Lektion 6: Management des Abrasions- und Erosionsgebisses im Alter
A. Klinische Relevanz
Zahnhartsubstanzverlust ist ein kumulativer Prozess. Bei geriatrischen Patienten manifestieren sich die Effekte eines lebenslangen Verschleißes durch Abrasion, Attrition und Erosion oft in ausgeprägter Form. Ein fortgeschrittenes Abrasionsgebiss ist mehr als ein ästhetisches Problem; es kann zu erheblichen funktionellen Einschränkungen (Verlust der vertikalen Bisshöhe, reduzierte Kaueffizienz), Hypersensitivitäten und einem erhöhten Risiko für Zahnfrakturen führen. Das Management dieser oft komplexen Fälle erfordert eine sorgfältige Diagnostik zur Identifikation der primären Ursache und eine stufenweise, oft minimalinvasive Behandlungsstrategie, um die Funktion wiederherzustellen und eine weitere Progression zu verhindern.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das multifaktorielle Geschehen Im Alter liegt selten eine einzelne Ursache für den Zahnverschleiß vor. Meist handelt es sich um eine Überlagerung und gegenseitige Verstärkung verschiedener Prozesse:
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Attrition: Physiologischer oder parafunktioneller (Bruxismus) Abrieb durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt.
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Abrasion: Mechanischer Abrieb durch Fremdkörper (z.B. falsche Putztechnik).
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Erosion: Chemische Auflösung der Zahnhartsubstanz durch nicht-bakterielle Säuren.
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Synergistischer Effekt: Der entscheidende Faktor. Erosiv vorgeschädigter Schmelz ist signifikant weicher und wird durch Abrasion und Attrition um ein Vielfaches schneller abgetragen als gesunder Schmelz.
2. Klinische Konsequenzen des fortgeschrittenen Verschleißes
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Verlust der vertikalen Bisshöhe (Vertical Dimension of Occlusion – VDO): Der Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer bei maximaler Interkuspidation verringert sich.
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Folgen: Eingefallenes unteres Gesichtsdrittel (“Greisengesicht”), Winkelcheilitis (Rhagaden in den Mundwinkeln), potenzielle Beeinträchtigung der Kiefergelenksfunktion.
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Exposition von Dentin: Führt zu generalisierten Hypersensitivitäten und erhöhtem Kariesrisiko.
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Funktionelle und ästhetische Beeinträchtigung: Flache, ineffiziente Kauflächen; kurze, verfärbte Zähne.
3. Stufenweises Management-Konzept
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a) Kausale Therapie (Prävention der Progression): Dies ist immer der erste und wichtigste Schritt.
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Diagnostik: Identifikation des führenden ätiologischen Faktors durch Anamnese und klinisches Bild.
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Maßnahmen:
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Bei Erosion: Ernährungsberatung, Management von Reflux/Bulimie.
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Bei Attrition/Bruxismus: Anfertigung einer Okklusionsschiene (Aufbissschiene) zur Entkopplung der Zähne und zum Schutz vor weiterer Abradierung.
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Bei Abrasion: Mundhygiene-Instruktion (weiche Bürste, geringer Druck).
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Begleitend: Intensive Fluoridierung zur Reduktion von Sensitivitäten und zur Erhöhung der Säureresistenz.
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b) Minimalinvasive restaurative Therapie (Adhäsive Rehabilitation):
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Konzept: Anstatt die Zähne invasiv für Kronen zu beschleifen, wird die verlorene Substanz und Bisshöhe durch direkte adhäsive Aufbauten mit Komposit wiederhergestellt.
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Vorteile: Maximaler Erhalt von gesunder Zahnsubstanz, reversibel, kostengünstiger als eine Komplett-Prothetik.
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Technik: Oft werden die Kauflächen der Seitenzähne und die Palatinal-/Inzisalkanten der Frontzähne systematisch mit Komposit erhöht, um eine neue, stabile Okklusion in einer angehobenen Bisshöhe zu etablieren.
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c) Umfassende prothetische Rehabilitation:
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Indikation: Bei extremem Substanzverlust, bei dem adhäsive Aufbauten keine ausreichende Stabilität mehr bieten.
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Therapie: Versorgung der Zähne mit Teilkronen, Onlays oder Vollkronen zur Rekonstruktion der VDO und Funktion. Dies ist die invasivste und kostenintensivste, aber in manchen Fällen die einzig langlebige Lösung.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Behandlungsentscheidung: Beobachten oder Intervenieren? Nicht jeder Zahnverschleiß muss sofort restauriert werden. Bei langsamem, altersphysiologischem Verschleiß ohne funktionelle oder ästhetische Beschwerden ist ein regelmäßiges Monitoring oft ausreichend. Eine Intervention ist indiziert bei:
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Nachgewiesener, schneller Progression.
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Funktionellen Problemen (z.B. Kaueinschränkung).
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Anhaltenden Hypersensitivitäten.
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Deutlichem ästhetischen Wunsch des Patienten.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 68-jähriger, ansonsten gesunder Patient ist unzufrieden mit seinen “kurzen, abgenutzten Zähnen” und hat Schwierigkeiten beim Abbeißen. Die klinische Untersuchung zeigt eine massive Attrition der Frontzähne und abgeflachte Höcker im Seitenzahnbereich, was zu einem Verlust der VDO von ca. 4 mm geführt hat.
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Analyse: Die primäre Ursache ist wahrscheinlich ein lebenslanger Bruxismus. Der Patient wünscht eine funktionelle und ästhetische Verbesserung, scheut aber eine invasive Komplettsanierung mit Kronen.
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Klinische Konsequenz & pragmatischer Behandlungsplan:
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Kausale Therapie: Anfertigung einer Okklusionsschiene für die Nacht, um die Parafunktion zu kontrollieren und die Kiefergelenke zu entlasten. Dies ist die zwingende Voraussetzung für den Schutz jeder nachfolgenden Restauration.
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Restaurative Therapie (minimalinvasiv): Es wird eine adhäsive Rehabilitation mit Komposit geplant. In mehreren Sitzungen werden die Palatinalflächen der Oberkiefer-Frontzähne und die Okklusalflächen der Seitenzähne schrittweise mit Komposit aufgebaut, um die Bisshöhe zu erhöhen und eine stabile Abstützung zu schaffen. Anschließend werden die Schneidekanten der Frontzähne ästhetisch verlängert.
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Ergebnis: Mit einem substanzschonenden, adhäsiven Vorgehen konnte die Funktion und Ästhetik des Gebisses wiederhergestellt und die Bisshöhe rehabilitiert werden. Die Okklusionsschiene schützt die neuen Restaurationen und die Restzahnsubstanz vor weiterer Zerstörung. Eine invasive prothetische Versorgung konnte vermieden werden.