Lektion 11: Interproximale Schmelzreduktion (IPR) – Indikation, Technik und Protokolle
A. Klinische Relevanz
Die Interproximale Schmelzreduktion (IPR), auch bekannt als “Stripping” oder ASR, hat die moderne Kieferorthopädie – und insbesondere die Aligner-Therapie – nachhaltig verändert. Früher führten Engstände häufig zu Zahnextraktionen, um Platz zu schaffen. Heute ermöglicht die IPR in vielen Fällen eine Non-Extraktions-Therapie, indem sie mikroskopisch kleine Mengen Schmelz an mehreren Kontaktpunkten entfernt und so in der Summe ausreichend Platz im Zahnbogen generiert. Neben dem Platzgewinn ist die IPR entscheidend für die Ästhetik (Vermeidung “schwarzer Dreiecke”) und die Langzeitstabilität. Da Aligner-Systeme Zahnbewegungen oft sehr präzise vorausberechnen, ist die exakte Umsetzung der geplanten IPR im klinischen Alltag ein kritischer Erfolgsfaktor für das Erreichen des Behandlungsziels.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Ziele und Indikationen
IPR ist ein irreversibler, aber substanzschonender Eingriff. Er verfolgt drei primäre Ziele:
-
Auflösung von Engständen: Gewinnung von Platz (Space), um Zähne einzuordnen, ohne den Zahnbogen übermäßig zu expandieren oder Zähne zu ziehen.
-
Management der Bolton-Diskrepanz: Ausgleich von Missverhältnissen der Zahnbreiten zwischen Ober- und Unterkiefer, um eine perfekte Verzahnung (Okklusion) zu ermöglichen.
-
Erhöhung der Stabilität: Umwandlung von punktförmigen Kontakten in flächige Kontakte. Dies erhöht die Reibung (“Verblockung”) und verhindert Rezidive.
2. Anatomische Grenzen und Sicherheit
Die Sicherheit der Zahnsubstanz hat oberste Priorität. Der Zahnschmelz ist approximal (an den Seitenflächen) durchschnittlich 1,0 bis 1,5 mm dick.
Die Goldene Regel: Es darf niemals mehr als 50 % der vorhandenen Schmelzdicke entfernt werden.
-
Maximaler Abtrag pro Kontaktraum: 0,5 mm (das bedeutet 0,25 mm pro Zahnseite).
-
Frontzahnbereich: Hier ist oft Vorsicht geboten; häufig wird auf maximal 0,3 mm pro Kontaktraum limitiert.
3. Instrumente und Systeme
Die Wahl des Instruments hängt von der Menge des benötigten Abtrags ab:
-
Manuelle Strips (Diamantstreifen):
-
Einsatz: Für sehr kleine Mengen (< 0,2 mm), zum initialen Öffnen des Kontakts und zur Politur.
-
Vorteil: Beste taktile Kontrolle (Fingerspitzengefühl).
-
-
Oszillierende Systeme (Hub-Winkelstück):
-
Einsatz: Für mittlere bis große Mengen (0,2 – 0,5 mm). Segmentierte Scheiben schwingen vor und zurück.
-
Vorteil: Hohe Sicherheit für Weichgewebe. Da die Scheibe nicht rotiert, wird das Zahnfleisch bei Berührung kaum verletzt.
-
-
Rotierende Diamantscheiben:
-
Einsatz: Schneller Abtrag bei viel Platzbedarf.
-
Vorteil/Nachteil: Sehr effizient, aber hohes Verletzungsrisiko für Zunge und Lippe. Muss zwingend mit Scheibenschutz verwendet werden.
-
4. Das klinische Protokoll
Ein standardisierter Ablauf ist essenziell, um Stufenbildung und Kariesrisiken zu vermeiden:
-
Zugang schaffen: Den Kontaktpunkt mit einem sehr dünnen, manuellen “Starter-Strip” separieren.
-
Schmelzreduktion: Durchführen des Abtrags mit dem gewählten System unter Beachtung der Zahnachse.
-
Messung: Kontrolle mit kalibrierten IPR-Messlehren. Die Lehre der Zielgröße muss passiv durchgleiten.
-
Politur (Kritischster Schritt): Glätten der rauen Oberfläche mit feinsten Polierstrips, um Plaqueanlagerung zu verhindern.
-
Fluoridierung: Schutz der frischen Oberfläche mit Fluoridlack.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Auflösung eines tertiären Engstands
Szenario: Ein erwachsener Patient klagt über einen Rezidiv-Engstand der unteren Schneidezähne (Crowding ca. 3 mm). Er lehnt eine Extraktion eines Inzisivus ab. Analyse: Die digitale Planung zeigt, dass eine reine Protrusion (Nach-vorne-Kippen) die Zähne aus dem Knochen bewegen würde. Klinische Konsequenz: Es wird eine IPR von 0,3 mm an fünf Kontaktpunkten im Unterkiefer geplant.
-
Ergebnis: 5 x 0,3 mm = 1,5 mm Platzgewinn. Dies reicht aus, um die Zähne gerade zu stellen, ohne sie parodontal zu gefährden.
Fallbeispiel 2: Das “Schwarze Dreieck”
Szenario: Ein Patient mit parodontalem Knochenabbau hat dreieckige Zahnformen. Nach der Begradigung der Zähne entstehen unschöne “schwarze Dreiecke” (leere Räume) zwischen den Zähnen nahe dem Zahnfleisch. Analyse: Der Kontaktpunkt liegt zu weit oben (inzisal), die Papille füllt den Raum darunter nicht mehr aus. Klinische Konsequenz: Durch gezielte IPR werden die dreieckigen Zahnformen “rechteckiger” gestaltet. Der Kontaktpunkt wird zu einer Kontaktfläche verlängert und wandert nach unten. Die Zähne rücken näher zusammen, das schwarze Dreieck wird geschlossen. Dies ist ein ästhetischer und parodontalhygienischer Gewinn.
Fallbeispiel 3: Korrektur der Bolton-Diskrepanz
Szenario: Am Ende einer Aligner-Behandlung stehen die Zähne gerade, aber der “Overjet” (Vorschub der oberen Schneidezähne) ist zu groß (3-4 mm), obwohl die Seitenzähne perfekt in Klasse I stehen. Analyse: Eine Bolton-Analyse zeigt, dass die oberen Schneidezähne im Verhältnis zu den unteren zu schmal sind (oder die unteren zu breit). Klinische Konsequenz: Es wird eine minimale IPR im Unterkieferfrontzahnbereich durchgeführt. Dadurch wird der untere Zahnbogen etwas kleiner, die Frontzähne kippen leicht nach innen, und der ideale Overjet kann eingestellt werden.