Lektion 11: Ethik in Forschung und Wissenschaft (Daten, Publikation, Autorenschaft)

A. Klinische Relevanz
Wissenschaftliche Integrität ist die Grundlage des medizinischen Fortschritts. Fehlerhafte, manipulierte oder erfundene Daten in zahnmedizinischen Studien führen in die Irre, schaden Patienten und untergraben das Vertrauen in die gesamte Disziplin. Ob Sie selbst forschen, in Studien eingebunden sind oder nur die Fachliteratur lesen – ein Verständnis wissenschaftlicher Ethik ist unerlässlich, um Ergebnisse kritisch zu bewerten und sich selbst im Forschungsprozess integer zu verhalten.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Ethische Grundprinzipien der Forschung am Menschen

Forschung, die Menschen einbezieht, unterliegt strengen ethischen Regeln, basierend auf dem Nürnberger Kodex und der Deklaration von Helsinki.

  • Respekt vor der Autonomie (Informed Consent): Jeder Proband muss freiwillig und nach umfassender Aufklärung in die Teilnahme einwilligen. Er muss jederzeit ohne Nachteile austreten können.

  • Fürsorge (Beneficence) und Nicht-Schaden (Non-Maleficence): Der potenzielle Nutzen der Forschung muss die Risiken für die Probanden überwiegen. Die Sicherheit der Probanden hat oberste Priorität.

  • Gerechtigkeit (Justice): Die Lasten und der Nutzen der Forschung müssen fair verteilt sein. Es darf keine Ausbeutung vulnerabler Gruppen geben.

2. Gute Wissenschaftliche Praxis (GWP) – Zentrale Gebote

a) Umgang mit Daten
Dokumentation: Rohdaten müssen vollständig, original und nachvollziehbar dokumentiert und für eine angemessene Zeit aufbewahrt werden.
Keine Datenmanipulation (Fälschung): Das Verändern oder Selektieren von Daten, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen, ist Betrug.
Keine Datenfälschung (Erfindung): Das Erfinden von nicht existierenden Daten ist schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten.

b) Publikationsethik
Originalität: Eine Publikation muss auf eigener Arbeit beruhen. Plagiate (das Verwenden der Ideen oder Worte anderer ohne korrekte Zitierung) sind unethisch.
Autorenschaft: Nur diejenigen, die einen wesentlichen Beitrag zu Konzeption, Durchführung, Auswertung oder Manuskripterstellung geleistet haben, dürfen als Autoren genannt werden (“Gastautorenschaft” ist unethisch). Umgekehrt dürfen Beiträger nicht weggelassen werden (“Geisterautorenschaft”).
Doppelpublikation (Selbstplagiat): Dieselbe Forschung darf nicht in mehreren Zeitschriften publiziert werden, um die Publikationsliste künstlich zu verlängern.
Transparenz von Interessenkonflikten: Finanzielle oder andere Interessenkonflikte müssen im Manuskript offengelegt werden.

c) Peer-Review
* Der Prozess der Begutachtung durch unabhängige Fachkollegen ist ein Qualitätssicherungsinstrument.
Ethische Pflichten des Gutachters: Vertraulichkeit, Unvoreingenommenheit, Fairness und Promptheit.

3. Ethische Fallstricke und Konsequenzen von Fehlverhalten

 
 
Fehlverhalten Beschreibung Konsequenz
Plagiat Übernahme von Text oder Ideen ohne Quellenangabe. Rückzug der Publikation, Rufschädigung, berufliche Konsequenzen.
Data Fishing / p-Hacking So langes Durchforsten der Daten, bis ein signifikantes Ergebnis gefunden wird, ohne vorherige Hypothese. Falsch-positive Ergebnisse, Irreführung der Scientific Community.
Selektive Publikation Nur positive, nicht aber negative oder Null-Ergebnisse werden veröffentlicht. Verzerrt das Gesamtbild (Publication Bias), andere Forscher wiederholen unnötige Experimente.
Gastautorenschaft Aufnahme einer prominenten Person als Autor, ohne dass diese einen Beitrag geleistet hat. Untergräbt die Glaubwürdigkeit der Autorenschaft.

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4. Ethische Bewertung von Studien

Auch als Leser einer Studie haben Sie eine ethische Verantwortung:

  • Kritische Bewertung: Wer hat die Studie finanziert? (Möglicher Interessenkonflikt?)

  • Methodenprüfung: Wurde ein geeignetes Studiendesign gewählt? Wurde die Ethikkommission eingebunden?

  • Ergebnisinterpretation: Werden die Schlussfolgerungen wirklich durch die Daten gestützt? Werden Limitationen diskutiert?

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel: Der unter Druck stehende Doktorand

Szenario: Ein Zahnmediziner promoviert über die Haltbarkeit eines neuen Komposits. Die Studie ist doppelblind und randomisiert. Nach Auswertung der 2-Jahres-Daten zeigt sich jedoch kein signifikanter Unterschied zwischen dem neuen Material und der Kontrollgruppe. Der betreuende Professor, der gute Kontakte zum Hersteller des Materials unterhält, ist enttäuscht. Er schlägt vor: “Schauen Sie sich doch die 1-Jahres-Daten nochmal genauer an. Vielleicht finden Sie dort einen Trend. Und wir könnten die Ausreißer nach oben in der Kontrollgruppe vielleicht nochmal überprüfen. Die Publikation in einem hochrangigen Journal wäre sonst schwierig.”

Ethische Analyse:
Der Professor übt subtilen Druck aus und suggeriert Praktiken, die gegen die Gute Wissenschaftliche Praxis verstoßen:

  1. Data Fishing / p-Hacking: Das erneute Durchsuchen der 1-Jahres-Daten ohne vorherige Hypothese, um doch noch ein signifikantes Ergebnis zu finden.

  2. Selektive Datenmanipulation: Das “Überprüfen” der Ausreißer in nur einer Gruppe zielt darauf ab, unerwünschte Daten zu entfernen.

  3. Interessenkonflikt: Die Verbindung zum Hersteller könnte die Objektivität des Professors trüben.

Ethisch korrektes Vorgehen des Doktoranden:

  • Integrität wahren: Die Null-Ergebnisse sind ein valides und wichtiges Studienergebnis. “Negative” Ergebnisse zu publizieren, ist wissenschaftlich wertvoll, da es andere vor fehlgeleiteten Forschungen bewahrt.

  • Klare Kommunikation: “Die Daten zeigen nach zwei Jahren leider keine Überlegenheit des neuen Materials. Eine Publikation dieses Ergebnisses ist aus wissenschaftlicher Sicht dennoch wichtig und ehrlich.”

  • Alternative Publikationsmöglichkeiten suchen, die auch negativen Ergebnissen einen Raum geben.

  • Limitationen der Studie offen im Manuskript diskutieren.

Konsequenz: Eine Publikation der wahren Ergebnisse schadet kurzfristig vielleicht der Beziehung zum Hersteller, bewahrt aber langfristig den wissenschaftlichen Ruf des Doktoranden und seines Lehrstuhls. Die Versuchung zu manipulieren, ist groß, aber der Preis – der Verlust der wissenschaftlichen Integrität – ist ungleich höher.