Lektion 8: Reparatur oder Neuanfertigung? – Eine klinische Entscheidungshilfe
A. Klinische Relevanz
Die Konfrontation mit einer defekten, aber noch vorhandenen alten prothetischen Versorgung gehört zum zahnärztlichen Alltag. Die Entscheidung, ob eine Reparatur versucht werden kann oder eine komplette Neuanfertigung unumgänglich ist, ist eine der häufigsten und wichtigsten klinischen Abwägungen. Eine Reparatur ist oft schneller und kostengünstiger, birgt aber das Risiko eines baldigen erneuten Versagens. Eine Neuanfertigung ist prognostisch sicherer, aber auch invasiver und teurer. Diese Lektion vermittelt einen systematischen Kriterienkatalog, um eine fundierte, verantwortungsvolle und für den Patienten transparente Entscheidung zwischen Reparatur und Neuanfertigung zu treffen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Der diagnostische Kriterienkatalog Die Entscheidung wird anhand einer systematischen Beurteilung von fünf Kernbereichen getroffen:
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1. Biologische Integrität (Ist der Pfeilerzahn gesund?):
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Sekundärkaries: Ist Karies unter einem Kronenrand vorhanden? -> Neuanfertigung ist fast immer zwingend.
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Parodontaler Zustand: Ist der Pfeilerzahn noch stabil oder hat er eine schlechte parodontale Prognose?
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Endodontischer Zustand: Gibt es Anzeichen einer apikalen Pathologie am Pfeiler?
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2. Mechanische Integrität (Ist die Konstruktion intakt?):
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Wo ist der Defekt? Handelt es sich um einen kleinen, oberflächlichen Schaden (z.B. Abplatzung der Verblendung) oder um einen Bruch eines tragenden Teils (z.B. Brückenverbinder, Stift, Hauptgerüst)? -> Ein Bruch tragender Teile erfordert fast immer eine Neuanfertigung.
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3. Funktionelle Integrität (Stimmt der Biss noch?):
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Ist die Okklusion noch stabil und funktionell? Oder hat starker Verschleiß zu einem Biss-Absinken geführt?
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4. Ästhetik:
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Erfüllt die Versorgung noch die ästhetischen Ansprüche des Patienten?
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5. Hygienefähigkeit:
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Sind die Ränder und Zwischenglieder noch so zu reinigen, dass die Gesundheit der umgebenden Gewebe gewährleistet ist?
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2. Wann ist eine Reparatur sinnvoll? Eine Reparatur ist eine gute Option, wenn der Defekt klein, lokal begrenzt und nicht-strukturell ist und die Gesamtkonstruktion biologisch und mechanisch weiterhin einwandfrei ist.
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Typische Reparatur-Szenarien:
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Kleine Abplatzung der Verblendkeramik (“Chipping”): Kann oft intraoral mit einem speziellen Komposit-Reparaturset adhäsiv repariert werden.
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Verschleiß/Verlust eines Retentionselements: Austausch von verschlissenen Matrizen bei Steg- oder Kugelknopf-Prothesen.
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Bruch einer einzelnen Prothesenklammer.
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Verlust eines einzelnen Prothesenzahns an einer Teilprothese.
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3. Wann ist eine Neuanfertigung zwingend? Eine Neuanfertigung ist unumgänglich, wenn das Fundament oder die tragende Struktur der Versorgung versagt hat.
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Absolute Indikationen für eine Neuanfertigung:
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Nachgewiesene Sekundärkaries an einem Pfeilerzahn.
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Fraktur eines tragenden Teils (Brückenverbinder, Stift, Modellgussbasis).
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Wiederholter Retentionsverlust einer Krone oder Brücke (deutet auf eine fehlerhafte Präparation hin).
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Irreparable parodontale oder endodontische Schädigung eines Pfeilerzahns.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die transparente Patientenaufklärung: Der Patient muss über die Optionen, Kosten und die realistische Prognose aufgeklärt werden. Eine Reparatur ist oft ein “Kompromiss mit begrenzter Haltbarkeit”. Dies muss klar kommuniziert werden.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein Patient stellt sich mit einer 15 Jahre alten VMK-Brücke von 14 auf 16 vor. An der bukkalen Fläche des Brückenglieds 15 ist ein ca. 3×4 mm großes Stück der Keramikverblendung abgeplatzt (“Chipping”). Das darunterliegende Metall ist sichtbar. Der Patient ist beschwerdefrei.
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Diagnostischer Prozess (Checkliste):
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Biologisch: Die Ränder der Pfeilerkronen 14 und 16 werden klinisch und radiologisch kontrolliert und sind absolut dicht und kariesfrei. Das Parodont ist gesund. -> OK.
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Mechanisch: Das Gerüst der Brücke ist intakt. Der Defekt ist rein auf die Verblendung beschränkt. -> OK.
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Funktionell: Die Okklusion ist stabil. -> OK.
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Ästhetik: Der Defekt stört den Patienten beim Lachen. -> Handlungsbedarf.
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Hygiene: Die Stelle ist gut zu reinigen. -> OK.
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Analyse: Es handelt sich um einen rein lokalen, technischen Defekt an einer ansonsten perfekt funktionierenden und biologisch integrierten Versorgung.
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Klinische Konsequenz & Therapie-Optionen:
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Option A (Neuanfertigung): Wäre eine massive Übertherapie. Zwei intakte Pfeilerzähne müssten neu präpariert und eine teure neue Brücke angefertigt werden.
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Option B (Reparatur): Eine intraorale Komposit-Reparatur ist die Methode der Wahl.
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Vorgehen: Die Bruchstelle wird unter Kofferdam trockengelegt. Das Metall wird sandgestrahlt und mit einem Metall-Primer benetzt. Die Keramikränder werden konditioniert. Anschließend wird die Fehlstelle mit opaken und zahnfarbenen Kompositen schichtweise rekonstruiert und poliert.
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Ergebnis: Mit einem minimalinvasiven, kostengünstigen Verfahren wird die Ästhetik wiederhergestellt. Der Patient wird darüber aufgeklärt, dass dieser Verbund nicht so haltbar ist wie die ursprüngliche Keramik, aber eine gute mittelfristige Lösung darstellt. Die Entscheidung zur Reparatur hat dem Patienten eine aufwendige und invasive Neuanfertigung erspart.