Lektion 10: Management von Patienten mit körperlichen Behinderungen (z.B. Zerebralparese, Mobilitätseinschränkungen)
A. Klinische Relevanz
Die Behandlung von Patienten mit schweren körperlichen Behinderungen stellt die zahnärztliche Praxis vor logistische, ergonomische und sicherheitstechnische Herausforderungen. Das zahnmedizinische Problem mag trivial sein, doch die Durchführung der Behandlung kann komplex werden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht in einer speziellen Zahnmedizin, sondern in der Anpassung des Umfelds und der Behandlungstechniken an die individuellen Bedürfnisse des Patienten. Diese Lektion vermittelt praktische Strategien zur Überwindung von Barrieren wie dem Transfer aus dem Rollstuhl, der Stabilisierung bei unwillkürlichen Bewegungen und der sicheren Durchführung von zahnärztlichen Maßnahmen. Ziel ist es, eine qualitativ hochwertige Versorgung in einer sicheren und respektvollen Atmosphäre zu ermöglichen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Herausforderung: Zugang und Lagerung
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Barrierefreiheit: Eine Grundvoraussetzung. Rampen, breite Türen und ausreichend Platz im Behandlungszimmer sind essenziell.
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Der Transfer: Der Transfer vom Rollstuhl auf den Behandlungsstuhl ist oft ein kritischer Punkt.
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Technik: Ein sicherer Transfer erfordert in der Regel zwei Personen und eine klare Absprache. Die Bremsen des Rollstuhls müssen arretiert, die Fußstützen entfernt werden. Der Patient wird mit einem unterstützenden Griff (z.B. um den Rumpf) angehoben und auf den Behandlungsstuhl gedreht.
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Behandlung im Rollstuhl: Bei modernen Elektrorollstühlen mit Kantelungs- und Liegefunktion sowie integrierter Kopfstütze ist die Behandlung direkt im Rollstuhl oft die sicherere und für den Patienten komfortablere Option. Dies erfordert mobile zahnärztliche Geräteeinheiten.
2. Die Herausforderung: Unwillkürliche Bewegungen (z.B. bei Zerebralparese) Zerebralparese (CP) ist eine neurologische Störung, die oft mit Spastiken (erhöhter Muskeltonus) oder athetoiden (langsamen, unwillkürlichen) Bewegungen einhergeht.
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Management-Strategien:
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Stabilisierung:
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Kopf: Spezielle Kissen, Vakuummatratzen oder die sanfte, aber feste manuelle Stabilisierung durch eine geschulte Assistenz.
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Körper: Sicherheitsgurte, Kissen oder eine beschwerte Decke können dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität geben.
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Beißkeil (Mouth Prop): Ein unverzichtbares Hilfsmittel. Er hält den Mund passiv offen, schützt die Finger des Behandlers und die Instrumente vor einem plötzlichen, unwillkürlichen Zubeißreflex und entlastet die Kiefermuskulatur des Patienten.
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Atmosphäre: Eine ruhige, reizarme Umgebung hilft, spastische Reaktionen zu minimieren.
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3. Anpassung der zahnärztlichen Therapie Die Therapie muss sicher, schnell und fehlertolerant sein.
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Prävention hat oberste Priorität: Da die restaurative Behandlung so aufwendig ist, muss der Fokus auf einem aggressiven präventiven Regime liegen.
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Materialwahl: Schnelle und feuchtigkeitstolerante Materialien sind oft die beste Wahl. Glasionomerzemente und konfektionierte Stahlkronen sind Kompositrestaurationen in vielen Fällen überlegen.
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Kofferdam: Die Anwendung von Kofferdam ist bei Patienten mit unwillkürlichen Bewegungen dringend zu empfehlen. Er bietet einen unübertroffenen Schutz der Atemwege vor der Aspiration von Kleinteilen und hält Zunge und Wangen sicher vom Arbeitsfeld fern.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Team-Ansatz unter Einbezug der Pflegeperson: Die Begleitperson (Eltern, Pflegekraft) ist der Experte für den Patienten. Sie kennt seine Reaktionen, Ängste und besten Kommunikationswege. Ein kurzes Gespräch vor der Behandlung (“Worauf müssen wir heute besonders achten? Was hilft ihm/ihr, sich zu entspannen?”) ist Gold wert.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 25-jähriger Patient mit schwerer spastischer Zerebralparese muss an einem unteren Molaren wegen einer tiefen Karies behandelt werden. Er kann seinen Kopf nicht selbstständig ruhig halten und hat einen starken, unwillkürlichen Beißreflex.
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Analyse:
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Hauptrisiko: Verletzung des Patienten oder des Teams durch unkontrollierte Bewegungen während der Präparation mit hochtourigen Instrumenten. Aspiration von Debris oder Wasser.
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Kooperation: Der Patient ist kognitiv ansprechbar und behandlungswillig, kann aber die Bewegungen nicht steuern.
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Klinische Konsequenz & Management-Plan:
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Vorbereitung: Der Termin wird mit ausreichend Pufferzeit geplant. Die Behandlung wird direkt im anpassbaren Rollstuhl des Patienten durchgeführt.
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Stabilisierung: Eine zweite Assistenz wird allein für die sanfte, aber sichere Stabilisierung des Kopfes eingeteilt. Ein mit Zahnseide gesicherter Beißkeil wird platziert.
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Schutz: Ein Kofferdam wird angelegt. Dies ist der wichtigste Schritt zur Gewährleistung der Sicherheit.
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Therapie: Die Karies wird primär mit Handinstrumenten (Löffel-Exkavator) und einem langsam laufenden Rosenbohrer entfernt, um das Risiko bei einer plötzlichen Bewegung zu minimieren. Als Füllungsmaterial wird ein kunststoffmodifizierter Glasionomerzement (KM-GIZ) gewählt, der schnell zu applizieren ist und kleine Feuchtigkeits-Kontaminationen verzeiht.
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Ergebnis: Durch die systematische Anpassung des Arbeitsablaufs und der Materialwahl an die körperlichen Einschränkungen des Patienten konnte eine sichere und qualitativ hochwertige Behandlung durchgeführt werden, die ansonsten nur in Narkose möglich gewesen wäre.