Lektion 9: Der prothetische Notfall: Reparatur und Provisorien bei Fraktur oder Lockern von Kronen, Brücken und Prothesen
A. Klinische Relevanz
Prothetische Notfälle wie lockere Kronen, gebrochene Brückenglieder oder frakturierte Prothesen sind für Patienten sehr störend und beeinträchtigen die Ästhetik und Funktion unmittelbar. Der Zahnarzt muss in der Lage sein, eine schnelle und pragmatische Lösung zu schaffen, um die Zeit bis zur endgültigen Reparatur oder Neuanfertigung zu überbrücken. Diese provisorischen Maßnahmen sind ein wichtiger Service für den Patienten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Lockere Krone oder Brücke
Das Hauptproblem ist meist Karies oder Zementversagen unter der Krone.
-
Ursache:
-
Zementversagen: Häufigste Ursache. Der Zahn ist i.d.R. intakt.
-
Sekundärkaries: Der Stumpf unter der Krone ist kariös zerstört.
-
-
Notfallmanagement:
-
Krone vorsichtig entfernen und den Stumpf inspizieren.
-
Bei intaktem Stumpf: Stumpf reinigen, alte Zementreste entfernen und Krone mit provisorischem Zement (z.B. Temp-Bond) wieder einsetzen. Dies ermöglicht ein späteres problemloses Lösen für die definitive Versorgung.
-
Bei kariösem Stumpf: Karies entfernen, Stumpf aufbauen (ggf. mit Stift) und dann die Krone provisorisch zementieren. Hier ist oft eine neue Krone notwendig.
-
2. Fraktur eines Brückenglieds oder eines Prothesenzahns
-
Ursache: Materialermüdung, Traumata, okklusale Überlastung.
-
Notfallmanagement – Direktes Anplastieren:
-
Oberfläche vorbereiten: Die Frakturfläche der Brücke/Prothese wird mit einem Küretten oder Bohrer angeraut. Keine Retentionstiefbohrungen machen, da dies die endgültige Reparatur erschwert.
-
Oberfläche silanisieren: Auftragen eines Silans für eine bessere Haftung zwischen dem alten Kunststoff/Metall und dem neuen Komposit.
-
Adhäsiv auftragen.
-
Anplastieren: Mit fließfähigem Komposit die Frakturfläche auffüllen und den Zahn in Anatomie formen. Lichtpolymersieren.
-
-
Hinweis: Diese Reparatur ist immer nur eine provisorische Lösung.
3. Fraktur einer Prothesenbasis
-
Ursache: Materialermüdung, falsche Lagerung, unebene Kaukräfte.
-
Notfallmanagement – Provisorische Selbstreparatur:
-
Wichtig: Dem Patienten niemals Zwei-Komponenten-Epoxidharz-Kleber (Sekundenkleber) für die Reparatur mitgeben! Diese sind toxisch und machen eine professionelle Reparatur unmöglich.
-
Instruktion für den Patienten: Bis zum Zahnarzttermin die Prothese nicht tragen.
-
-
Professionelle Reparatur in der Praxis/Labor:
-
Die Bruchstücke werden exakt aneinander positioniert und mit Wachs fixiert.
-
Ein Gipsmodell wird erstellt.
-
Die Prothese wird vom Modell getrennt, die Frakturränder werden angeschrägt und die Prothese wird mit selbstpolymerisierendem Kunststoff (z.B. Paladur) wieder zusammengefügt.
-
Nach Aushärtung wird die Prothese poliert.
-
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die lockere Krone im Frontzahnbereich
Szenario: Ein Patient stellt sich vor, weil sich seine Krone auf Zahn 11 gelöst hat. Er hat einen wichtigen Termin am nächsten Tag.
Analyse & Notfallmanagement:
-
Inspektion: Die Krone lässt sich leicht entfernen. Der Stumpf ist kariesfrei und intakt.
-
Therapie: Nach Reinigung von Stumpf und Krone wird die Krone mit provisorischem Zement (Temp-Bond) wieder eingesetzt.
-
Weiteres Vorgehen: Dem Patienten wird erklärt, dass dies eine Übergangslösung ist und er einen Termin für die neue definitive Zementierung mit Glasionomer- oder Kompositzement benötigt.
Fallbeispiel 2: Die frakturierte Brücke im Seitenzahnbereich
Szenario: Bein Kauen auf einem Brötchen ist das mittlere Brückenglied einer 3-gliedrigen Brücke (Zähne 44-46) abgebrochen.
Analyse & Notfallmanagement:
-
Inspektion: Das Porzellan des Pontics ist gebrochen, das Metallgerüst ist intakt.
-
Provisorische Reparatur: Die Frakturfläche wird angeraut, silanisiert und mit Komposit der fehlende Zahnanteil direkt in der Mundhöhle angeformt und angeplastiert.
-
Funktionsfähigkeit: Der Patient kann sofort wieder eingeschränkt kauen und ist ästhetisch versorgt.
-
Definitive Lösung: Der Patient wird darüber aufgeklärt, dass die Brücke ersetzt werden muss, da die provisorische Reparatur nicht lange haltbar ist.
Fallbeispiel 3: Die durchgebrochene Totalprothese
Szenario: Ein Patient lässt seine Unterkiefer-Totalprothese fallen, die in zwei Teile bricht.
Analyse & Notfallmanagement:
-
Instruktion: Der Patient wird angewiesen, die Prothese nicht mit Sekundenkleber zu reparieren.
-
Professionelle Reparatur: In der Praxis werden die beiden Teile exakt aneinandergepasst und auf einem Modell mit Kalikokunststoff provisorisch repariert. Dies ist in 1-2 Stunden erledigt.
-
Hinweis: Eine solche Reparatur ist eine Schwachstelle. Dem Patienten sollte langfristig eine Neuanfertigung der Prothese empfohlen werden.