Lektion 1: Einführung in die CMD: Definition, Epidemiologie und Überblick über die Funktionskreise (okklusal, artikulär, muskulär)
A. Klinische Relevanz
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein Überbegriff für eine Reihe klinischer Symptome, die die Kaumuskulatur, die Kiefergelenke und die associated Strukturen betreffen. Bis zu 70% der Bevölkerung zeigen im Laufe ihres Lebens zumindest temporär CMD-Symptome. Der Zahnarzt ist oft der erste Ansprechpartner für Patienten mit Gesichtsschmerzen, Kopfschmerzen oder Kiefergelenkbeschwerden. Ein grundlegendes Verständnis der CMD ist daher essenziell, um eine erste Einschätzung vorzunehmen, Patienten richtig zu beraten und sie bei Bedarf an spezialisierte Kollegen zu überweisen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Epidemiologie
-
Definition: CMD beschreibt funktionelle, strukturelle und psychologische Fehlregulationen im muskulo-skelettalen System des Kauorgans, also der Kaumuskulatur und/oder der Kiefergelenke und ihrer assoziierten Strukturen.
-
Epidemiologie:
-
Prävalenz: Etwa 5-10% der Bevölkerung haben behandlungsbedürftige Symptome.
-
Geschlecht: Frauen sind 3-4 mal häufiger betroffen als Männer.
-
Alter: Häufigster Beginn im jungen und mittleren Erwachsenenalter (20-40 Jahre).
-
2. Die drei Funktionskreise der CMD (nach A. P. S. Schule)
Das CMD-System wird in drei sich gegenseitig beeinflussende Kreise unterteilt. Eine Störung in einem Kreis führt fast immer zu Kompensationen in den anderen.
| Funktionskreis | Beschreibung & Beispiele für Störungen |
|---|---|
| Muskulärer Kreis | Umfasst alle Kaumuskeln (M. masseter, M. temporalis, etc.) und die Hals-Nacken-Muskulatur. • Störungen: Myofasziale Schmerzen, Verspannungen, Triggerpunkte, Muskellypertrophie. |
| Artikulärer Kreis | Umfasst die beiden Kiefergelenke (Kondylus, Diskus, Gelenkkapsel, Bänder). • Störungen: Diskusverlagerungen, Arthralgie (Gelenkschmerz), Arthritis, Arthrose, Ankylose. |
| Okklusaler Kreis | Umfasst die Zähne und deren Kontakte (Okklusion). • Störungen: Störkontakte, Frühkontakte, fehlende Zähne, nicht funktionsgerechter Zahnersatz, parafunktionelle Habits (Bruxismus). |
3. Das biopsychosoziale Modell der CMD
CMD ist ein klassisches Beispiel für eine Erkrankung, die nicht nur mechanistisch, sondern ganzheitlich betrachtet werden muss.
-
Biologische Faktoren: Okklusale Störungen, Trauma, Anatomie.
-
Psychologische Faktoren: Stress, Angst, Depression, Perfektionismus. Diese sind oft der Hauptauslöser oder Verstärker.
-
Soziale Faktoren: Beruflicher Stress, familiäre Belastungen.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der Stress-Patient mit Muskelverspannungen
Szenario: Ein 35-jähriger Manager klagt über beidseitige Schmerzen in den Wangen und Schläfen, besonders morgens. Er schlafe schlecht und habe viel Stress im Job. Klinisch sind die Masseteren und Temporales Muskeln druckschmerzhaft und verhärtet.
Analyse: Die Symptome sind typisch für eine Störung im muskulären Kreis. Der Hauptauslöser ist sehr wahrscheinlich Stress-induzierter Bruxismus (nächtliches Zähneknirschen).
Klinische Konsequenz & Ersteinschätzung:
-
Der Zahnarzt stellt die Verdachtsdiagnose einer myofaszialen Schmerzstörung.
-
Die Therapie zielt zunächst auf die Entlastung der Muskulatur ab (Aufbissschiene, Physiotherapie, Stressmanagement).
-
Eine umfangreiche okklusale Analyse oder Anpassung ist in dieser akuten Phase nicht indiziert.
Fallbeispiel 2: Der Patient mit Kiefergelenkknacken
Szenario: Eine 28-jährige Patientin bemerkt ein lautes Knacken im linken Kiefergelenk beim Öffnen des Mundes. Schmerzen bestehen keine.
Analyse: Das Knacken spricht für eine Störung im artikulären Kreis, höchstwahrscheinlich eine anteriore Diskusverlagerung mit Reposition. Der Diskus springt bei der Mundöffnung wieder auf den Kondylus.
Klinische Konsequenz & Ersteinschätzung:
-
Da keine Schmerzen bestehen, ist dies oft ein Befund und keine behandlungsbedürftige Erkrankung.
-
Der Zahnarzt klärt den Patienten über die Harmlosigkeit des Symptoms auf, sofern keine Schmerzen dazukommen.
-
Eine Therapie (z.B. Schiene) ist nur bei Progredienz oder Schmerzentwicklung indiziert.
Fallbeispiel 3: Der Patient mit neuem Zahnersatz
Szenario: Ein Patient stellt sich wenige Wochen nach Eingliederung einer neuen Brücke im Seitenzahnbereich mit einseitigen Kiefergelenkschmerzen und Kopfschmerzen vor.
Analyse: Der zeitliche Zusammenhang weist stark auf eine Störung im okklusalen Kreis hin. Ein Störkontakt auf der neuen Brücke könnte eine Kettenreaktion ausgelöst haben: Okklusale Störung → Muskelverspannung (muskulärer Kreis) → Überlastung des Kiefergelenks (artikulärer Kreis).
Klinische Konsequenz & Ersteinschätzung:
-
Der Zahnarzt überprüft die Okklusion der neuen Brücke intensiv mit Folie.
-
Findet er einen Störkontakt, wird dieser vorsichtig entfernt.
-
Oft lösen sich die muskulären und artikulären Beschwerden daraufhin schnell auf, da die Ursache beseitigt ist.