Lektion 5: Wurzelstiftkappen mit Kugelknopf-Ankern (z.B. Dalbo-System)

A. Klinische Relevanz

 

Die Verankerung einer Deckprothese mittels Kugelknopf-Ankern auf Wurzelstiftkappen ist ein klassisches, einfaches und kosteneffizientes Konzept, das insbesondere in der Gerontoprothetik weit verbreitet war und ist. Obwohl heute oft durch Locatoren auf Implantaten ersetzt, werden Zahnärzte bei der Betreuung älterer Patienten sehr häufig auf diese Art der Versorgung treffen. Das Verständnis ihres biomechanischen Prinzips der Resilienz und vor allem die Kenntnis der einfachen, aber entscheidenden Wartungsmaßnahmen sind notwendig, um die Funktion dieser langlebigen Versorgungen über viele Jahre zu erhalten.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Konzept: Die resiliente Druckknopf-Verankerung Es handelt sich um ein zweiteiliges Verbindungssystem, das wie ein Druckknopf funktioniert.

  • Die Patrize (männlicher Teil): Eine gegossene Wurzelstiftkappe mit einem darauf aufgelöteten, präfabrizierten Kugelkopf-Anker. Diese Einheit wird definitiv auf die endodontisch behandelte und gekürzte Zahnwurzel zementiert.

  • Die Matrize (weiblicher Teil): Ein Metallgehäuse mit einem darin befindlichen, federnden Halteelement (Lamellenring), das in die Prothesenbasis eingearbeitet ist.

  • Funktion und Biomechanik: Die Matrize rastet auf der Patrize ein. Der Kugel-Gelenk-Mechanismus erlaubt eine gewisse Resilienz, also eine minimale Rotations- und Vertikalbewegung der Prothese. Dies ist für eine schleimhautgelagerte Deckprothese von Vorteil, da die Kaukräfte so zwischen dem Pfeilerzahn und der Schleimhaut aufgeteilt werden und der Pfeiler vor starren Hebelkräften geschützt wird.

2. Vorteile und Nachteile im Vergleich zu anderen Systemen

Vorteile Nachteile
Einfach und kostengünstig in der Herstellung im Vergleich zu Stegen oder Teleskopen. Punktuelle Belastung des Pfeilerzahns (im Gegensatz zur flächigen Schienung bei Steg/Teleskop).
Gute Retention bei einfacher Handhabung für den Patienten. Der Verschleiß der Lamellen führt zu einem nachlassenden Halt, der eine regelmäßige Wartung erfordert.
Gute Resilienz, was den Pfeilerzahn schont. Geringere Stabilität gegen Lateralkräfte als Stege oder Teleskope.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Indikation: Die klassische Indikation ist die Stabilisierung einer Totalprothese, insbesondere im zahnlosen Unterkiefer, auf zwei verbliebenen, endodontisch behandelten Eckzähnen.

Wartung und Management: Der Austausch der Lamellen Die häufigste und wichtigste klinische Maßnahme bei bestehenden Kugelknopf-Prothesen ist das Management des Retentionsverlusts.

  • Problem: Der Patient klagt, dass die Prothese “nicht mehr richtig hält”.

  • Ursache: Die federnden Lamellen in der Matrize ermüden über die Zeit und nutzen sich ab.

  • Therapie: Dies ist kein Versagen der Gesamtkonstruktion, sondern ein einfacher Wartungsfall. Die verschlissenen Lamellen werden mit einem speziellen Instrument aus dem Matrizengehäuse entfernt und durch neue Lamellen ersetzt. Dies kann in wenigen Minuten direkt am Behandlungsstuhl erfolgen und stellt die ursprüngliche Haltekraft sofort wieder her.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 82-jähriger Patient trägt seit 15 Jahren eine Unterkiefer-Deckprothese, die auf Kugelknopf-Ankern an den Eckzähnen 33 und 43 verankert ist. Er berichtet, dass die Prothese seit ca. einem Jahr immer lockerer wird.

  • Klinische Untersuchung:

    • Die Pfeilerzähne sind parodontal gesund und die Wurzelstiftkappen sind fest zementiert.

    • Die Prothesenbasis passt noch gut, aber die Prothese lässt sich ohne jeden “Klick” oder Widerstand von den Kugelköpfen abheben.

    • Eine Inspektion der Matrizen in der Prothese zeigt stark abgenutzte und nicht mehr federnde Lamellenringe.

  • Analyse: Die Ursache des Problems ist der vorhersagbare Verschleiß der austauschbaren Retentionseinsätze.

  • Klinische Konsequenz & Therapie:

    1. Vorgehen: Mit einem passenden Instrument werden die alten Lamellen aus den Matrizengehäusen gehebelt.

    2. Neue Lamellen werden ausgewählt und in die Gehäuse eingeklickt.

    3. Die Prothese wird wieder in den Mund des Patienten eingesetzt. Sie rastet nun mit einem hör- und fühlbaren “Klick” ein und sitzt wieder absolut fest.

  • Ergebnis: Mit einem minimalen, nicht-invasiven und kostengünstigen Eingriff direkt am Stuhl wurde die volle Funktion der bewährten Versorgung wiederhergestellt. Der Fall unterstreicht die Wichtigkeit der Kenntnis von Wartungsprotokollen für ältere Prothetiksysteme.