Lektion 7: Prothetische Versorgungskonzepte für den älteren Patienten (z.B. Deckprothesen auf Restbezahnung/Implantaten)

A. Klinische Relevanz

 

Mit zunehmendem Zahnverlust im Alter wird die prothetische Rehabilitation zur zentralen Aufgabe. Die klassische Totalprothese stellt jedoch, insbesondere im zahnlosen Unterkiefer, aufgrund von Knochenabbau und Mundtrockenheit oft eine unbefriedigende, instabile und schmerzhafte Lösung dar. Die moderne Gerontoprothetik verfolgt daher das Ziel, die Lebensqualität durch stabilere und komfortablere Lösungen zu verbessern. Das strategische Erhalten einzelner Zähne oder das Setzen weniger Implantate zur Verankerung einer sogenannten Deckprothese (Overdenture) ist hierbei das wichtigste und erfolgreichste Konzept. Es verbessert die Kaufunktion, den Komfort und das psychische Wohlbefinden der Patienten dramatisch.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Herausforderungen der Totalprothetik im Alter

  • Kieferkammatrophie: Nach Zahnverlust bildet sich der Alveolarknochen unaufhaltsam zurück. Insbesondere im Unterkiefer entsteht oft ein flacher, schmaler Kieferkamm, der einer Totalprothese kaum noch Halt bietet.

  • Xerostomie: Ein trockener Mund verhindert den für den Halt einer Oberkiefer-Totalprothese notwendigen “Saug-Effekt” und führt zu schmerzhaften Druckstellen.

  • Reduzierte neuromuskuläre Adaptation: Älteren Patienten fällt es schwerer, eine instabile Prothese mit der Zungen- und Wangenmuskulatur zu kontrollieren.

  • Reduzierte manuelle Geschicklichkeit: Erschwert die Handhabung und die notwendige, anspruchsvolle Hygiene.

2. Das Konzept der Deckprothese (Overdenture)

  • Definition: Eine herausnehmbare Prothese, die nicht nur auf der Schleimhaut aufliegt, sondern sich zusätzlich auf präparierten Restzähnen oder auf Implantaten abstützt und daran verankert ist.

  • Grundprinzip: Anstatt einen Kiefer komplett zahnlos zu machen, werden wenige, strategisch wichtige Zähne (oft Eckzähne oder Prämolaren) erhalten. Sie werden endodontisch behandelt und stark gekürzt, sodass sie nur noch wenig über das Zahnfleischniveau hinausragen.

  • Die entscheidenden Vorteile gegenüber einer schleimhautgetragenen Totalprothese:

    1. Erhalt des Alveolarknochens: Die belasteten Pfeiler (Wurzeln oder Implantate) erhalten den Knochen und verhindern dessen Atrophie.

    2. Massiv verbesserte Stabilität und Retention: Die Prothese ist an den Pfeilern verankert und kann beim Kauen und Sprechen nicht kippen oder abfallen.

    3. Verbesserte Propriozeption: Bei Erhalt von Restzähnen liefert das Desmodont weiterhin taktiles Feedback, was die Steuerung der Kaukraft verbessert.

    4. Psychologischer Vorteil: Der Patient fühlt sich nicht “komplett zahnlos”.

3. Verankerungselemente für Deckprothesen

  • An natürlichen Zahnwurzeln:

    • Teleskopkronen: Der Goldstandard. Auf die präparierten Pfeilerzähne werden Primärkronen (meist aus Metall) fest zementiert. In die Prothese sind passgenaue Sekundärkronen eingearbeitet, die mit Friktion über die Primärkronen gleiten. Bietet exzellenten Halt und eine gute Kraftverteilung.

    • Kugelknopf- oder Steg-Systeme: Auf die Wurzeln werden Kappen mit Kugelknöpfen oder ein die Wurzeln verbindender Steg zementiert. In der Prothese befinden sich passende Halteelemente (Matrizen). Dies sind die “alten Prothetikformen”, die zwar noch vorkommen, aber von Teleskopen und Implantaten weitgehend abgelöst wurden.

  • An Implantaten (Implantat-gestützte Deckprothese):

    • Locatoren®: Das heute gebräuchlichste und anwenderfreundlichste System. Ein flacher Druckknopf wird in das Implantat geschraubt. In die Prothese wird eine Kunststoff-Matrize eingearbeitet, die auf den Locator “einklickt”. Sehr effektiv und für den Patienten leicht zu handhaben.

    • Steg-Konstruktion: Zwei oder mehr Implantate werden durch einen individuell gefertigten Metallsteg verbunden. In der Prothese befinden sich Reiter oder Klemmen, die auf diesem Steg einrasten. Bietet die höchste Stabilität.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Behandlungsplanung: Die Entscheidung für eine Deckprothese ist eine strategische. Die Pfeiler (Zähne oder Implantate) müssen eine gute Prognose haben und an biomechanisch günstigen Positionen stehen. Im zahnlosen Unterkiefer reichen oft schon zwei Implantate in der Eckzahnregion aus, um die Lebensqualität des Patienten dramatisch zu verbessern.

Hygiene ist entscheidend: Die Pfeiler und die Innenseite der Prothese müssen penibel gereinigt werden, um Karies und Periimplantitis zu verhindern. Patienten und Pflegepersonal benötigen hierfür eine intensive Instruktion.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 78-jähriger Patient ist mit seiner schlecht sitzenden Unterkiefer-Totalprothese extrem unzufrieden. Sie kippelt, verursacht Schmerzen und er kann nicht mehr richtig essen. Sein Kieferkamm ist stark atropisch.

  • Analyse: Eine neue, rein schleimhautgetragene Prothese würde das Problem der mangelnden Stabilität nicht lösen. Die Lebensqualität des Patienten ist stark eingeschränkt.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine Implantat-gestützte Deckprothese im Unterkiefer.

    1. Chirurgische Phase: Es werden zwei Standard-Implantate in der Region der ehemaligen Eckzähne (Regio 33, 43) inseriert.

    2. Einheilphase: Nach einer Einheilzeit von ca. 3 Monaten werden die Implantate freigelegt.

    3. Prothetische Phase: Auf die Implantate werden Locator®-Abutments geschraubt. Eine neue Totalprothese wird angefertigt, in die die passenden Locator-Matrizen eingearbeitet werden.

  • Ergebnis: Der Patient kann seine neue Prothese nun auf die Locatoren “aufklicken”. Die Prothese sitzt absolut fest, kippelt nicht mehr und ermöglicht wieder ein kraftvolles Zubeißen. Die Druckstellen verschwinden. Die Kaufunktion, die Sicherheit beim Sprechen und damit die gesamte Lebensqualität des Patienten sind dramatisch verbessert.