Lektion 10: Erkrankungen der Speicheldrüsen (Sialadenitis, Sjögren-Syndrom, Tumoren wie das pleomorphe Adenom)
A. Klinische Relevanz
Die großen und kleinen Speicheldrüsen sind für die Aufrechterhaltung der oralen Homöostase unerlässlich. Erkrankungen dieser Drüsen können von akuten, schmerzhaften Entzündungen über chronisch-destruktive Autoimmunerkrankungen bis hin zu benignen und malignen Tumoren reichen. Die häufigste Folge ist oft eine quantitative oder qualitative Veränderung des Speichelflusses, was massive Auswirkungen auf die Mundgesundheit hat. Der Zahnarzt ist oft der erste Kliniker, der eine Schwellung oder Funktionsstörung der Speicheldrüsen bemerkt. Die korrekte diagnostische Einordnung ist entscheidend für eine gezielte Therapie oder eine rechtzeitige Überweisung an den entsprechenden Facharzt.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Entzündliche Erkrankungen (Sialadenitis)
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a) Sialolithiasis (Speichelsteinleiden) und obstruktive Sialadenitis:
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Pathogenese: Bildung von Konkrementen (Speichelsteinen, Sialolithen) innerhalb des Ausführungsganges einer Speicheldrüse. Dies führt zu einem Speichelstau (Sialostase).
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Klinik: Das Leitsymptom ist die “Salivationskolik” – eine schmerzhafte, pralle Schwellung der betroffenen Drüse, die typischerweise während oder kurz vor den Mahlzeiten auftritt und danach langsam wieder abklingt.
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Lokalisation: Zu ca. 80% in der Glandula submandibularis, da ihr Ausführungsgang (Ductus Whartonianus) lang ist, einen ansteigenden Verlauf hat und ihr Sekret muköser (zäher) ist.
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Therapie: Bei kleinen Steinen konservativ (Anregung des Speichelflusses). Bei größeren Steinen die chirurgische Entfernung des Steins (z.B. Gangschlitzung).
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b) Akute bakterielle Sialadenitis:
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Pathogenese: Eine aufsteigende bakterielle Infektion, meist bei Patienten mit reduziertem Speichelfluss (z.B. Dehydratation, postoperativ).
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Klinik: Schnelle, schmerzhafte, diffuse Schwellung der Drüse. Aus dem Ausführungsgang lässt sich oft eitrige Flüssigkeit exprimieren.
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2. Autoimmunerkrankungen: Das Sjögren-Syndrom
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Definition: Eine chronisch-entzündliche, systemische Autoimmunerkrankung, die primär zur Zerstörung der exokrinen Drüsen, insbesondere der Speichel- und Tränendrüsen, führt.
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Klinik (Sicca-Syndrom):
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Xerostomie: Schwere, objektivierbare Mundtrockenheit.
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Xerophthalmie: Trockene, brennende Augen (Keratoconjunctivitis sicca).
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Orale Konsequenzen: Galoppierende Karies (v.a. Wurzelkaries), orale Candidose, Schluck- und Sprechbeschwerden.
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Diagnostik & Management: Interdisziplinär mit einem Rheumatologen. Zahnärztlich liegt der Fokus auf der intensiven Prävention und der symptomatischen Behandlung der Xerostomie.
3. Speicheldrüsentumoren
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Grundregeln:
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Ca. 80% aller Speicheldrüsentumoren treten in der Glandula parotis auf.
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Ca. 80% aller Parotis-Tumoren sind benigne.
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Merksatz: Je kleiner die Drüse, desto höher die Wahrscheinlichkeit für einen malignen Tumor. (Tumoren der submandibulären oder kleinen Speicheldrüsen sind häufiger bösartig).
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a) Das Pleomorphe Adenom (gutartig):
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Der häufigste Tumor der Speicheldrüsen überhaupt.
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Klinik: Typischerweise ein langsam wachsender, schmerzloser, fester, gut verschieblicher Knoten, meist im kaudalen Pol der Glandula parotis (im Kieferwinkelbereich).
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Therapie: Chirurgische Entfernung (Parotidektomie) mit einem Sicherheitsabstand. Hat eine Neigung zu Rezidiven bei unvollständiger Entfernung.
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b) Das Mukoepidermoidkarzinom (bösartig):
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Der häufigste maligne Speicheldrüsentumor.
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Klinik: Das Erscheinungsbild ist sehr variabel. Niedrigmaligne Formen können einem pleomorphen Adenom ähneln. Hochmaligne Formen wachsen schnell, sind schmerzhaft und können den Nervus facialis infiltrieren, was zu einer Gesichtslähmung (Fazialisparese) führt.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die klinische Untersuchung: Umfasst immer die beidseitige Palpation der großen Speicheldrüsen und die Inspektion der Ausführungsgänge auf Schwellung, Rötung und die Qualität des exprimierbaren Speichels.
Fallbeispiel 1: Der Speichelstein
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Szenario: Ein Patient berichtet über wiederkehrende, schmerzhafte Schwellungen unter der Zunge auf der rechten Seite, die immer beim Essen auftreten.
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Analyse: Die Anamnese ist pathognomonisch für eine Sialolithiasis der Glandula submandibularis.
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Diagnostik: Durch die bimanuelle Palpation des Mundbodens kann der Behandler oft einen harten “Knubbel” im Verlauf des Ausführungsganges ertasten. Eine Unterkiefer-Aufbiss-Röntgenaufnahme kann den röntgenopaken Stein darstellen.
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Therapie: Überweisung zum MKG-Chirurgen zur Gangschlitzung und Entfernung des Steins.
Fallbeispiel 2: Der Parotis-Tumor
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Szenario: Bei einer Routineuntersuchung ertastet der Zahnarzt bei einer 50-jährigen Patientin einen ca. 2 cm großen, festen, schmerzlosen und verschieblichen Knoten im Bereich des linken Kieferwinkels, unterhalb des Ohrläppchens.
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Analyse: Ein langsam gewachsener, schmerzloser, mobiler Knoten in der Parotis ist hochverdächtig auf einen benignen Speicheldrüsentumor, am ehesten ein pleomorphes Adenom. Eine maligne Variante kann klinisch aber nie sicher ausgeschlossen werden.
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Klinische Konsequenz: Jede unklare Raumforderung im Bereich der Speicheldrüsen erfordert eine sofortige Überweisung zur weiteren Abklärung an einen MKG-Chirurgen oder einen HNO-Arzt.
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Weiteres Vorgehen: Dort erfolgen bildgebende Verfahren (Ultraschall, MRT) und eine Feinnadel-Aspirationsbiopsie zur Diagnosesicherung, gefolgt von der chirurgischen Entfernung. Die entscheidende Rolle des Zahnarztes war hier die Früherkennung im Rahmen der Routineuntersuchung.