Lektion 4: Wurzelkaries – Ätiologie, Diagnostik und Management

A. Klinische Relevanz

 

Die Wurzelkaries ist die “Karies des älteren Erwachsenen”. Während Schmelzkaries bei Kindern und jungen Erwachsenen dominiert, wird die Wurzelkaries mit zunehmendem Alter und der damit verbundenen Zunahme von gingivalen Rezessionen zu einem Hauptproblem. Sie schreitet oft schnell fort, ist schwierig zu restaurieren und wird durch altersassoziierte Faktoren wie Xerostomie dramatisch begünstigt. Die Prävention, Früherkennung und das Management von Wurzelkaries sind daher eine zentrale Aufgabe in der Betreuung geriatrischer Patienten, um deren Zähne langfristig zu erhalten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Ätiologie und spezifische Risikofaktoren

  • Zwingende Voraussetzung: Freiliegende Wurzeloberfläche. Ohne gingivale Rezession gibt es keine Wurzelkaries.

  • Das vulnerable Substrat: Die Wurzeloberfläche ist von Zement bedeckt, das sehr dünn, weich und wenig mineralisiert ist. Liegt das Dentin frei, ist es ebenfalls deutlich anfälliger als Schmelz.

    • Höherer kritischer pH-Wert: Die Demineralisation von Zement und Dentin beginnt bereits bei einem pH-Wert von ca. 6,2 – 6,7 (im Vergleich zu ~5,5 für Schmelz). Sie sind also anfälliger für schwächere Säureattacken.

  • Der Biofilm: Die mikrobielle Zusammensetzung ist oft diverser als bei Schmelzkaries. Neben Mutans-Streptokokken und Laktobazillen spielen Actinomyces-Spezies eine wichtige Rolle.

  • Der Haupt-Risikofaktor: Xerostomie. Die medikamenten-induzierte Mundtrockenheit bei älteren Patienten ist der stärkste Beschleuniger für Wurzelkaries. Der Mangel an Speichel eliminiert die Spül-, Puffer- und Remineralisationsfunktion.

  • Weitere Risikofaktoren: Mangelnde Mundhygienefähigkeit (reduzierte manuelle Geschicklichkeit), unzureichende Fluoridexposition, Prothesenklammern, die Plaque akkumulieren.

2. Diagnostik: Aktiv vs. Inaktiv Die entscheidende diagnostische Frage ist, ob eine Läsion aktiv fortschreitet oder zum Stillstand gekommen (arretiert) ist.

  • Aktive Wurzelkariesläsion:

    • Visuell: Schlecht definierte Kontur, gelblich bis hellbraun.

    • Taktil: Bei sanfter Sondierung mit einer WHO-Sonde fühlt sich die Oberfläche weich oder ledrig an.

  • Inaktive (arretierte) Wurzelkariesläsion:

    • Visuell: Scharf definierte Kontur, dunkelbraun bis schwarz.

    • Taktil: Die Oberfläche ist bei der Sondierung glatt und hart wie Glas (“ebonisiert”).

3. Prävention und Management

  • a) Non-invasives Management (Arretierung von aktiven Läsionen): Dies ist die Therapie der ersten Wahl, insbesondere bei nicht-kavitierten oder schwer zugänglichen Läsionen.

    • Intensive Fluoridierung: Der Eckpfeiler der Behandlung.

      • Professionell: Regelmäßige (alle 3 Monate) Applikation von hochkonzentriertem Fluoridlack (22.600 ppm) direkt auf die Läsionen.

      • Häuslich: Verordnung einer hochkonzentrierten Fluoridzahnpasta (5000 ppm) zur täglichen Anwendung.

    • Silberdiaminfluorid (SDF): Eine extrem effektive Methode zur schnellen Arretierung, insbesondere bei Patienten mit eingeschränkter Kooperation. Führt zur charakteristischen Schwarzfärbung der Läsion.

  • b) Restaurative Therapie:

    • Indikation: Bei kavernenartigen Defekten, die die Reinigung erschweren, bei ästhetischer Beeinträchtigung oder bei persistierender Hypersensitivität.

    • Material der Wahl: Glasionomerzemente (GIZ) / Kunststoffmodifizierte GIZ (KM-GIZ).

      • Rationale:

        1. Fluoridfreisetzung: Bietet einen anhaltenden kariostatischen Schutz in einem Hochrisiko-Umfeld.

        2. Chemische Adhäsion: Haftet zuverlässig an Schmelz und Dentin ohne komplexe Adhäsivtechnik.

        3. Feuchtigkeitstoleranz: Ist in der zervikalen, oft schwer trockenzulegenden Region einfacher zu verarbeiten als Komposit.

    • Komposit: Eine Option bei hohen ästhetischen Ansprüchen und garantierter Trockenlegung, aber die Langzeitprognose in einem xerostomen Mund ist oft schlechter.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Ganzheitlicher Ansatz: Die alleinige Füllung einer Wurzelkariesläsion ist ein Kunstfehler. Die Therapie muss immer die Beseitigung bzw. das Management der zugrundeliegenden Ursachen (z.B. Mundtrockenheit, Hygienedefizite) umfassen, um ein Rezidiv zu verhindern.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 82-jähriger Patient mit Parkinson-Erkrankung und medikamenten-induzierter Xerostomie. Seine manuelle Geschicklichkeit ist stark eingeschränkt. Er hat multiple, weiche, hellbraune Läsionen an den bukkalen Zahnhälsen der Unterkiefer-Prämolaren.

  • Analyse:

    • Diagnose: Multiple aktive Wurzelkariesläsionen.

    • Ätiologie: Klassische Kombination aus freiliegenden Wurzeloberflächen, schwerer Xerostomie und unzureichender Mundhygienefähigkeit.

  • Klinische Konsequenz & pragmatischer Management-Plan:

    1. Priorisierung: Ziel ist nicht die restaurative Perfektion, sondern die schnelle und effektive Arretierung aller aktiven Läsionen, um eine Progression und Schmerzen zu verhindern.

    2. Therapie der Wahl: Silberdiaminfluorid (SDF).

    3. Vorgehen: Nach Aufklärung und Einverständnis (bzgl. der Schwarzfärbung) werden die Läsionen gereinigt und mit SDF bepinselt. Dies ist ein schneller, schmerzfreier und für den Patienten wenig belastender Eingriff.

    4. Präventionsprogramm: Die Pflegekraft/Angehörigen werden in die Mundhygiene mit einer elektrischen Zahnbürste instruiert. Es wird eine 5000 ppm Fluoridzahnpasta rezeptiert. Der Patient wird in ein engmaschiges 3-monatiges Prophylaxe-Recall aufgenommen.

  • Ergebnis: Der Krankheits-Tsunami wird mit einer minimalinvasiven, aber hoch-effektiven Methode gestoppt. Die Lebensqualität des Patienten wird erhalten, ohne ihn mit aufwendigen und potenziell überfordernden Füllungstherapien zu belasten.