Lektion 13: Orale Manifestationen von Systemerkrankungen (z.B. M. Crohn, Leukämie)
A. Klinische Relevanz
Die Mundhöhle ist ein “Fenster” zur Allgemeingesundheit. Viele systemische Erkrankungen – von Magen-Darm-Leiden über Blutkrankheiten bis hin zu Autoimmunerkrankungen – zeigen erste oder charakteristische Anzeichen (Manifestationen) an der Mundschleimhaut. Der Zahnarzt ist somit in der einzigartigen Position, als Erstdiagnostiker auf eine bisher unentdeckte Grunderkrankung aufmerksam zu werden. Die Fähigkeit, diese oft spezifischen oralen Läsionen zu erkennen und korrekt zuzuordnen, ist eine hohe diagnostische Kunst und eine ärztliche Verantwortung, die weit über die reine Zahnheilkunde hinausgeht und für den Patienten lebensrettend sein kann.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Gastrointestinale Erkrankungen
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Morbus Crohn: Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung.
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Orale Manifestationen: Können der intestinalen Symptomatik um Jahre vorausgehen.
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“Kopfsteinpflaster”-Relief (Cobblestone): Ein diffuses, noduläres, pflastersteinartiges Muster der Wangenschleimhaut.
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Lineare, tiefe Ulzera in der Umschlagfalte.
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Diffuse, persistierende Schwellungen der Lippen und Wangen.
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Zöliakie:
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Orale Manifestationen: Spezifische, symmetrische Schmelzhypoplasien (Defekte im Zahnschmelz) an den bleibenden Zähnen; rezidivierende aphthöse Stomatitis.
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2. Hämatologische Erkrankungen Die Mundhöhle ist ein sehr häufiger Ort für Erstmanifestationen von Blutkrankheiten.
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Leukämie: Krebs der weißen Blutkörperchen.
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Orale Manifestationen: Sind oft dramatisch und früh.
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Leukämische Gingivainfiltration: Eine massive, teigig-weiche, bläulich-rote Schwellung und Wucherung der Gingiva, die nicht in Proportion zur vorhandenen Plaque steht.
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Spontane Gingivablutung, Petechien, Hämatome: Aufgrund des Mangels an Thrombozyten (Thrombozytopenie).
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Mukositis, Ulzera, opportunistische Infektionen: Aufgrund des Mangels an funktionierenden neutrophilen Granulozyten (Neutropenie).
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Anämie (Blutarmut):
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Klinik: Blasse Mundschleimhaut, atrophische Glossitis (glatte, rote, brennende Zunge, Hunter-Glossitis bei Vit-B12-Mangel), Mundwinkelrhagaden (Cheilitis angularis).
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3. Virale Infektionen mit systemischer Bedeutung
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HIV / AIDS: Die Mundhöhle ist ein Spiegel des Immunstatus.
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Orale Candidose (Soor): Eines der häufigsten und frühesten Anzeichen.
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Orale Haarleukoplakie: Weiße, nicht abwischbare, “haarig” wirkende Läsionen am seitlichen Zungenrand. Werden durch das Epstein-Barr-Virus (EBV) bei Immunsuppression verursacht und sind pathognomonisch für eine HIV-Infektion.
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Kaposi-Sarkom: Rötlich-bläuliche Tumoren, klassischerweise am Gaumen.
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Masern:
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Koplik-Flecken: Kleine, weiße, kalkspritzerartige Flecken auf gerötetem Grund an der Wangenschleimhaut auf Höhe der Molaren. Sie treten vor dem Hautausschlag auf und sind pathognomonisch für Masern.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Zahnarzt als diagnostischer “Gatekeeper”: Wenn orale Befunde nicht auf lokale Ursachen (Plaque, Trauma) zurückzuführen sind, nicht auf eine lokale Therapie ansprechen oder in ihrer Ausprägung völlig disproportional erscheinen, muss an eine systemische Grunderkrankung gedacht werden. Die Aufgabe des Zahnarztes ist hier nicht die Therapie, sondern die begründete Verdachtsdiagnose und die umgehende Überweisung an den richtigen Facharzt.
Fallbeispiel: Die unerklärliche Gingivaschwellung
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Szenario: Ein 19-jähriger Patient stellt sich mit einer seit ca. 6 Wochen bestehenden, massiv geschwollenen und leicht blutenden Gingiva vor. Er berichtet zudem über starke Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Eine PZR beim Hauszahnarzt vor einem Monat brachte keine Besserung.
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Analyse:
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Diskrepanz: Der Patient hat nur wenig Plaque. Die extreme, generalisierte, teigige Schwellung ist völlig untypisch für eine normale Gingivitis.
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Warnzeichen (“Red Flags”): Die fehlende Reaktion auf die lokale Therapie (PZR) und die systemischen Symptome (Müdigkeit) sind Alarmzeichen.
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Differenzialdiagnose: Während eine medikamenten-induzierte Hyperplasie möglich wäre, ist die Kombination aus dem klinischen Bild und den systemischen Symptomen bei einem jungen Menschen hochgradig verdächtig auf eine akute Leukämie.
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Klinische Konsequenz: Keine weitere lokale zahnärztliche Therapie!
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Verdachtsdiagnose: Der Zahnarzt äußert den Verdacht auf eine mögliche systemische, hämatologische Erkrankung.
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Sofortige Überweisung: Der Patient wird mit einem Konsilschreiben, das den oralen Befund und den dringenden Verdacht beschreibt, sofort zum Hausarzt oder direkt in eine internistische Notaufnahme geschickt mit der Bitte um die Anfertigung eines Differenzialblutbildes.
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Ergebnis: Das Blutbild bestätigt die Diagnose einer akuten lymphatischen Leukämie. Die oralen Veränderungen waren das erste klinische Zeichen der Krebserkrankung. Die korrekte Interpretation der “Red Flags” durch den Zahnarzt hat zu einer schnellen Diagnose und dem Beginn der lebensrettenden Therapie geführt.