Lektion 2: Die Stiftkrone (z.B. Richmond-Krone) – Historisches Konzept und heutige Problematik
A. Klinische Relevanz
Die Stiftkrone war vor der Etablierung der modernen Adhäsivtechnik die Standardmethode zur Versorgung eines stark zerstörten, wurzelkanalbehandelten Zahnes. Bei dieser Technik sind der Wurzelstift und die Krone eine einzige, untrennbare, gegossene Einheit. Zahnärzte werden im Praxisalltag häufig mit diesen jahrzehntealten Versorgungen konfrontiert. Das Verständnis ihres biomechanisch ungünstigen Designs ist entscheidend, um ihre typischen, oft katastrophalen Versagensmuster – allen voran die vertikale Wurzelfraktur – zu diagnostizieren und eine adäquate Neuversorgung zu planen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Konzept: Krone und Stift aus einem Guss
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Definition: Eine einteilige Restauration, bestehend aus einem gegossenen Wurzelstift, einem Stumpfaufbau und der Krone, die als monolithische Einheit im Labor aus einer Metalllegierung gefertigt wird. Die Richmond-Krone ist eine bekannte Variante, bei der eine keramische Facette zur Verblendung auf das Metallgerüst aufgebrannt wurde.
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Abgrenzung zum modernen Vorgehen: Das moderne, biologisch orientierte Vorgehen ist immer zweizeitig:
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Einsetzen eines separaten Stiftes und Aufbaus (meist adhäsiv mit Glasfaserstift und Komposit).
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Herstellung und Eingliederung einer separaten Krone auf diesen neuen Stumpf.
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2. Die biomechanische Problematik: Der Keil-Effekt Dies ist der entscheidende, inhärente Nachteil der Stiftkrone.
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Mechanismus: Der lange, starre und oft konische Metallstift wirkt im relativ elastischen Wurzeldentin wie ein Keil.
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Kraftübertragung: Kaukräfte, insbesondere die im Frontzahnbereich typischen Hebel- und Scherkräfte, werden nicht gedämpft, sondern direkt über den starren Stift in die Tiefe der Wurzel geleitet.
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Konsequenz: Es entstehen massive Spannungsspitzen im Inneren der Wurzel. Die häufigste und gravierendste Spätkomplikation ist die nicht-restaurierbare vertikale Wurzelfraktur.
3. Weitere Nachteile des historischen Konzepts
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Invasivität: Erforderte eine sehr aggressive Aufbereitung des Wurzelkanals, um Platz für den massiven Stift zu schaffen, was die Wurzel zusätzlich schwächte.
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Irreversibilität: Eine endodontische Revisionsbehandlung ist praktisch unmöglich, ohne die gesamte Krone zu zerstören.
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Korrosion: Galvanische Elemente zwischen der Legierung und dem Befestigungszement konnten zu Korrosion führen.
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Ästhetik: Das Metallgerüst führt oft zu dunklen, unästhetischen Rändern und einer opaken Optik.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Diagnostik und Beurteilung einer bestehenden Stiftkrone
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Radiologische Untersuchung:
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Prüfung auf apikale Läsionen.
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Suche nach einem radioluzenten Spalt zwischen Stift und Wurzelwand (Zeichen für Zementauswaschung).
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Suche nach Anzeichen einer Wurzelfraktur: Ein J-förmiger oder Halo-artiger Knochendefekt, der sich entlang der Wurzel erstreckt, ist hochverdächtig.
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Klinische Untersuchung:
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Parodontale Sondierung: Ein tiefer, enger, isolierter “Krater” bei der Sondierung ist pathognomonisch (beweisend) für eine vertikale Wurzelfraktur.
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Management-Entscheidung:
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Asymptomatisch und stabil: Eine intakte, festsitzende Stiftkrone ohne klinische oder radiologische Pathologie sollte belassen und beobachtet werden.
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Symptomatisch, locker oder mit Pathologie: Die Restauration ist gescheitert. Die Entfernung und Neuplanung sind unumgänglich.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 75-jähriger Patient stellt sich mit leichten Beschwerden und einer Fistel an einem vor 40 Jahren mit einer Stiftkrone versorgten Zahn 12 vor.
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Klinischer Befund: Die Krone ist fest. Bei der Sondierung der palatinalen Fläche bricht die Sonde plötzlich auf 9 mm in eine enge, isolierte Tasche ein.
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Radiologischer Befund: Das Röntgenbild zeigt den massiven Metallstift. Entlang der distalen Seite des Stiftes zieht sich eine diffuse, J-förmige radioluzente Linie vom Kronenrand bis fast zum Apex.
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Analyse: Die Kombination aus der engen, tiefen Tasche und dem charakteristischen J-förmigen Knochendefekt ist der klassische Beweis für eine vertikale Wurzelfraktur. Der Keil-Effekt des Stiftes hat über die Jahrzehnte die Wurzel gespalten.
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Diagnose: Vertikale Wurzelfraktur an Zahn 12.
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Klinische Konsequenz: Der Zahn ist hoffnungslos und nicht erhaltungswürdig.
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Therapie: Die einzig mögliche Therapie ist die Extraktion der frakturierten Wurzel. Die Planung für den Lückenschluss (z.B. Implantat oder Brücke) erfolgt im Anschluss.
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Ergebnis: Der Fall demonstriert das typische katastrophale Versagen einer Stiftkrone. Die Diagnose “vertikale Wurzelfraktur” bedeutet in der Regel den Zahnverlust.