Lektion 5: Die gefürchteten Komplikationen: Faszienraumabszesse (Angina Ludovici), Sinus-cavernosus-Thrombose und Mediastinitis

A. Klinische Relevanz
Eine zunächst lokale dentogene Infektion kann sich entlang anatomischer Spalträume (Faszien) in tiefe Halsregionen, in die Schädelbasis oder sogar in den Brustkorb ausbreiten. Diese Komplikationen sind lebensbedrohlich und erfordern ein sofortiges Erkennen und notfallmedizinisches Management. Der Zahnarzt muss die Alarmzeichen kennen, um keine wertvolle Zeit zu verlieren.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Ausbreitungswege und die Rolle der Halsfaszien

Infektionen breiten sich enthalb von Faszienlogen aus, die wie “Autobahnen” in die Tiefe wirken.

  • Von den unteren Molaren → Loge der Glandula submandibularis → Ludwig-Angina.

  • Von den Oberkieferfrontzähnen → Oberlippe, Nase → Sinus cavernosus.

  • Aus allen tiefen Halslogen entlang der Gefäß-Nerven-Scheide nach kaudal → Mediastinum.

2. Die drei gefürchteten Komplikationen im Detail

 
 
Komplikation Pathomechanismus & Klinik Lebensbedrohliche Folge
Ludwig-Angina (Angina Ludovici) Zweizeitige, derbe, nicht fluktuierende Schwellung von Submental- und Submandibularlogen beidseits.
• Klinik: “Holzbrett-Hals”, Schluckbeschwerden (Dysphagie), Heiserkeit, Atemnot durch Verlegung der Atemwege.
Erstickungstod durch Verlegung der Atemwege.
Sinus-cavernosus-Thrombose Fortleitung einer Infektion von Oberkieferfrontzähnen oder -weichteilen über die V. angularis und V. ophthalmica in den Sinus cavernosus (Blutleiter an der Schädelbasis).
• Klinik: Hirnnervenausfälle (Doppelbilder, Ptosis), Chemosis (Bindehautödem), Protrusio bulbi (Hervortreten des Augapfels), hohes Fieber.
SepsisHirninfarktHirnabszess.
Mediastinitis Abstieg einer Halsinfektion entlang der prävertebralen oder viszeralen Faszie in den Brustraum.
• Klinik: Hohes Fieber, Schüttelfrost, starke thorakale Schmerzen, Dyspnoe, septischer Schock.
Sepsis, Multiorganversagen.

3. Notfallmanagement

Bei Verdacht auf eine dieser Komplikationen gilt:

  1. SOFORTIGE EINWEISUNG: Notarzt (112) verständigen und sofortige Verlegung in eine Klinik mit MKG-Chirurgie und Intensivstation.

  2. Sicherung der Atemwege: Obere Priorität! Bei Ludwig-Angina kann eine Notfall-Koniotomie (Eröffnung des Lig. conicum) notwendig werden.

  3. Therapie in der Klinik:

    • Sofortige intravenöse Breitband-Antibiose.

    • Operative Revision und Drainage der betroffenen Faszienräume im OP.

    • Bei Sinus-cavernosus-Thrombose: Hochdosierte Antibiose und Antikoagulation.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Verdacht auf Ludwig-Angina

Szenario: Ein Patient stellt sich mit einer rasch zunehmenden, derben Schwellung unter dem Kinn und am Hals beidseits vor. Ihm fällt das Schlucken schwer und er hat Probleme, seinen Speichel zu schlucken. Die Stimme klingt belegt.

Analyse: Die klinische Trias aus beidseitiger submandibulärer Schwellung, Dysphagie und Heiserkeit ist hochverdächtig auf eine beginnende Ludwig-Angina.

Notfallmanagement:

  1. Absoluter Notfall: Sofortige Verständigung des Rettungsdienstes (112).

  2. Überwachung: Der Patient wird nicht allein gelassen. Atmung und Bewusstsein werden engmaschig überwacht.

  3. Übergabe an den Rettungsdienst: Klare Kommunikation des Verdachts: “Verdacht auf Ludwig-Angina mit drohender Atemwegsverlegung.”

Fallbeispiel 2: Der Patient mit “vorgewölbtem Auge”

Szenario: Ein Patient, der seit Tagen Schmerzen an einem oberen Frontzahn hatte, stellt sich mit Fieber, Kopfschmerzen und einem hervortretenden, geröteten linken Auge vor. Er sieht doppelt.

Analyse: Die Kombination aus dentogener Infektionsquelle und ophthalmologischen Symptomen (Protrusio bulbi, Doppelbilder) weist auf eine Sinus-cavernosus-Thrombose hin.

Notfallmanagement:

  1. Sofortige Einweisung per Rettungswagen in eine Klinik mit Neurologie/Neurochirurgie und MKG-Chirurgie.

  2. Diagnostik in der Klinik: MRT des Schädels mit Kontrastmittel zum Nachweis der Thrombose.

  3. Therapie: Hochdosierte i.v.-Antibiose und Heparin zur Antikoagulation.

Fallbeispiel 3: Die verschleppte Halsinfektion

Szenario: Ein Patient mit einer seit einer Woche bestehenden, unzureichend behandelten dentogenen Infektion im Unterkiefer klagt über plötzlich auftretende, massive Brustschmerzen und hohes Fieber.

Analyse: Der Verdacht auf eine absteigende nekrotisierende Mediastinitis ist gegeben.

Notfallmanagement:

  1. Lebensbedrohliche Situation: Notarzt rufen.

  2. Klinische Konsequenz: In der Klinik ist eine sofortige bildgebende Diagnostik (CT Thorax) und eine notfallmäßige operative Ausräumung des Mediastinums oft die einzige Überlebenschance. Die Letalität ist auch heute noch hoch.