffe exakt zu beschreiben, ist die absolute Grundlage jeder dermatologischen Diagnostik. Sie ermöglicht es, einen Befund objektiv zu erfassen, eine systematische Differenzialdiagnose zu erstellen und präzise mit anderen Kollegen zu kommunizieren. Ein Zahnarzt, der in einem Konsilschreiben eine “rote Papel mit zentraler Ulzeration” beschreibt, liefert dem Facharzt eine weitaus wertvollere Information als mit der vagen Beschreibung “ein roter Fleck”.
B. Detailliertes Fachwissen
Man unterscheidet Primär- und Sekundäreffloreszenzen.
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Primäreffloreszenzen: Entstehen auf zuvor gesunder Haut/Schleimhaut. Sie sind die ursprüngliche Manifestation der Erkrankung.
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Sekundäreffloreszenzen: Entwickeln sich im Verlauf aus Primäreffloreszenzen oder durch äußere Einflüsse (z.B. Kratzen, Infektion).
1. Die wichtigsten Primäreffloreszenzen
2. Die wichtigsten Sekundäreffloreszenzen
Abbildung: Übersicht über die wichtigsten Primär- und Sekundäreffloreszenzen.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die systematische Befundbeschreibung: Jeder Befund sollte nach einem festen Schema beschrieben werden:
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Lokalisation (Wo?)
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Anzahl & Anordnung (z.B. solitär, multiple, gruppiert)
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Effloreszenz-Typ (Was?)
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Größe, Form, Farbe, Begrenzung (Wie genau?)
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Konsistenz & Oberfläche (Wie fühlt es sich an?)
Fallbeispiel 1: Herpes labialis (“Lippenherpes”) Die Beschreibung des Verlaufs ist eine klassische Übung der Effloreszenzenlehre:
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Frühphase: Auf einem umschriebenen Erythem (Rötung) bilden sich gruppiert stehende Vesikel (Bläschen).
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Verlauf: Die Vesikel platzen und hinterlassen oberflächliche Erosionen.
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Spätphase: Das austretende Sekret trocknet zu einer honiggelben Kruste. Nach deren Abfallen heilt die Läsion narbenfrei ab.
Fallbeispiel 2: Die präzise Überweisung
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Eine unzureichende Überweisung: “Bitte um Abklärung einer Veränderung an der Zunge.”
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Eine professionelle Überweisung: “Bitte um Abklärung einer seit 3 Monaten bestehenden, solitären, ca. 1,5 cm großen, indurierten (harten) und nicht schmerzhaften Ulzeration mit aufgeworfenem Rand am linken, lateralen Zungenrand.”
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Ergebnis: Der Facharzt, der die zweite Überweisung liest, hat bereits aufgrund der präzisen Beschreibung unter Verwendung der korrekten Terminologie den hochgradigen Verdacht auf ein Plattenepithelkarzinom und kann die Dringlichkeit des Termins sofort richtig einschätzen.