Lektion 4: Konservative Therapie der CMD I: Die Okklusionsschiene – Wirkprinzipien, Arten (DPS, Jig) und Einschleiftechnik

A. Klinische Relevanz
Die Okklusionsschiene ist das wichtigste und am häufigsten eingesetzte Therapiemittel in der CMD-Behandlung. Sie ist eine reversible, nicht-invasive Maßnahme, die in der Lage ist, alle drei Funktionskreise (muskulär, artikulär, okklusal) positiv zu beeinflussen. Das Verständnis der unterschiedlichen Schienentypen, ihrer spezifischen Wirkweisen und der korrekten Einschleiftechnik ist fundamental für den Therapieerfolg.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Wirkprinzipien der Okklusionsschiene

Eine Schiene wirkt nicht durch “Ruhigstellung”, sondern durch gezielte neuromuskuläre und biomechanische Effekte:

  • Entlastung der Kaumuskulatur: Durch eine gleichmäßige, stabile Okklusion und Unterbrechung parafunktioneller Aktivität (Knirschen, Pressen) werden die Muskeln entkrampft und können regenerieren.

  • Gelenkentlastung und Reposition: Eine speziell geformte Schienenfläche kann den Kondylus in eine günstigere Position zur Gelenkpfanne bringen und so den Druck auf den Diskus und die retroartikuläre Zone verringern.

  • Okklusale Desorientierung: Die Schiene überlagert die gewohnte, ggf. gestörte Okklusion des Patienten und unterbricht so fehlerhafte propriozeptive Muster, die zu Verspannungen führen.

  • Schutz der Zahnsubstanz: Verhindert weitere Abrasionen durch Bruxismus.

2. Arten von Okklusionsschienen und ihre Indikationen

 
 
Schienentyp Beschreibung & Konstruktion Hauptindikation
DPS (Distanzschiene, “Michigan-Schiene”) Aus harten Kunststoff (z.B. PEEK), bedeckt die Okklusalflächen einer Kieferhälfte (meist Oberkiefer). Hat eine flache Ebene mit gleichmäßigen Stopppunkten (meist auf den Prämolaren und Molaren). Standardtherapie bei myofaszialen Schmerzen und Bruxismus.
• Entspannt die Muskulatur.
• Schützt die Zähne.
• Universell einsetzbar.
Jig (Anteriorer Repositionierungsschiene) Kleine, oft nur die Frontzähne bedeckende Schiene, die eine distrale Führungsfläche besitzt. Therapie der akuten Diskusverlagerung mit Reposition.
• Hält den Unterkiefer leicht vorverlagert, um den Diskus zu reponieren und zu entlasten.
• Nur temporäre Anwendung (max. 2-3 Monate).
NTI-tss (Nociceptive Trigeminus Inhibition) Sehr kleine Schiene, die nur an den Oberkiefereckzähnen haftet und den Kontakt der Frontzähne verhindert. Reine Muskelrelaxation. Theorie: Reduziert die maximale Kaukraft um ~70%. Bei starkem Bruxismus und Kopfschmerzen. Nachteil: Risiko der Frontzahn-Extrusion.
Knirscherschiene aus weichem Material Aus weichem Silikon. Ineffektiv und kontraproduktiv! Führt oft zu vermehrtem Knirschen (“Chewing-gum-Effekt”) und kann Zähne verschieben. Nicht empfohlen.

3. Prinzipien der Einschleiftechnik (Equilibrierung)

Die Schiene muss nach dem Einsetzen am Patienten in der zentrischen Relation (ZR) und in allen Exkursionsbewegungen eingeschliffen werden.

  • Zentrische Relation (ZR): Die rein rotatorische Achsdrehung des Kondylus in der Gelenkpfanne. In dieser Position soll die Schiene gleichzeitigen, gleichmäßigen Kontakt auf allen Stützpunkten bieten.

  • Exkursionsbewegungen: Bei Protrusion und Laterotrusion müssen alle störenden Kontakte entfernt werden, um eine freie und geführte Bewegung des Unterkiefers zu gewährleisten. Ziel ist eine gegenseitige Führung (kaninische Führung) oder gruppenführte Okklusion.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der Patient mit myofaszialen Schmerzen

Szenario: Ein Patient mit stressbedingtem Bruxismus hat druckschmerzhafte Kaumuskeln und morgendliche Kopfschmerzen.

Analyse & Therapie der Wahl:

  1. Schienenwahl: Eine DPS aus hartem Kunststoff für den Oberkiefer ist indiziert.

  2. Einschleifen:

    • In der ZR: Es wird dünne Artikulationsfolie verwendet, um gleichzeitigen Kontakt auf allen Molaren und Prämolaren herzustellen. Frühkontakte werden vorsichtig weggeschliffen.

    • In der Exkursion: Die Schiene wird so eingeschliffen, dass bei Seitwärtsbewegung nur die Eckzähne (kaninische Führung) oder die Eck- und kleine Backenzähne (gruppengeführt) in Kontakt sind. Die Hinterzähne diskludieren (haben keinen Kontakt).

  3. Trageanweisung: Der Patient wird angewiesen, die Schiene nachts und bei Bedarf auch stundenweise tagsüber zu tragen.

Fallbeispiel 2: Der Patient mit akutem Kiefergelenkknacken

Szenario: Eine Patientin hat sich nach einem Bagatelltrauma das Kiefergelenk “verrenkt”. Sie hat Schmerzen und ein lautes, schmerzhaftes Knacken im linken Gelenk.

Analyse & Therapie der Wahl:

  1. Schienenwahl: Zur Reposition des Diskus ist ein Jig für den Oberkiefer indiziert.

  2. Wirkweise: Der Jig hält den Unterkiefer kontinuierlich in einer leicht protrusiven Position. Dadurch springt der Kondylus nicht mehr von der Diskus, und das schmerzhafte Knacken hört sofort auf.

  3. Anwendung: Der Jig wird für 2-4 Wochen ganztägig getragen. Danach wird die Schiene schrittweise abgebaut (Reduktion der Tragezeit), um ein Rezidiv zu vermeiden. Oft wird im Anschluss auf eine DPS gewechselt.

Fallbeispiel 3: Die falsch eingeschliffene Schiene

Szenario: Ein Patient erhält eine DPS. Beim Einschleifen wurde nur auf die habituelle Okklusion geachtet, nicht auf die zentrische Relation. Der Patient klagt nun über verstärkte Gelenkschmerzen.

Analyse: Die Schiene zwingt den Unterkiefer in eine unphysiologische, möglicherweise posteriorisierte Position, was den Druck auf die retroartikuläre Zone der Gelenke erhöht.

Klinische Konsequenz & Korrektur:

  1. Die Schiene muss neu justiert werden.

  2. Dazu wird der Patient mit der Schiene im Mund in die zentrische Relation geführt (z.B. durch manuelle Manipulation nach Dawson).

  3. In dieser Position werden die störenden Kontakte identifiziert und entfernt, bis eine stabile Abstützung in der ZR erreicht ist.

  4. Erst dann wird die Exkursionsführung eingeschliffen.