Lektion 10: Notfallmanagement bei systemischen Komplikationen (Synkope, hypertensive Krise, hypoglykämischer Schock)

A. Klinische Relevanz
Nicht jeder Notfall in der Zahnarztpraxis ist dentaler Natur. Systemische Erkrankungen wie Kreislaufprobleme, Bluthochdruck oder Diabetes können sich akut und dramatisch manifestieren. Der Zahnarzt muss als medizinischer Erstversorger handeln können, um lebensbedrohliche Zustände zu erkennen, zu differenzieren und die richtigen Erstmaßnahmen einzuleiten, bis der Rettungsdienst eintrifft.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Vasovagale Synkope (Ohnmacht)

  • Häufigster Notfall in der Zahnarztpraxis.

  • Auslöser: Angst, Schmerz, Anblick von Blut.

  • Pathophysiologie: Überschießende vagale Reaktion → Bradykardie und Vasodilatation → Blutdruckabfall → Minderdurchblutung des Gehirns.

  • Klinik: Blässe, Schwitzen, Schwindel, Übelkeit, kurzzeitige Bewusstlosigkeit.

  • Therapie:

    1. Lagerung: Flach lagern, Beine hoch! (autotransfusion).

    2. Engende Kleidung lockern.

    3. Frische Luft zuführen.

    4. Vitalzeichen kontrollieren (Atmung, Puls).

    5. Meist schnelle Erholung. Bei längerer Bewusstlosigkeit: Stabile Seitenlage, 112 rufen.

2. Die Hypertensive Krise

  • Definition: Starker, akuter Blutdruckanstieg auf Werte > 180/120 mmHg. Gefahr: Schlaganfall, Herzinfarkt, Aortendissektion.

  • Klinik: Starke Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten, Sehstörungen, Brustschmerzen.

  • Therapie:

    1. Patienten beruhigen, sitzende Position.

    2. Blutdruck messen zur Bestätigung.

    3. NOTARZT (112) rufen!

    4. Medikamente im Notfallkoffer:

      • Nifedipin (Adalat®) 5 mg Kapsel: Zum Zerbeißen (wirkt schnell). Cave: Kann zu starker, unkontrollierter Absenkung führen.

      • Captopril (z.B. Lopirin®) 25 mg: Sublingual (wirkt in 15-30 min).

    5. Ziel: Langsame Senkung des Blutdrucks, nicht Normalisierung!

3. Der Hypoglykämische Schock (Unterzuckerung)

  • Betrifft: Diabetiker, v.a. die mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen.

  • Ursache: Zu viel Insulin, zu wenig Nahrung, ungewohnte körperliche Anstrengung.

  • Klinik:

    • Frühzeichen: Heißhunger, Blässe, Zittern, Schwitzen, Tachykardie.

    • Spätzeichen: Verwirrtheit, Aggressivität, Bewusstseinsstörung, Krampfanfall.

  • Therapie:

    • Bei erhaltenem Bewusstsein: Gabe von schnell resorbierbaren Kohlenhydraten.

      • Traubenzuckerplättchen, zuckerhaltige Limonade (KEIN Light!), G40-Paste.

    • Bei Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall:

      1. NOTARZT (112)!

      2. Nichts mehr einflößen! (Aspirationsgefahr).

      3. Stabile Seitenlage.

      4. In der Klinik: Glukose i.v.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die Synkope bei der Anästhesie

Szenario: Ein junger, ängstlicher Patient wird bei der Anästhesie-Injektion plötzlich blass, beginnt zu schwitzen und wird ohnmächtig.

Analyse & Notfallmanagement:

  1. Sofortmaßnahme: Stuhl sofort in Rückenlage bringen, Beine hoch.

  2. Überwachung: Bewusstsein und Atmung prüfen. Patient atmet.

  3. Verlauf: Innerhalb von 30 Sekunden kommt der Patient wieder zu sich.

  4. Nachsorge: Dem Patienten wird etwas Zeit gegeben, sich zu erholen. Die Behandlung kann nach Rücksprache oft fortgeführt werden.

Fallbeispiel 2: Die Hypertensive Krise

Szenario: Ein 60-jähriger Patient mit bekanntem Bluthochdruck klagt während der Behandlung plötzlich über starke Kopfschmerzen und Übelkeit. Er wirkt desorientiert.

Analyse & Notfallmanagement:

  1. Verdacht: Verdacht auf hypertensive Krise.

  2. Blutdruckmessung: RR 230/130 mmHg. Bestätigt den Verdacht.

  3. Notfall: SOFORT 112 anrufen! “Hypertensive Krise mit neurologischer Symptomatik.”

  4. Lagerung: Patienten in eine sitzende Position bringen (entlastet das Herz).

  5. Beruhigung: Den Patienten beruhigen.

  6. Medikation: Je nach Praxisprotokoll und Zustand des Patienten kann die Gabe von 5 mg Nifedipin zum Zerbeißen erwogen werden, um den Druck langsam zu senken.

Fallbeispiel 3: Der hypoglykämische Schock

Szenario: Ein diabetischer Patient, der seit dem Frühstück nüchtern ist, wird gegen Mittag unruhig, zittrig und schweißnass. Er wirkt verwirrt.

Analyse & Notfallmanagement:

  1. Frühzeichen erkennen: Die Symptome (Zittern, Schwitzen, Verwirrtheit) sind klassisch für eine Unterzuckerung.

  2. Therapie: Da der Patient noch ansprechbar und schluckfähig ist, erhält er sofort Traubenzucker und ein Glas zuckerhaltige Limonade.

  3. Verlauf: Innerhalb von 10-15 Minuten bessert sich sein Zustand deutlich. Er wird aufgeklärt, in Zukunft vor dem Termin normal zu essen und seinen Blutzucker zu kontrollieren.