Lektion 5: Konservative Therapie der CMD II: Physiotherapie, Manuelle Therapie und Entspannungsverfahren
A. Klinische Relevanz
Die Behandlung der CMD ist fast immer multidisziplinär. Während die Okklusionsschiene das zentrale zahnärztliche Instrument ist, spielen physio- und manualtherapeutische Verfahren eine ebenso entscheidende Rolle. Sie zielen direkt auf die Ursachen und Folgen von Muskelverspannungen und Gelenkfunktionsstörungen ab. Die Kombination aus zahnärztlicher und physiotherapeutischer Therapie führt zu den besten und nachhaltigsten Behandlungsergebnissen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Physiotherapie in der CMD-Behandlung
Der Physiotherapeut behandelt nicht nur die Kaumuskulatur, sondern das gesamte “kraniozervikale System”.
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Ziele:
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Schmerzreduktion
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Verbesserung der Mundöffnung und Gelenkmobilität
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Normalisierung der Muskelspannung (Tonus)
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Lösen von Triggerpunkten
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Verbesserung der Körperhaltung
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Schulung von Eigenübungen für den Patienten
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Typische Maßnahmen:
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Manuelle Therapie der Kiefergelenke: Mobilisation des Gelenks, Traktion (Zug) zur Gelenkentlastung.
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Weichteiltechniken: Massage und Dehnung der Kaumuskulatur (Masseter, Temporalis) und der Hals-Nacken-Muskulatur.
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Triggerpunkttherapie: Druckausübung auf hyperreizbare Punkte in der Muskulatur, um den übertragenen Schmerz zu beseitigen.
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Krankengymnastik/Haltungstraining: Korrektur einer Fehlhaltung, die CMD-Symptome verstärken kann.
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2. Manuelle Therapie (nach z.B. Kaltenborn / Maitland)
Dies ist eine spezielle Form der Physiotherapie, die sich mit der Mobilisation von Gelenken befasst.
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Bei CMD: Der Therapeut wendet spezifische Translations-Griffe am Unterkiefer an, um die Bewegung des Kondylus in der Gelenkpfanne zu verbessern.
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Indikation: Besonders wirksam bei Diskusverlagerungen ohne Reposition (“closed lock”), um die Beweglichkeit wiederherzustellen.
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Mobilisationsgrade:
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Grad I: Entlastende, schmerzlindernde Traktion.
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Grad II & III: Vergrößerung des Gelenkspalts und Dehnung der Gelenkkapsel.
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Grad IV: Mobilisation bei Bewegungseinschränkung.
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3. Entspannungsverfahren und Stressmanagement
Da Stress ein Hauptauslöser für Bruxismus und muskuläre Verspannungen ist, sind Entspannungstechniken eine kausale Therapie.
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Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson: Systematisches An- und Entspannen verschiedener Muskelgruppen. Führt zu einer allgemeinen körperlichen und geistigen Entspannung. Sehr gut erlernbar.
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Autogenes Training: Konzentrative Selbstentspannung durch formelhafte Suggestionen (z.B. “Arme und Beine sind schwer und warm”).
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Biofeedback: Elektronische Geräte (z.B. mit EMG-Sensoren) messen die Muskelspannung und machen sie für den Patienten sicht- oder hörbar. So kann der Patient lernen, seine Muskelaktivität bewusst zu kontrollieren und zu reduzieren.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der Patient mit chronischem “closed lock”
Szenario: Eine Patientin hat seit Wochen eine schmerzhafte Mundöffnungseinschränkung auf 25 mm nach einer Diskusverlagerung ohne Reposition. Die Aufbissschiene alleine bringt nur geringe Besserung.
Analyse & Therapie der Wahl:
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Überweisung: Der Zahnarzt überweist den Patienten mit der Diagnose “CMD, Diskusverlagerung ohne Reposition” zur Physiotherapie/Manuellen Therapie.
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Therapie beim Physiotherapeuten: Der Therapeut wendet manuelle Traktion und Translationstechniken am Unterkiefer an, um den Kondylus vom Diskus zu lösen und die Gelenkkapsel zu dehnen.
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Kombinierte Wirkung: Parallel trägt der Patient weiterhin seine Schiene, um die Muskulatur zu entspannen. Die kombinierte Therapie aus Schiene und Manueller Therapie führt innerhalb weniger Wochen zu einer deutlichen Verbesserung der Mundöffnung.
Fallbeispiel 2: Der gestresste Manager mit Bruxismus
Szenario: Ein Patient mit hohem Arbeitspensum knirscht nachts stark mit den Zähnen. Trotz einer optimal eingepassten DPS sind die Masseteren morgens immer noch verhärtet und schmerzhaft.
Analyse: Die Schiene schützt die Zähne, aber die zugrundeliegende Ursache – der Stress – bleibt bestehen.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Physiotherapie: Der Patient erhält eine Behandlung der Kaumuskulatur mit Weichteiltechniken und Triggerpunkttherapie, um die akuten Verspannungen zu lösen.
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Eigenübungen: Der Physiotherapeut zeigt ihm Dehnübungen für die Kaumuskulatur, die er täglich zu Hause durchführt.
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Entspannungstraining: Der Zahnarzt oder Hausarzt empfiehlt das Erlernen der Progressiven Muskelrelaxation (PMR), um das Stressniveau langfristig zu senken und den Bruxismus an der Wurzel zu packen.
Fallbeispiel 3: Der Patient mit Haltungsproblemen
Szenario: Ein Patient klagt über Nackenschmerzen und CMD-Symptome. Bei der Inspektion fällt eine vorgebeugte Kopfhaltung (“Geierhals”) und hochgezogene Schultern auf.
Analyse: Die Fehlhaltung führt zu einer chronischen Überlastung der Nackenmuskulatur, die über muskuläre Ketten die Kaumuskulatur mitverspannt.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Überweisung: Überweisung zur Physiotherapie mit dem Schwerpunkt Haltungsschulung und Behandlung der HWS-/Nackenmuskulatur.
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Ganzkörperansatz: Der Physiotherapeut behandelt nicht nur den Nacken, sondern auch die Schultern und die Brustwirbelsäule und gibt Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur.
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Ergonomie: Es wird auch die Arbeitsplatzergonomie überprüft (Höhe des Monitors, Sitzposition).
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Ergebnis: Durch die Verbesserung der Gesamthaltung lösen sich oft auch die CMD-Beschwerden signifikant.