Lektion 3: Klinische Funktionsanalyse II: Gelenkpalpation, Auskultation und Untersuchung der Okklusion
A. Klinische Relevanz
Nach der Beurteilung der Muskulatur wendet sich die klinische Funktionsanalyse den Kiefergelenken und der Okklusion zu. Die Palpation der Gelenke, das Abhören von Gelenkgeräuschen und die Identifikation von okklusalen Störfaktoren sind entscheidend, um artikuläre von myofaszialen Schmerzen zu unterscheiden und die Ursache von Beschwerden im Kausystem zu verstehen. Diese Untersuchungsschritte komplettieren das Bild und führen zu einer fundierten Diagnose.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Palpation der Kiefergelenke
Die Gelenke werden auf Druckdolenz und Bewegung überprüft.
| Palpationsbereich | Methode & Klinische Bedeutung |
|---|---|
| Lateral (vor dem Tragus) | Palpation des lateralen Gelenkpols mit dem Zeigefinger während der Mundöffnung. • Schmerz: Zeichen für eine Kapsulitis/Synovitis (Entzündung der Gelenkkapsel/-schleimhaut) oder eine Arthralgie. |
| Posterior (im Gehörgang) | Vorsichtiges Einführen des kleinen Fingers in den äußeren Gehörgang und Palpation nach anterior gegen die Gelenk rückseite. • Schmerz: Kann auf eine Retroposition des Kondylus (z.B. bei tiefer Bisslage) oder eine Entzündung hinweisen. |
2. Auskultation (Abhören) und Palpation von Gelenkgeräuschen
Gelenkgeräusche geben Aufschluss über den Zustand des Diskus.
| Geräusch | Charakteristik & Pathophysiologie |
|---|---|
| Knacken (Clicking) | Einzelnes, deutliches Geräusch, meist in der Mitte der Mundöffnungs- oder Schließbewegung. • Bedeutung: Diskusverlagerung mit Reposition. Der Diskus springt beim Öffnen (meist) wieder auf den Kondylus zurück. |
| Reiben/Krepitation (Crepitation) | Feines, sandiges, knirschendes Geräusch über die gesamte Bewegung. • Bedeutung: Zeichen einer Arthrose mit Knorpelabrieb und rauen Gelenkflächen. |
| Weiches Reiben | Leises, reibendes Geräusch ohne Knacken. • Bedeutung: Oft bei Diskusverlagerung ohne Reposition, bei der der Diskus permanent vor dem Kondylus liegt. |
3. Untersuchung der Okklusion und der Unterkieferbewegungen
-
Aktive und passive Mundöffnung:
-
Normalwert: 40-55 mm (ca. 3 Finger breit).
-
Einschränkung: Kann muskulär (Trismus) oder artikulär (Ankylose, “closed lock”) bedingt sein.
-
Deviation: Abweichung des Unterkiefers zur Seite während der Öffnung. Zeigt oft eine Störung im Gelenk der Gegenseite an (z.B. nicht reponierbare Diskusverlagerung).
-
-
Laterotrusion und Protrusion:
-
Normalwert: Laterotrusion ca. 10 mm, Protrusion ca. 8 mm.
-
Einschränkung: Kann durch Störkontakte, muskuläre Dysbalance oder Gelenkprobleme verursacht werden.
-
-
Identifikation von okklusalen Störfaktoren:
-
Frühkontakte: Kontakte, die die übrige Okklusion stören.
-
Arbeits- und Nichtarbeitsseitenkontakte: Störkontakte auf der Nichtarbeitsseite (Laterotrusion) sind besonders schädlich für die Gelenke.
-
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der Patient mit Kiefergelenkknacken und Schmerzen
Szenario: Ein Patient klagt über Schmerzen vor dem linken Ohr und ein lautes Knacken beim Kauen. Die Kaumuskulatur ist unauffällig.
Analyse & Klinische Untersuchung:
-
Palpation: Die laterale Palpation des linken Kiefergelenks ist hochschmerzhaft.
-
Auskultation: Beim Öffnen und Schließen ist ein lautes, reproduzierbares Knacken über dem linken Gelenk hörbar.
-
Bewegungsprüfung: Die Mundöffnung ist normal, jedoch deviiert der Unterkiefer zunächst leicht nach links, bevor das Knacken auftritt und er dann zentriert.
Diagnose: Diskusverlagerung mit Reposition und sekundärer Arthralgie/Synovitis des linken Kiefergelenks.
Klinische Konsequenz: Therapieziel ist die Reduktion der Entzündung und die Entlastung des Gelenks (Schiene, ggf. antiphlogistische Medikation).
Fallbeispiel 2: Der Patient mit eingeschränkter Mundöffnung
Szenario: Eine Patientin kann den Mund nach dem Gähnen nur noch 25 mm weit öffnen. Ein Knacken ist nicht zu hören.
Analyse & Klinische Untersuchung:
-
Auskultation: Über beiden Gelenken ist ein leises, reibendes Geräusch (weiches Reiben) auskultierbar. Kein Knacken.
-
Bewegungsprüfung: Die Mundöffnung ist schmerzhaft eingeschränkt. Bei forcierter Öffnung gibt der Unterkiefer nicht nach.
-
Palpation: Die Gelenke sind mäßig druckdolent.
Diagnose: Diskusverlagerung ohne Reposition (“closed lock”) beidseits. Der Diskus blockiert die Translation des Kondylus.
Klinische Konsequenz: Akuttherapie mit manueller Therapie/Physiotherapie und einer Entspannungsschiene. Ziel ist die Wiederherstellung der Mundöffnung.
Fallbeispiel 3: Der Patient mit Nackenschmerzen und “schiefer” Okklusion
Szenario: Ein Patient hat nach einer neuen Füllung das Gefühl, die Zähne träfen nicht mehr richtig aufeinander. Seitdem entwickeln sich Nackenschmerzen und Verspannungen.
Analyse & Klinische Untersuchung:
-
Anamnese: Der zeitliche Zusammenhang ist verdächtig.
-
Okklusionsprüfung: Mit dünner Artikulationsfolie wird ein störender Frühkontakt auf der neuen Füllung gefunden. Dieser zwingt den Unterkiefer in eine ungewohnte, zwanghafte Position (Okklusionsstörung).
-
Bewegungsprüfung: Die Protrusion und Laterotrusion sind durch den Störkontakt eingeschränkt.
Diagnose: Okklusale Störung durch eine zu hohe Füllung, die eine CMD mit muskulärer Kompensation ausgelöst hat.
Klinische Konsequenz: Die Korrektur der Füllungshöhe beseitigt den Störkontakt. In den meisten Fällen verschwinden die muskulären Beschwerden und das Okklusionsgefühl normalisiert sich innerhalb von Tagen von selbst.