Lektion 8: Materialunverträglichkeiten und allergische Reaktionen in der Zahnarztpraxis (bis hin zum anaphylaktischen Schock)
A. Klinische Relevanz
Allergische Reaktionen auf in der Zahnmedizin verwendete Materialien sind zwar selten, können aber von milden lokalen Symptomen bis zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock reichen. Eine sofortige Erkennung und das richtige Stufenmanagement sind überlebenswichtig. Der Zahnarzt muss die häufigsten Auslöser kennen und im Notfallkoffer die richtigen Medikamente griffbereit haben.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Häufige Auslöser und ihre Klinik
| Auslöser | Typische Verwendung | Mögliche allergische Reaktion |
|---|---|---|
| Lokalanästhetika (LA) | Schmerzausschaltung. | Äußerst selten! Meist handelt es sich um psychovegetative Reaktionen (Synkope) oder Überdosierung. Echte Allergien betreffen v.a. die Para-Gruppe in Ester-Typ-LA (Procain), die heute kaum noch verwendet werden. |
| Latex | Handschuhe, Kofferdam. | Kontakturtikaria (Nesselsucht an Berührungsstellen), Rhinitis, Asthma, bis hin zur Anaphylaxie. |
| Acrylate | Komposit-Füllungen, Provisorien, Prothesenkunststoff. | Kontaktekzem beim Patienten oder Kontaktallergie beim Praxisteam. Kann zu Schleimhautrötung, -schwellung und -brennen führen. |
| Metalle (v.a. Nickel, Kobalt, Chrom) | Klammern, Kronen- und Brückenlegierungen, Implantate. | Lichenoide Reaktion der benachbarten Schleimhaut (weiße, netzartige Streifen), Burning-Mouth-Syndrom, Kontaktekzem. |
| Chlorhexidin | Desinfektionsmittel, Mundspülung. | Kontaktdermatitis, in seltenen Fällen schwere Anaphylaxie. |
2. Schweregrade allergischer Reaktionen und ihr Management
Die Reaktionen werden nach Schweregrad eingeteilt, der das Vorgehen bestimmt.
| Schweregrad | Klinische Symptome | Therapiemaßnahmen |
|---|---|---|
| Grad I (Lokal) | Hautreaktionen: Urtikaria (Nesselsucht), Juckreiz, Flush (Rötung). | • Allergen entfernen. • Antihistaminikum i.m./i.v. (z.B. Clemastin). • Beobachten. |
| Grad II (Systemisch) | Mäßige Allgemeinreaktion: Urtikaria, Tachykardie, leichte Blutdruckabfall, Unruhe, Angioödem (Schwellung v.a. der Lippen und Augenlider). | • Alle Maßnahmen von Grad I. • Kortison i.m./i.v. (z.B. Prednisolon). • Sauerstoffgabe. |
| Grad III (Anaphylaktischer Schock) | Schwere Lebensbedrohung: Atemnot (Bronchospasmus, Larynxödem), Kreislaufschock (starker Blutdruckabfall), Tachykardie, Bewusstseinsstörung. | • NOTARZT (112)! • Oberste Priorität: Adrenalin i.m. in den Oberschenkel. • Alle Maßnahmen von Grad I & II. • Lagerung: Flach, Beine hoch. |
| Grad IV (Atem-/Kreislaufstillstand) | Atem- und Kreislaufstillstand. | • Reanimation nach BLS-Schema. • Adrenalin i.v. als Teil des Reanimationsalgorithmus. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die Urtikaria nach Lokalanästhesie
Szenario: Kurz nach Injektion eines Articain-haltigen Lokalanästhetikums entwickelt der Patient einen juckenden Hautausschlag am Hals und auf der Brust (Urtikaria).
Analyse: Allergische Reaktion Grad I auf ein Bestandteil des LA (vielleicht das Konservierungsmittel).
Notfallmanagement:
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Sofort stoppen der zahnärztlichen Behandlung.
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Notfallkoffer holen.
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Gabe eines Antihistaminikums (z.B. Clemastin 2 mg i.m.).
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Überwachung des Patienten für mindestens 30 Minuten, um einen Übergang in Grad II auszuschließen.
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Dokumentation und Überweisung zur allergologischen Abklärung.
Fallbeispiel 2: Der anaphylaktische Schock auf Latex
Szenario: Bei der Anpassung einer neuen Prothese mit Latex-Handschuhen bekommt der Patient plötzlich Atemnot, sein Gesicht schwillt an und er wird unruhig. Der Blutdruck fällt ab.
Analyse: Anaphylaktische Reaktion Grad III, sehr wahrscheinlich auf Latex.
Notfallmanagement:
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SOFORT 112 anrufen! “Verdacht auf anaphylaktischen Schock!”
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Allergen entfernen: Prothese und Latex-Handschuhe entfernen.
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Oberste Priorität: Adrenalin i.m.! (z.B. mit einem Autoinjektor oder 0,5 mg aus der Ampulle in den vastus lateralis-Muskel des Oberschenkels).
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Sauerstoffgabe mit hohem Fluss (10-15 l/min).
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Weitere Medikamente: Antihistaminikum und Kortison i.v./i.m.
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Lagerung: Patient flach lagern, Beine hoch.
Fallbeispiel 3: Die lichenoide Reaktion auf eine Krone
Szenario: Ein Patient klagt Monate nach dem Einsetzen einer neuen Metallkeramik-Krone über ein brennendes Gefühl und weiße, netzartige Streifen auf der benachbarten Wangenschleimhaut.
Analyse: Dies ist das klassische Bild einer lichenoiden Reaktion, einer Typ-IV-Allergie (verzögerte Reaktion) auf ein Metall in der Legierung (häufig Nickel).
Management (kein Akutnotfall):
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Verdachtsdiagnose stellen und ggf. fotografisch dokumentieren.
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Überweisung zum Dermatologen oder Oralmediziner zur Abklärung (Epikutantest).
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Therapie: Bei Bestätigung der Allergie muss der Auslöser entfernt werden, d.h. die Krone durch ein material (z.B. Zirkonoxid) ersetzt werden.