Lektion 11: Bruxismus: Ätiologie, Diagnostik und multidisziplinäre Behandlungsansätze

A. Klinische Relevanz
Bruxismus (Zähneknirschen und -pressen) ist ein weit verbreitetes Phänomen und einer der Hauptauslöser für CMD-Beschwerden, dentale Abrasionen und muskuläre Hypertonie. Es wird zwischen Schlaf- und Wachbruxismus unterschieden. Der Zahnarzt spielt eine zentrale Rolle in der Diagnose und der lokalen Therapie, muss jedoch verstehen, dass Bruxismus oft ein multifaktorielles Geschehen ist, das eine Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen erfordert.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Ätiologie

  • Definition: Wiederholte Kaumuskelaktivität, die durch Knirschen oder Pressen der Zähne charakterisiert ist. Man unterscheidet:

    • Schlafbruxismus: Meist rhythmisches (phasisches) Knirschen.

    • Wachbruxismus: Meist tonisches Pressen ohne Mahlbewegungen, oft stressassoziiert.

  • Ätiologie (multifaktoriell):

    • Zentrale Faktoren: Stress und Angst sind die häufigsten Auslöser. Weitere Faktoren: Schlafstörungen, bestimmte Medikamente (SSRI), genetische Prädisposition.

    • Periphere Faktoren: Okklusale Störungen können einen bestehenden Bruxismus verstärken, sind aber selten die alleinige Ursache.

2. Diagnostik und klinische Zeichen

Die Diagnose wird primär klinisch gestellt.

 
 
Diagnostik-Methode Befunde & Aussagekraft
Anamnese • Morgendliche Muskelermüdung oder -schmerzen.
• Der Partner berichtet über Knirschgeräusche.
• Bewusstes Zusammenpressen am Tag (Wachbruxismus).
Klinische Untersuchung (Inspektion) • Attritionen: Abriebflächen an den Zähnen, die über das normale Maß hinausgehen. Besonders an Eckzähnen und Incisal-kanten der Frontzähne.
• Impressionsabdruck der Zunge (Crenated tongue) durch Anpressen gegen die Zähne.
• Linea alba an der Wangenschleimhaut.
Klinische Untersuchung (Palpation) • Hypertrophie und Druckschmerz der Kaumuskulatur (M. masseter, M. temporalis).
Apparative Diagnostik (Polysomnographie) Goldstandard für Schlafbruxismus, aber aufwendig und teuer. Wird nur in spezialisierten Zentren bei unklaren Fällen durchgeführt.

3. Multidisziplinäre Behandlungsansätze

Die Therapie des Bruxismus ist symptomatisch und zielt auf Ursachenmanagement und Folgenminimierung.

 
 
Therapieansatz Konkrete Maßnahmen & Verantwortliche Disziplin
Okklusale Schienentherapie (Zahnarzt) • DPS (Michigan-Schiene): Schützt die Zähne vor weiterem Abrieb, entlastet die Muskulatur und die Gelenke. Therapie der ersten Wahl.
• NTI-tss: Kann bei reinem Wachbruxismus und Kopfschmerzen erwogen werden.
Physiotherapie (Physiotherapeut) • Behandlung der verspannten Kaumuskulatur und der Hals-Nacken-Region.
• Dehnübungen, Manuelle Therapie, Triggerpunkttherapie.
Verhaltenstherapie & Entspannung (Psychologe/ Psychotherapeut) • Stressmanagement: Kognitive Verhaltenstherapie, Progressive Muskelrelaxation (PMR), Autogenes Training.
• Biofeedback: Dem Patienten wird seine Muskelaktivität rückgemeldet, um eine bewusste Kontrolle zu erlernen.
Medikamentöse Therapie (Arzt) • Niedrigdosierte trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin): Bei chronischen Schmerzen und Schlafstörungen.
• Botulinumtoxin (Botox®) Injektion: Bei therapistesistentem, schmerzhaftem Bruxismus mit Masseterhypertrophie.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der Stress-Knirscher

Szenario: Ein Student in der Prüfungsphase klagt über morgendliche Kieferschmerzen und Kopfschmerzen. Klinisch zeigen sich frische Attritionen an den Eckzähnen und druckschmerzhafte Masseteren.

Analyse: Akuter Schlafbruxismus, ausgelöst durch psychischen Stress.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Lokale Therapie (Zahnarzt): Anpassung einer DPS-Schiene zum Schutz der Zähne und zur Muskelentspannung.

  2. Ursächliche Therapie (Empfehlung): Empfehlung von Entspannungsverfahren (z.B. PMR) und ggf. psychologischer Beratung zum Stressmanagement.

  3. Prognose: Die Symptome bessern sich meist deutlich, sobald die stressige Phase vorbei ist.

Fallbeispiel 2: Die Patientin mit Masseterhypertrophie

Szenario: Eine junge Frau ist ästhetisch durch ihre stark ausgeprägten “Hamsterbacken” (Masseterhypertrophie) gestört. Sie knirscht seit Jahren und hat trotz Schiene weiterhin Schmerzen.

Analyse: Chronischer Bruxismus mit therapistesistenter Masseterhypertrophie und myofaszialen Schmerzen.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Erweiterte Therapie: Nach Ausschöpfen der konservativen Maßnahmen (Schiene, Physiotherapie) kann eine Injektion von Botulinumtoxin (Botox®) in die Masseteren erwogen werden.

  2. Wirkweise: Botulinumtoxin hemmt die neuromuskuläre Übertragung, was zu einer Muskelrelaxation und Atrophie führt. Die Schmerzen lassen nach und die ästhetische Kontur des Gesichts wird weicher.

  3. Hinweis: Der Effekt hält 4-6 Monate an und muss dann wiederholt werden.

Fallbeispiel 3: Der Patient mit okklusaler Störung

Szenario: Ein Patient bemerkt nach dem Einsetzen einer neuen Krone im Seitenzahnbereich ein unklares Okklusionsgefühl und beginnt, nachts verstärkt zu knirschen.

Analyse: Eine okklusale Störung durch die Krone kann einen latenten Bruxismus verstärken oder triggern.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Ursachenbeseitigung: Der Zahnarzt überprüft und korrigiert die Okklusion der neuen Krone intensiv.

  2. Begleittherapie: Parallel wird eine DPS-Schiene angefertigt, um die Muskulatur zu beruhigen und den Bruxismus zu unterbrechen.

  3. Ergebnis: Oft normalisiert sich das Bruxismus-Verhalten nach Beseitigung des Störkontakts wieder.