Lektion 30: Resorptionen – Interne und externe Wurzelresorptionen

A. Klinische Relevanz

 

Wurzelresorptionen sind pathologische Prozesse, bei denen körpereigene Zellen (Odontoklasten) die Hartsubstanz der Zahnwurzel abbauen. Diese Prozesse verlaufen oft schleichend, asymptomatisch und werden als Zufallsbefund im Röntgenbild entdeckt. Unbehandelt können sie zur vollständigen Zerstörung der Wurzel und zum Zahnverlust führen. Die Fähigkeit, die verschiedenen Resorptionsarten – insbesondere die interne von der externen Resorption – differenzialdiagnostisch zu unterscheiden, ist von entscheidender Bedeutung, da sich die Ätiologie, Therapie und Prognose fundamental unterscheiden. Diese Lektion vermittelt das Wissen zur Diagnostik und zum Management dieser komplexen und oft herausfordernden pathologischen Zustände.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Biologisches Grundprinzip Die Zahnwurzel ist normalerweise vor Resorption geschützt. Auf der Außenseite schützt das Präzement und das Parodontalligament, auf der Innenseite (Kanalseite) schützt das Prädentin und die Odontoblastenschicht. Resorption beginnt, wenn diese Schutzschichten durch ein Trauma, eine chronische Entzündung oder chemische Reize beschädigt werden und mehrkernige Riesenzellen (Odontoklasten) an die freigelegte Dentinoberfläche gelangen können.

2. Interne Resorption

  • Definition: Ein Resorptionsprozess, der von der Innenseite des Wurzelkanals ausgeht und die Wurzel von innen nach außen zerstört.

  • Ätiologie: Ursache ist immer eine chronische Entzündung des vitalen Pulpagewebes, oft als Spätfolge eines Traumas. Teile der Pulpa differenzieren sich zu einem granulomatösen, resorptiv aktiven Gewebe.

  • Radiologisches Bild: Dies ist das diagnostische Schlüsselmerkmal. Man sieht eine symmetrische, ovale oder ballonförmige Erweiterung der Kontur des Wurzelkanals. Die äußere Wurzelkontur bleibt lange Zeit glatt und intakt.

  • Klinisches Bild: Meist asymptomatisch. Bei fortschreitender Resorption in der Krone kann das vaskularisierte Gewebe durch das dünne Restdentin rosa durchscheinen (“Pink Spot”).

  • Therapie & Prognose: Solange keine Perforation nach außen stattgefunden hat, ist die Prognose gut. Die Therapie ist die umgehende Wurzelkanalbehandlung. Mit der Entfernung des vitalen, resorptiven Pulpagewebes wird der Prozess sofort und vollständig gestoppt. Die Obturation des irregulären Hohlraums erfordert eine warme Fülltechnik.

3. Externe Resorption

  • Definition: Ein Resorptionsprozess, der an der Außenseite der Wurzeloberfläche beginnt und nach innen fortschreitet.

  • Klassifikation nach Ursache:

    • Externe entzündliche Resorption:

      • Ätiologie: Die häufigste Form. Entsteht durch die Kombination von zwei Faktoren: 1. Eine Schädigung der Wurzeloberfläche (z.B. durch Luxationstrauma) und 2. ein nekrotischer, infizierter Wurzelkanal. Bakterielle Toxine aus dem Kanal stimulieren die Resorption von außen.

      • Radiologisches Bild: Schüsselförmige Defekte (“scooped-out”) an der Wurzeloberfläche und dem angrenzenden Knochen. Die Kontur des Wurzelkanals selbst bleibt intakt.

      • Therapie: Wurzelkanalbehandlung zur Beseitigung des bakteriellen Stimulus. Eine Langzeiteinlage mit Kalziumhydroxid wird oft empfohlen.

    • Ersatzresorption (Ankylose):

      • Ätiologie: Folge eines schweren Traumas (v.a. Intrusion, lange extraorale Trockenzeit bei Avulsion) mit irreversiblem Schaden am Parodontalligament (PDL). Der Knochen wächst direkt an die Wurzeloberfläche an und remodelliert diese, als wäre sie eigener Knochen.

      • Radiologisches Bild: Der Parodontalspalt ist nicht mehr sichtbar, die Wurzel scheint mit dem Knochen verwachsen zu sein.

      • Klinisches Bild: Der Zahn ist absolut immobil (keine Beweglichkeit) und hat einen hellen, metallischen Perkussionsschall. Bei wachsenden Patienten gerät der Zahn in Infraposition.

      • Therapie: Es gibt keine effektive Therapie, um den Prozess zu stoppen. Die Prognose ist der Zahnverlust.

    • Zervikale invasive Resorption (ICR):

      • Ätiologie: Ein aggressiver, oft idiopathischer Prozess, der am Zahnhals unterhalb des Sulkus beginnt. Klastische Zellen aus dem PDL dringen in die Wurzel ein.

      • Radiologisches Bild: “Mottenfraßartige”, asymmetrische Aufhellung im Zervikalbereich. Der Wurzelkanal scheint oft unberührt durch die Läsion hindurchzulaufen. Eine DVT ist zur exakten Diagnostik der Ausdehnung essenziell.

      • Therapie: Sehr komplex. Chirurgische Darstellung des Defekts, Entfernung des Resorptionsgewebes und restaurative Deckung. Die Prognose ist oft fragwürdig.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Differenzialdiagnose: Intern vs. Extern im Röntgenbild Die Unterscheidung ist entscheidend und erfolgt nach zwei Regeln:

  1. Kanal-Kontinuität: Ist die Kontur des Wurzelkanals im Bereich der Läsion unterbrochen und ballonartig erweitert? -> Intern. Bleibt die Kanal-Kontur sichtbar und intakt, während die Läsion von außen “überlagert” erscheint? -> Extern.

  2. Exzentrische Aufnahmen (SLOB-Regel): Verändert man den horizontalen Winkel der Röntgenaufnahme, bleibt eine interne Läsion immer zentriert über dem Kanal. Eine externe Läsion “wandert” und löst sich von der Kanalkontur.

Fallbeispiel 1: Interne Resorption

  • Szenario: Ein asymptomatischer Zahn 11 zeigt im Routine-Röntgenbild eine große, ovale Aufhellung, die eine Erweiterung des Wurzelkanals darstellt. Der Kältetest ist positiv.

  • Diagnose: Interne Resorption.

  • Therapie: Unverzügliche Wurzelkanalbehandlung. Durch die Entfernung der vitalen, chronisch entzündeten Pulpa wird die Ursache der Resorption eliminiert. Die Prognose ist gut.

Fallbeispiel 2: Externe entzündliche Resorption

  • Szenario: Ein Zahn 21, der vor 2 Jahren nach einem Trauma wurzelkanalbehandelt wurde, zeigt nun eine zunehmende apikale Aufhellung und schüsselförmige Defekte an der Wurzelspitze.

  • Analyse: Das Trauma hat die Wurzeloberfläche geschädigt. Die damalige Wurzelkanalbehandlung war offenbar nicht ausreichend, um alle Bakterien zu entfernen. Die verbliebenen Bakterien im Kanal unterhalten die Entzündung, die von außen die Resorption antreibt.

  • Therapie: Endodontische Revisionsbehandlung mit dem Ziel einer maximalen Desinfektion, oft unter Zuhilfenahme einer mehrmonatigen Kalziumhydroxid-Einlage.