Lektion 3: Die geblockte Füllung als Brückenpfeiler – Ein historischer Kompromiss
A. Klinische Relevanz
In der Ära vor der modernen Adhäsivbrücke und der Implantologie wurden oft kreative, aber biomechanisch kompromissbehaftete Lösungen zum Lückenschluss gesucht. Eine davon ist die “geblockte Füllung” oder Inlay-Brücke. Hierbei werden zwei Inlays oder Onlays an den Nachbarzähnen durch ein angelötetes Brückenglied starr miteinander verbunden. Obwohl heute nicht mehr lege artis, werden Zahnärzte bei der Untersuchung älterer Patienten auf diese Versorgungen stoßen. Das Verständnis ihres inhärenten Konstruktionsfehlers und des typischen Versagensmusters ist entscheidend, um sie korrekt zu diagnostizieren und die Notwendigkeit einer Erneuerung zu erkennen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Konzept: Eine “Füllungs-Brücke”
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Definition: Eine Brücke, deren Anker nicht aus umfassenden Kronen, sondern aus intrakoronalen Restaurationen (Inlays/Onlays) bestehen.
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Herstellung: Zwei separate, meist gegossene Goldeinlagefüllungen werden im Labor durch einen Lötprozess starr mit einem Brückenglied verbunden. Diese einteilige Konstruktion wird dann in die präparierten Kavitäten der Pfeilerzähne zementiert.
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Historische Rationale: Galt als substanzschonendere Alternative zur konventionellen Brücke, da die Pfeilerzähne nicht vollständig überkront werden mussten.
2. Die biomechanische Problematik: Der “Badewannen-Effekt” Das starre Design dieser Brücke ist ihr größter Schwachpunkt.
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Unterschiedliche Pfeilerbeweglichkeit: Die beiden Pfeilerzähne haben immer eine geringfügige, aber voneinander unabhängige physiologische Beweglichkeit im Desmodont.
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Belastung der Zementfuge: Die starre Verbindung durch den Lötpunkt verhindert diese getrennte Bewegung. Jede Kaukraft erzeugt massive Hebel- und Scherkräfte auf die Zementfugen der Inlays.
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Zementauswaschung: Mit der Zeit versagt die Zementfuge des schwächer retentiven Inlays und wäscht sich aus.
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Der “Badewannen-Effekt”: Der entscheidende Punkt. Das Inlay fällt nicht heraus, da es noch starr mit dem anderen, festsitzenden Inlay verbunden ist. Es entsteht ein unbemerkter, offener Spalt unter dem gelösten Inlay.
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Konsequenz: In diesen Spalt dringt Speichel und Plaque ein. Es bildet sich eine “Badewanne” für Bakterien. Unbemerkt vom Patienten entwickelt sich eine massive Sekundärkaries, die den Pfeilerzahn oft bis zur Zerstörung aushöhlt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Diagnostik einer bestehenden Inlay-Brücke: Diese Versorgungen müssen mit äußerster Sorgfalt und Skepsis untersucht werden.
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Klinische Untersuchung: Akribische Sondierung aller Ränder. Ein “weiches” Gefühl oder ein spürbarer Spalt an einem Rand ist hochverdächtig.
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Radiologische Untersuchung: Eine Bissflügel-Röntgenaufnahme ist obligatorisch. Es muss gezielt nach feinen radioluzenten Linien unter den Inlay-Kästen gesucht werden.
Management-Entscheidung: Aufgrund des hohen Risikos einer unentdeckten Sekundärkaries ist die Indikation zur Entfernung und Neuanfertigung bei jedem begründeten Verdacht großzügig zu stellen. Eine Reparatur ist nicht möglich.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 70-jähriger Patient hat eine 30 Jahre alte, geblockte Gold-Inlay-Brücke von 25 auf 27, die Zahn 26 ersetzt. Die Versorgung ist subjektiv beschwerdefrei.
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Klinischer Befund: Der Rand des großen Onlays an Pfeiler 27 ist dicht und unauffällig. Am kleineren Inlay-Anker an Pfeiler 25 ist der distale Rand mit der Sonde leicht “hakelig”.
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Radiologischer Befund: Das Bissflügel-Röntgenbild zeigt eine deutliche, dunkle Linie (Radioluzenz) unter dem distalen Kasten des Inlays an Zahn 25.
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Analyse: Dies ist das klassische Versagensmuster. Der Zement unter dem kleineren, weniger retentiven Prämolar-Inlay hat über die Jahre versagt. Das Inlay wurde durch den Lötpunkt zu Zahn 27 an Ort und Stelle gehalten, während sich darunter unbemerkt Karies bildete.
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Diagnose: Aktive Sekundärkaries am Pfeilerzahn 25.
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Klinische Konsequenz:
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Aufklärung: Dem Patienten wird erklärt, dass die Brücke entfernt werden muss, da einer der Stützpfeiler darunter “fault”.
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Entfernung: Die Brücke wird durch Auftrennen des Lötpunktes oder eines Ankers entfernt. Das Ausmaß der Zerstörung an Zahn 25 wird sichtbar.
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Neuplanung: Nach der Kariesentfernung wird entschieden, dass Zahn 25 noch erhaltungswürdig ist. Die neue Therapie der Wahl ist eine konventionelle, dreigliedrige VMK- oder Zirkonoxid-Brücke. Diese ist biomechanisch stabil und bietet eine vorhersagbare Langzeitprognose.
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Ergebnis: Der Fall verdeutlicht den inhärenten Designfehler der Inlay-Brücke und ihr typisches, heimtückisches Versagensmuster.