Lektion 1: Die Vollgusskrone und -brücke aus Gold – Diagnostik und Management
A. Klinische Relevanz
Die Vollgusskrone aus einer hochgoldhaltigen Legierung war über ein halbes Jahrhundert der unangefochtene Goldstandard für die Versorgung von Seitenzähnen. Aufgrund ihrer unübertroffenen Langlebigkeit, Präzision und Biokompatibilität werden Zahnärzte im Praxisalltag ständig mit diesen oft jahrzehntealten, aber noch voll funktionsfähigen Restaurationen konfrontiert. Das Verständnis ihrer einzigartigen Materialeigenschaften, ihrer typischen klinischen Erscheinung und der Kriterien für ihre Beurteilung ist entscheidend, um die richtige Entscheidung zwischen “Belassen und Beobachten” und “Erneuern” zu treffen und den Wert dieser hochwertigen Versorgungen zu schätzen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Material: Hochgoldhaltige Dentallegierungen
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Zusammensetzung: “Edelmetall”-Legierungen mit einem hohen Anteil an Gold (>40%) und anderen Metallen der Platingruppe. Diese Zusammensetzung verleiht dem Material seine herausragenden Eigenschaften.
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Die entscheidende Eigenschaft: Brunierbarkeit (Duktilität)
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Im Gegensatz zu spröden Keramiken oder harten NEM-Legierungen sind hochgoldhaltige Legierungen duktil (verformbar).
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Dies ermöglicht dem Zahnarzt und Zahntechniker, den Kronenrand mit speziellen Instrumenten an die Präparationsgrenze anzupolieren und anzudrücken (brunieren).
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Effekt: Dieser Prozess schließt den mikroskopisch kleinen Zementspalt und schafft einen extrem dichten und glatten Randschluss, der über Jahrzehnte vor Sekundärkaries schützt. Dies ist der Hauptgrund für die überlegene Langlebigkeit von Goldrestaurationen.
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Weitere Vorteile:
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Exzellente Biokompatibilität: Gold ist extrem inert und löst praktisch keine Allergien oder Reaktionen aus.
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Antagonisten-freundlicher Verschleiß: Gold hat eine ähnliche Härte wie der natürliche Zahnschmelz und nutzt sich in ähnlicher Weise ab, ohne den Gegenzahn übermäßig zu schädigen.
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Präzision: Das Gusverfahren ermöglicht eine extrem hohe Passgenauigkeit.
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2. Klassische Präparation und Design
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Substanzschonung: Aufgrund der hohen Stabilität des Materials ist die Präparation für eine Goldkrone eine der substanzschonendsten überhaupt (okklusal nur ca. 1-1,5 mm Abtrag).
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Präparationsgrenze: Klassischerweise eine auslaufende Präparation (“feather edge”) oder eine leichte Hohlkehle, die die Brunierbarkeit optimal unterstützt.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
1. Die Beurteilung einer alten Goldrestauration Der Grundsatz lautet: “If it ain’t broke, don’t fix it.” Eine alte, aber intakte Goldrestauration sollte nicht prophylaktisch ausgetauscht werden.
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Checkliste für die Kontrolle:
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Randschluss: Der wichtigste Punkt. Fahren Sie mit einer scharfen Sonde den Kronenrand ab. Ein guter Rand ist “nicht spürbar”, die Sonde gleitet ohne zu haken.
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Integrität: Suchen Sie nach eventuellen Perforationen (“Löchern”) auf der Kaufläche, die nach Jahrzehnten durch Verschleiß entstehen können.
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Sekundärkaries: Klinische Inspektion und zwingend eine Bissflügel-Röntgenaufnahme zur Beurteilung der approximalen Ränder.
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Parodontaler Zustand: Ist die Gingiva um die Krone gesund und reizlos?
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2. Management von Komplikationen
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Kleine Perforation: Kann oft wie eine Füllung mit einem kleinen Amalgam- oder Komposit-Stopfer repariert werden.
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Offener Rand / Sekundärkaries: Wenn Karies unter dem Rand diagnostiziert wird, ist die Krone nicht mehr dicht. Sie muss entfernt und die Versorgung erneuert werden.
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Entfernung: Das Entfernen einer Goldkrone erfordert das Auftrennen mit einem speziellen Hartmetall-Bohrer.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 80-jähriger Patient stellt sich zur Kontrolle vor. Er hat an Zahn 46 eine Vollgusskrone, die laut seiner Aussage vor “ungefähr 40 Jahren” angefertigt wurde. Der Patient ist völlig beschwerdefrei.
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Klinische Untersuchung:
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Die Krone zeigt deutliche, aber gleichmäßige Abnutzungsspuren, die dem restlichen Gebiss entsprechen. Es gibt keine Perforation.
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Die Sondierung der Kronenränder ergibt einen perfekten, glatten Übergang ohne jeglichen Spalt oder Haken.
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Die Gingiva um die Krone ist blassrosa und entzündungsfrei.
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Radiologische Untersuchung: Das Röntgenbild bestätigt den exzellenten, spaltfreien Randschluss und zeigt keine Anzeichen von Sekundärkaries oder einer periapikalen Läsion.
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Analyse: Dies ist ein Paradebeispiel für eine meisterhaft angefertigte und langlebige prothetische Versorgung. Der perfekte Randschluss durch das Brunieren hat den Zahn über Jahrzehnte effektiv vor einer Neuinfektion geschützt.
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Klinische Konsequenz: Keine Intervention. Jede Form der “Erneuerung” mit einem modernen Material würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die gleiche Lebensdauer erreichen. Dem Patienten wird zu der exzellenten Qualität seiner alten Versorgung gratuliert und der Zustand wird im Recall weiterhin beobachtet.