Lektion 8: Orale Schleimhautveränderungen und das Burning-Mouth-Syndrom
A. Klinische Relevanz
Die Mundschleimhaut ist ein Spiegel der Allgemeingesundheit und unterliegt im Alter deutlichen Veränderungen. Für den Zahnarzt ist die Fähigkeit, normale altersbedingte Veränderungen von potenziell pathologischen Läsionen zu unterscheiden, eine diagnostische Kernkompetenz. Viele Schleimhauterkrankungen, von Prothesen-assoziierten Problemen bis hin zu Pilzinfektionen, sind bei älteren Patienten besonders prävalent. Eine besondere Herausforderung stellt das Burning-Mouth-Syndrom (Zungenbrennen) dar, eine oft quälende und für Patienten beängstigende Erkrankung. Die korrekte Diagnostik, die Einleitung der richtigen Therapie und vor allem die empathische Aufklärung sind entscheidend für die Lebensqualität dieser Patientengruppe.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Typische Schleimhautveränderungen im Alter
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Atrophie: Das orale Epithel wird dünner, glatter und verletzlicher. Die klassische “Stippling” der Gingiva geht oft verloren.
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Verzögerte Wundheilung: Die Regenerationsfähigkeit des Gewebes ist reduziert.
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Prothesen-assoziierte Läsionen:
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Prothesenstomatitis: Die häufigste Läsion. Eine diffuse Rötung und Entzündung der Gaumenschleimhaut, die exakt der Kontur der Prothesenbasis entspricht. Ursache ist fast immer eine chronische Candida-Infektion (Pilz), die sich im feuchten Milieu unter einer unsauberen oder schlecht sitzenden Prothese entwickelt.
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Epulis fissuratum (Prothesenreizfibrom): Wulstige, hyperplastische Gewebefalten am Prothesenrand, verursacht durch chronische mechanische Irritation einer schlecht sitzenden Prothese.
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Orale Candidose (Soor): Eine opportunistische Pilzinfektion, die bei älteren Patienten durch Risikofaktoren wie Xerostomie, Prothesentragen, Immunsuppression oder rezente Antibiotika-Therapie begünstigt wird.
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Klinische Formen: Von abwischbaren weißen Belägen (pseudomembranös) bis zu schmerzhaften roten, atrophischen Arealen (erythematös). Die Mundwinkelrhagaden (Cheilitis angularis) sind oft ebenfalls eine Manifestation.
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2. Das Burning-Mouth-Syndrom (BMS) / Glossodynie
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Definition: Eine chronische, idiopathische Schmerzerkrankung, charakterisiert durch ein brennendes, kribbelndes oder wundes Gefühl der Mundschleimhaut bei völlig unauffälligem klinischen Befund. Es ist eine Ausschlussdiagnose.
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Klinische Trias:
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Symptome: Brennen “wie nach heißem Kaffee”.
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Lokalisation: Meist beidseits und symmetrisch, am häufigsten die vorderen zwei Drittel der Zunge, gefolgt von Gaumen und Lippen.
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Zeitlicher Verlauf: Typischerweise beim Aufwachen nicht vorhanden, nimmt die Intensität über den Tag zu und ist abends am schlimmsten. Das Brennen wird oft durch Essen und Trinken gelindert.
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Ätiologie: Unklar und wahrscheinlich multifaktoriell. Gilt heute primär als neuropathische Schmerzstörung, möglicherweise durch eine Degeneration feiner Nervenfasern in der Schleimhaut oder eine zentrale Schmerzverarbeitungsstörung. Es tritt überwiegend bei Frauen in der Postmenopause auf.
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Diagnostik: Der Ausschlussprozess Bevor die Diagnose BMS gestellt werden kann, müssen alle anderen möglichen Ursachen für ein Zungenbrennen systematisch ausgeschlossen werden:
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Lokale Ursachen: Orale Candidose, Allergien, trockener Mund (Xerostomie).
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Systemische Ursachen: Nicht diagnostizierter Diabetes, Vitaminmangel (v.a. B12, Folsäure, Eisen), Schilddrüsenerkrankungen.
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Medikamenten-Nebenwirkungen: (z.B. ACE-Hemmer).
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3. Management des Burning-Mouth-Syndroms
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Aufklärung und Beruhigung (“Reassurance”): Dies ist der wichtigste therapeutische Schritt. Dem Patienten muss glaubhaft versichert werden, dass seine Schleimhaut gesund aussieht und dass es sich nicht um Krebs handelt. Die Anerkennung, dass der Schmerz real ist, aber auf einer Nervenfunktionsstörung beruht, ist für die Patienten oft eine enorme Erleichterung.
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Symptomatische Therapie: Da es keine kausale Therapie gibt, zielt die Behandlung auf Linderung ab:
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Meiden von scharfen, sauren Speisen.
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Kühle Getränke, Eiswürfel lutschen.
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Topische Medikamente (z.B. Clonazepam-haltige Spülungen) oder systemische Medikamente in niedriger Dosierung (z.B. Antidepressiva wie Amitriptylin) können in schweren Fällen versucht werden.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Wichtigkeit der Biopsie: Jede unklare, nicht abheilende weißliche, rötliche oder ulzerierte Schleimhautveränderung, die länger als 2 Wochen besteht, muss biopsiert werden, um eine Dysplasie oder ein Karzinom auszuschließen!
Fallbeispiel 1: Prothesenstomatitis
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Szenario: Ein 79-jähriger Patient mit einer alten Oberkiefer-Totalprothese. Der Gaumen ist flächig gerötet.
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Diagnose: Prothesenstomatitis, Candida-assoziiert.
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Therapie: Ein 3-Punkte-Plan: 1. Antimykotische Therapie der Schleimhaut und der Prothese (z.B. mit Miconazol-Gel). 2. Intensive Instruktion zur Prothesenhygiene (nachts trocken lagern!). 3. Unterfütterung oder Neuanfertigung der schlecht sitzenden Prothese.
Fallbeispiel 2: Burning-Mouth-Syndrom
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Szenario: Eine 68-jährige, gesunde Patientin klagt seit Monaten über ein quälendes Brennen der Zungenspitze. Sie hat Angst, sie hätte Zungenkrebs.
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Diagnostischer Prozess:
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Inspektion: Die Mundschleimhaut inklusive der Zunge ist klinisch völlig unauffällig.
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Anamnese: Das Brennen ist morgens weg und wird abends unerträglich. Beim Essen merkt sie nichts.
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Ausschlussdiagnostik: Ein Schleimhautabstrich auf Pilze ist negativ. Ein Blutbild, das vom Hausarzt angefordert wird, zeigt keine Mangelzustände.
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Analyse: Nach dem Ausschluss aller differenzialdiagnostischen Möglichkeiten passen die Symptome perfekt zur Diagnose eines Burning-Mouth-Syndroms.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Aufklärung: Der wichtigste Schritt. “Frau Meier, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht, und das ist die wichtigste: Ihre Zunge ist vollkommen gesund, Sie haben definitiv keinen Krebs. Die schlechte Nachricht ist, dass Ihre Beschwerden von einer Art Überempfindlichkeit der feinen Nervenenden in der Zunge kommen. Wir nennen das Burning-Mouth-Syndrom. Wir können es nicht einfach ‘heilen’, aber wir können Ihnen helfen, damit umzugehen.”
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Ergebnis: Die Angst vor einer malignen Erkrankung ist für die meisten Patienten die größte Belastung. Die fundierte Diagnose und die empathische Zusicherung, dass der Befund harmlos ist, stellt oft bereits die wirksamste Therapie dar.