Lektion 6: Die Immediatprothese – Klassisches Vorgehen und Langzeitmanagement
A. Klinische Relevanz
Die Immediatprothese (Sofortprothese) ist eine herausnehmbare Prothese, die in der gleichen Sitzung wie die Extraktion der letzten Restzähne eingesetzt wird. Ihr Hauptzweck ist die Vermeidung einer zahnlosen Phase, was für viele Patienten aus sozialen und psychologischen Gründen von enormer Bedeutung ist. Sie fungiert als “Verbandplatte” für die Wunden und hilft, die vertikale Bisshöhe und die Weichgewebe zu stützen. Das Management einer Immediatprothese ist jedoch anspruchsvoll, da sie auf einem sich schnell verändernden Kieferkamm lagert und eine intensive Nachsorge mit regelmäßigen Unterfütterungen erfordert, um ihre Funktion zu erhalten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Konzept: Prothetischer Ersatz ohne zahnlose Phase
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Definition: Eine Total- oder Teilprothese, die vor der Extraktion der Restbezahnung hergestellt und unmittelbar nach der Extraktion eingesetzt wird.
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Abgrenzung zur konventionellen Prothese: Eine konventionelle Prothese wird auf einem vollständig abgeheilten Kieferkamm hergestellt, was eine präzisere Passung ermöglicht. Die Immediatprothese wird auf einem Gipsmodell gefertigt, auf dem der Techniker die zu extrahierenden Zähne “wegradiert” und die Form des Kieferkamms nach der Extraktion schätzen muss.
2. Vorteile und Nachteile
3. Das klinische Vorgehen
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Vorbereitende Phase: Oft werden zuerst die nicht-sichtbaren Seitenzähne extrahiert und diese Bereiche heilen ab, während die Frontzähne zur Erhaltung der Ästhetik und Funktion noch belassen werden.
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Abformung und Kieferrelationsbestimmung: Abformungen werden mit den verbliebenen Restzähnen genommen. Die Bisshöhe und -lage wird bestimmt. Zahnfarbe und -form werden ausgewählt.
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Laborphase: Der Zahntechniker stellt das Gipsmodell her, radiert die Restzähne vom Modell, modelliert den Kieferkamm und stellt die Prothese in Wachs auf. Anschließend wird sie in Kunststoff fertiggestellt.
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Tag der Eingliederung:
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Die Restzähne werden schonend unter Lokalanästhesie extrahiert.
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Die Prothese wird sofort eingesetzt. Sie darf nicht perfekt passen, aber sie muss sich ohne übermäßige Gewalt platzieren lassen.
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Wichtige Anweisung: Der Patient darf die Prothese in den ersten 24 Stunden nicht herausnehmen. Sie dient als Druckverband.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Das entscheidende Langzeitmanagement: Eine Immediatprothese ist in ihrem initialen Zustand eine Übergangsversorgung. Der Kieferkamm unterliegt in den ersten 3-6 Monaten nach der Extraktion einer schnellen und massiven Resorption.
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24-Stunden-Kontrolle: Die erste Kontrolle. Die Prothese wird vom Zahnarzt abgenommen, die Wunden werden inspiziert und erste grobe Druckstellen entfernt.
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Weichbleibende Unterfütterungen: Nach wenigen Tagen bis Wochen wird die Prothese locker. Sie muss dann mit temporären, weichbleibenden Unterfütterungsmaterialien am Stuhl angepasst werden, um die Passung zu verbessern. Dieser Vorgang muss in den ersten Monaten eventuell mehrfach wiederholt werden.
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Definitive Unterfütterung: Nach ca. 3-6 Monaten, wenn die initiale schnelle Resorption abgeschlossen ist, muss eine definitive, harte Unterfütterung im Labor durchgeführt werden. Erst danach wird die Immediatprothese zu einer vollwertigen Dauerprothese. Manchmal ist auch eine komplette Neuanfertigung notwendig.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 60-jähriger Patient hat eine parodontal hoffnungslose Restbezahnung im Oberkiefer. Alle Zähne müssen extrahiert werden. Der Patient ist berufstätig und kann auf keinen Fall zahnlos sein.
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Analyse: Dies ist die klassische Indikation für eine Immediat-Totalprothese.
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Klinische Konsequenz & Therapieplan:
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Planung: Abformungen, Bissnahme und Zahnwahl erfolgen, während die alten Zähne noch in situ sind.
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Labor: Die Totalprothese wird hergestellt, wobei der Techniker die Zähne auf dem Modell “extrahiert”.
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Eingliederung: Alle Oberkieferzähne werden extrahiert. Die fertige Prothese wird sofort eingesetzt.
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Nachsorge: Am nächsten Tag erfolgt die erste Druckstellenkontrolle. Nach 2 Wochen, als die Prothese merklich lockerer wird, wird eine erste weichbleibende Unterfütterung durchgeführt. Eine weitere folgt nach 2 Monaten. Nach 4 Monaten wird eine finale, harte Unterfütterung im Labor vorgenommen.
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Ergebnis: Der Patient konnte seine berufliche und soziale Tätigkeit ohne Unterbrechung und ohne die psychische Belastung der Zahnlosigkeit fortsetzen. Die Immediatprothese diente als erfolgreiche Übergangslösung, die durch die systematische Nachsorge und Unterfütterung schrittweise in eine definitive, gut passende Versorgung umgewandelt wurde.