Lektion 2: Klinische Funktionsanalyse I: Anamnese, Inspektion und manuelle Untersuchung der Kaumuskulatur

A. Klinische Relevanz
Die klinische Funktionsanalyse ist das Kernstück der CMD-Diagnostik. Sie erfordert weder aufwendige Apparate noch hohe Kosten, liefert aber bis zu 90% der entscheidenden diagnostischen Informationen. Eine systematische Anamnese und Untersuchung ermöglicht es, die Hauptkomponente der Beschwerden (muskulär, artikulär, okklusal) zu identifizieren, den Schweregrad einzuschätzen und eine gezielte Therapie einzuleiten. Jeder Zahnarzt sollte diese Basisdiagnostik sicher beherrschen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Die gezielte CMD-Anamnese

Die Befragung des Patienten folgt einer Systematik, die die drei Funktionskreise abdeckt.

 
 
Anamnesebereich Ziel & Beispielfragen
Aktuelle Beschwerden (Lokalisation, Qualität, Intensität) Schmerzcharakterisierung und -lokalisation.
• “Wo genau tut es weh?” (Weisen Sie mit einem Finger drauf.)
• “Wie würden Sie den Schmerz beschreiben? (dumpf, stechend, brennend)”
• “Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala von 0-10?”
Zeitlicher Verlauf Einschätzung von Akuität und Chronizität.
• “Seit wann bestehen die Beschwerden?”
• “Sind die Schmerzen konstant oder kommen und gehen sie?”
• “Wann sind die Beschwerden am schlimmsten? (morgens, abends, unter Stress)”
Auslösende und verstärkende Faktoren Identifikation von Ursachen und Triggern.
• “Hatten Sie einen Unfall oder eine Verletzung?”
• “Haben Sie das Gefühl, nachts mit den Zähnen zu knirschen oder am Tag die Zähne zusammenzupressen?”
• “Verschlimmert sich der Schmerz beim Kauen, Gähnen oder Sprechen?”
Begleitsymptome Erfassung typischer CMD-Symptome außerhalb des Kausystems.
• “Haben Sie Ohrschmerzen, Tinnitus oder Schwindel?”
• “Haben Sie Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen?”
• “Haben Sie das Gefühl, dass die Zähne nicht mehr richtig aufeinandertreffen?” (Okklusionsstörung)

2. Inspektion und Palpation der Kaumuskulatur

Die manuelle Untersuchung ist der Schlüssel zur Diagnose myofaszialer Schmerzen.

  • Inspektion (Betrachtung):

    • Asymmetrien: Schiefstand des Unterkiefers, Hypertrophie (Vergrößerung) eines M. masseter.

    • Abnutzungserscheinungen: Attritionen (Abriebflächen) an den Zähnen als Zeichen von Bruxismus.

  • Palpation (Abtasten): Jeder Muskel wird beidseits mit etwa 1-2 kg Druck (so viel, dass der Fingernagel weiß wird) palpiert. Der Patient gibt an, ob ein Schmerz ausgelöst wird.

 
 
Zu palpierender Muskel Palpationsstelle & Klinische Bedeutung
M. masseter Oberflächlicher und tiefer Anteil. Wichtigster Muskel für Kieferschmerzen. Druckschmerz deutet auf Bruxismus hin.
M. temporalis Seitlich am Schädel über der Schläfe. Häufige Ursache für temporale Kopfschmerzen.
M. pterygoideus lateralis Intraoral, hinter dem Tuber maxillae. Schmerz kann tiefe Ohr- oder Gelenkschmerzen imitieren.
M. pterygoideus medialis Intraoral am Unterkieferwinkel innen.
M. sternocleidomastoideus & Trapezius Hals- und Nackenmuskeln. Oft mit CMD assoziiert.

3. Dokumentation des Befunds

Ein einfaches Schema hilft, die palpatorischen Befunde zu dokumentieren, z.B.:

  • 0 = kein Schmerz

  • 1 = deutlicher Druckschmerz (positiv)

  • T = Triggerpunkt (ein lokaler, höchst schmerzhafter Punkt, der oft einen Übertragungsschmerz auslöst)

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der Patient mit morgendlichen Kopfschmerzen

Szenario: Eine 40-jährige Patientin klagt über beidseitige Druckschmerzen in den Schläfen, die fast jede Morgen auftreten. Sie wacht oft mit verspanntem Kiefer auf.

Analyse & Klinische Untersuchung:

  1. Anamnese: Die morgendliche Symptomatik ist hochverdächtig für nächtlichen Bruxismus.

  2. Inspektion: Es zeigen sich deutliche Attritionen an den Eckzahnspitzen.

  3. Palpation: Beide M. temporales sind hochdruckdolent. Die Masseteren sind ebenfalls verspannt.

  4. Diagnose: Myofasziales Schmerzsyndrom der Kaumuskulatur, ausgelöst durch Bruxismus.

Klinische Konsequenz: Der Fokus der Ersttherapie liegt auf der Entlastung der Muskulatur, z.B. durch eine Entspannungsschiene.

Fallbeispiel 2: Der Patient nach Autounfall

Szenario: Ein Patient stellt sich 4 Wochen nach einem Auffahrunfall vor. Er klagt über Schmerzen vor dem Ohr und ein Knacken im linken Kiefergelenk.

Analyse & Klinische Untersuchung:

  1. Anamnese: Das Trauma ist der klare Auslöser. Die Symptome deuten auf eine artikuläre Komponente hin (Knacken).

  2. Palpation: Die Kaumuskulatur ist unauffällig. Die Palpation des linken Kiefergelenks von lateral ist jedoch schmerzhaft.

  3. Weitere Untersuchung: Bei Bewegung des Unterkiefers ist ein deutliches Knacken über dem linken Gelenk auskultierbar.

  4. Diagnose: Posttraumatische Diskusverlagerung mit sekundärer Arthralgie (Gelenkschmerz).

Klinische Konsequenz: Neben der Muskelentspannung (Schiene) muss das Gelenk behandelt werden (ggf. Physiotherapie, manuelle Therapie).

Fallbeispiel 3: Der Patient mit “Ohrschmerzen”

Szenario: Ein Patient wurde bereits mehrfach beim HNO-Arzt wegen einseitiger Ohrschmerzen vorstellig, ohne dass eine Ursache gefunden wurde. Der Zahnarzt wird konsultiert.

Analyse & Klinische Untersuchung:

  1. Anamnese: Der Schmerz ist dumpf und wird tief im Ohr lokalisiert.

  2. Palpation: Die Palpation des M. pterygoideus lateralis auf der betroffenen Seite löst den typischen “Ohrenschmerz” des Patienten aus.

  3. Diagnose: Myofaszialer Schmerz des M. pterygoideus lateralis mit Übertragungsschmerz (referred pain) in die Ohrregion.

Klinische Konsequenz: Der Patient wird über den muskulären Ursprung seiner Beschwerden aufgeklärt. Die Therapie (Schiene, Physiotherapie) zielt auf die Entspannung dieses Muskels ab.