Lektion 9: Aligner-Technik I: Materialeigenschaften (Folienstärken, Härtegrad) und das Prinzip des “Staging”
A. Klinische Relevanz
Die Aligner-Therapie ist eine präzise engineering-Leistung, die auf den physikalischen Eigenschaften des Kunststoffs und einer durchdachten schrittweisen Planung beruht. Das Verständnis der Materialeigenschaften und des “Staging” – der choreographierten Abfolge von Zahnbewegungen – ist fundamental. Nur so kann der Behandler die Grenzen des Systems erkennen, die Behandlung planen und bei Abweichungen korrigierend eingreifen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Materialeigenschaften der Aligner-Folien
Die meisten Aligner werden aus mehrschichtigen, biaxial orientierten Polyesterfolien (z.B. PET-G) gefertigt. Ihre Leistung wird durch zwei Schlüsselparameter bestimmt:
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Folienstärke (Dicke):
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Standard: 0,75 mm (0,03 Zoll). Bietet einen guten Kompromiss aus Kraftübertragung, Tragekomfort und Unsichtbarkeit.
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Dünnere Folien (0,5 mm): Noch unauffälliger und komfortabler, aber geringere Kraftübertragung und erhöhte Bruchgefahr. Oft für leichte Fälle oder sehr sensible Patienten.
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Stärkere Folien (1,0 mm+): Werden selten für spezielle Anwendungen (z.B. als Retainer) verwendet.
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Härtegrad / Elastizitätsmodul:
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Definition: Der Widerstand, den das Material einer Verformung entgegensetzt. Ein höherer E-Modul bedeutet einen steiferen Aligner.
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“Harte” Folien (hoher E-Modul): Übertragen höhere Kräfte, bieten mehr Widerstand gegen Deformation durch Kaukräfte und können daher für komplexere Bewegungen besser geeignet sein.
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“Weiche” Folien (niedriger E-Modul): Übertragen geringere, schonendere Kräfte und sind oft komfortabler. Können bei schwierigen Bewegungen aber “nachgeben”.
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2. Das Prinzip des “Staging” (Bewegungssequenzierung)
“Staging” bezeichnet die virtuelle Planung der schrittweisen Zahnbewegung von der Ausgangsposition zur Zielposition.
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Grundprinzip: Die Gesamtbewegung eines Zahnes wird in viele kleine, diskrete Schritte unterteilt. Jeder Aligner in der Serie repräsentiert einen dieser Schritte.
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Bewegung pro Aligner (Bewegungsbudget):
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Translation (Körperbewegung): Max. 0,25 – 0,33 mm pro Aligner.
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Rotation: Max. 1,5 – 2,0 Grad pro Aligner.
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Extrusion/Intrusion: Max. 0,2 – 0,3 mm pro Aligner. Intrusion ist die schwierigste Bewegung für Aligner.
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Warum Staging notwendig ist:
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Biologisch: Der parodontale Ligamentraum benötigt Zeit für den Knochenumbau.
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Biomechanisch: Aligner üben Kräfte primär auf die Zahnkronen aus. Um eine unerwünschte Kippung zu vermeiden und eine Translation anzustreben, muss die Bewegung langsam und kontrolliert erfolgen.
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Physikalisch: Der Kunststoff kann nur begrenzt verformt werden, bevor er seine “Erinnerung” verliert oder nicht mehr passt.
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3. Die Rolle der Attachments im Staging
Attachments (Kompositnoppen auf den Zähnen) sind entscheidend für ein erfolgreiches Staging, da sie:
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Griffpunkte (Ankerpunkte) für den Aligner schaffen, um Rotationen und Wurzelbewegungen zu ermöglichen.
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Den Aligner retentieren und ein “Durchbiegen” verhindern.
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Als Hebel wirken, um die Kraftübertragung zu verbessern.
Die Platzierung und Form der Attachments wird im Staging-Prozess (z.B. im ClinCheck von Invisalign) virtuell festgelegt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die limitierte Rotation
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Szenario: Ein unterer Eckzahn ist um 20° rotiert. Im Behandlungsplan (ClinCheck) ist für diese Bewegung nur ein Aligner vorgesehen.
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Analyse: Eine 20°-Rotation in einem Schritt überschreitet das biomechanisch sinnvolle Bewegungsbudget bei weitem.
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Klinische Konsequenz: Der Aligner wird nicht passen oder extrem hohe Kräfte ausüben. Der Zahn wird sich nicht bewegen, und der Patient wird Schmerzen haben. Die Folge ist ein “Tracking Error” – der Zahn “folgt” dem Behandlungsplan nicht.
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Lösung: Der Behandler muss den Plan rejecten und ein neues Staging fordern, bei dem die Rotation über mindestens 10-12 Aligner verteilt wird.
Fallbeispiel 2: Staging für eine Translation vs. Kippung
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Szenario: Ein oberer Schneidezahn soll um 2 mm nach distal bewegt werden.
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Analyse: Es gibt zwei prinzipielle Staging-Strategien:
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Schnelle Kippung: Der Zahn wird in den ersten 4 Alignern schnell gekippt (Krone bewegt sich, Wurzel bleibt). In den folgenden Alignern wird die Wurzel aufgerichtet. Nachteil: Höheres Rezidivrisiko, Wurzel steht vorübergehend außerhalb der Alveole.
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Kontrollierte Translation: Der Zahn wird von Anfang an mit einer Kombination aus Kraft und Moment bewegt, um eine parallele Verschiebung zu erreichen. Dies erfordert ein optimales Staging und oft ein optimiertes Attachment-Design (z.B. ein horizontales Attachment für bessere Wurzelkontrolle). Vorteil: Biologisch schonender und stabiler.
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Klinische Konsequenz: Ein erfahrener Behandler wird im ClinCheck auf ein Staging achten, das eine Translation begünstigt.
Fallbeispiel 3: Der Einfluss der Folieneigenschaften
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Szenario: Ein Patient mit parodontal vorgeschädigten, aber stabilen Zähnen benötigt eine leichte Zahnstellungskorrektur.
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Analyse: Es werden sehr leichte, gewebeschonende Kräfte benötigt.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Der Behandler könnte sich für ein System mit einer weicheren Folie entscheiden oder den Wechselrhythmus der Aligner verlängern (z.B. alle 14 Tage statt alle 7 Tage), um die auf den Parodont einwirkenden Kräfte zu minimieren. Die Wahl des Materials und des Stagings wird hier direkt an die biologischen Gegebenheiten angepasst.