Lektion 4: Die Stegprothese nach Dolder – Ein resilientes Verankerungskonzept

A. Klinische Relevanz

 

Die Stegprothese ist eine klassische, hochwertige Form des kombinierten Zahnersatzes, die insbesondere zur Versorgung des stark reduzierten Restgebisses entwickelt wurde. Ihr Prinzip – die Verblockung der Restzähne durch einen starren Steg, auf dem die Prothese verankert wird – schafft eine extrem stabile und langlebige Versorgung. Obwohl die Indikation heute oft durch Implantate oder Teleskopprothesen abgedeckt wird, werden Zahnärzte regelmäßig auf gut funktionierende, jahrzehntealte Stegprothesen treffen. Das Verständnis ihrer spezifischen Biomechanik und der typischen Wartungsanforderungen ist entscheidend, um diese komplexen Konstruktionen langfristig zu erhalten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Konzept: Primäre Verblockung und definierte Resilienz

  • Definition: Eine Stegprothese besteht aus einem festsitzenden Teil (dem Steg) und einem herausnehmbaren Teil (der Prothese mit Reiter).

    • Der Steg (Patrize): Ein individuell gegossener oder gefräster Metallsteg, der zwei oder mehr Pfeilerzähne (die zuvor mit Wurzelkappen oder Kronen versorgt wurden) starr miteinander verbindet.

    • Der Reiter (Matrize): Ein passgenaues Halteelement (eine Hülse oder ein Clip), das in die Prothesenbasis eingearbeitet ist und auf dem Steg einrastet.

  • Das Dolder-Steggelenk (klassische Form):

    • Design: Der klassische Steg nach Dolder hat keinen runden, sondern einen tropfen- oder eiförmigen Querschnitt.

    • Biomechanik (Resilienz): Dieses spezielle Design erlaubt dem Reiter in der Prothese eine geringfügige Rotationsbewegung um den Steg, wie bei einem Scharnier. Diese federnde Eigenschaft (Resilienz) ermöglicht es, dass sich die Freiendsättel der Prothese unter Kaudruck leicht auf die Schleimhaut absenken können. Die Kaukraft wird so zwischen den Pfeilerzähnen und der Schleimhaut aufgeteilt.

2. Indikationen (klassisch)

  • Hauptindikation: Die Versorgung des stark reduzierten Lückengebisses, insbesondere die klassische Situation, in der im Unterkiefer nur noch die beiden Eckzähne vorhanden sind (“parodontale Verankerung auf 2 Pfeilern”).

  • Vorteile dieser Konstruktion:

    • Primäre Verblockung: Der Steg schient die oft parodontal geschwächten Restzähne zu einem extrem stabilen Block.

    • Definierte Abstützung und Retention: Die Prothese hat einen unübertroffen sicheren und stabilen Halt.

3. Nachteile und moderne Alternativen

  • Invasivität: Erfordert die Überkronung und oft auch die endodontische Behandlung der Pfeilerzähne.

  • Hygienefähigkeit: Die Reinigung des Steges und insbesondere des Bereiches unter dem Steg ist für den Patienten anspruchsvoll und erfordert spezielle Hilfsmittel (z.B. Superfloss, Interdentalbürsten). Mangelnde Hygiene führt unweigerlich zu Karies und schwerer Gingivitis.

  • Moderne Alternativen: Teleskopprothesen (oft hygienefähiger) oder implantatgetragene Deckprothesen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Management und Wartung bestehender Stegprothesen:

  • Recall: Der entscheidende Punkt ist die regelmäßige, professionelle Reinigung des Steges und der Pfeilerzähne sowie die Re-Motivation des Patienten.

  • Wartung: Die Halteelemente (Reiter) in der Prothese, insbesondere wenn sie aus Kunststoff sind, nutzen sich über die Zeit ab und verlieren an Haltekraft. Sie sind als Verschleißteile konzipiert und können in der Praxis einfach und kostengünstig ausgetauscht werden (Aktivierung).

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 80-jähriger Patient trägt seit 25 Jahren eine Stegprothese im Unterkiefer, die auf den Eckzähnen 33 und 43 verankert ist. Er klagt, dass die Prothese in letzter Zeit “nicht mehr so gut hält”.

  • Klinische Untersuchung:

    • Die Pfeilerzähne sind dank guter Pflege gesund. Der Steg ist stabil und sauber.

    • Die Prothese selbst sitzt passgenau, lässt sich aber ohne nennenswerten Widerstand vom Steg abheben. Bei genauerer Betrachtung sind die Kunststoff-Matrizen (Reiter) in der Prothesenbasis sichtlich abgenutzt.

  • Analyse: Der Retentionsverlust ist nicht auf ein Versagen der Pfeiler oder des Steges zurückzuführen, sondern auf den normalen Verschleiß der austauschbaren Halteelemente.

  • Klinische Konsequenz & Therapie: Eine einfache Wartungsmaßnahme ist indiziert.

    1. Die alten, verschlissenen Reiter werden aus der Prothesenbasis entfernt.

    2. Neue Reiter werden ausgewählt.

    3. Die neuen Reiter werden mit selbsthärtendem Kunststoff direkt im Mund des Patienten (“chairside”) in der Prothese neu verklebt.

  • Ergebnis: Nach der Aushärtung des Kunststoffs rastet die Prothese wieder mit einem deutlichen “Klick” und festem Halt auf dem Steg ein. Mit einem minimalen, kostengünstigen Eingriff wurde die volle Funktion der aufwendigen und bewährten Versorgung für die nächsten Jahre wiederhergestellt.