Lektion 10: Bildgebung bei traumatischen Verletzungen der Zähne und Kiefer

A. Klinische Relevanz
Traumatische Verletzungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich sind häufige Notfälle. Eine schnelle und präzise radiologische Diagnostik ist entscheidend für die Therapieentscheidung und Prognoseabschätzung. Das Spektrum reicht von der Einzelzahnaufnahme für eine Wurzelfraktur bis zum Ganzkörper-CT bei Polytrauma. Der Zahnarzt muss das geeignete Verfahren für die jeweilige Verletzung kennen und in der Lage sein, die häufigsten Frakturmuster zu erkennen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Bildgebende Verfahren bei Zahntrauma

Die Wahl des Verfahrens hängt von der vermuteten Verletzung ab.

 
 
Verletzung Verfahren der 1. Wahl Alternative / Ergänzung Radiologische Zeichen
Kronenfraktur (Ellis I-III) Periapikale Aufnahme (Paralleling) Frakturlinie durch Schmelz/Dentin/Pulpa.
Wurzelfraktur Periapikale Aufnahme (Paralleling) DVT (bei Verdacht auf vertikale Fraktur oder wenn 2D-Aufnahme unklar ist) Horizontale oder vertikale hypodense Linie im Wurzeldentin.
Luxation/Konkus sion Periapikale Aufnahme (Paralleling) Erweiterter/verbreiterter Periodontalspalt.
Avulsion Leere Alveole im OPG oder Einzelaufnahme. Zahn fehlt im Zahnfach.

2. Bildgebende Verfahren bei Kieferfrakturen

  • OPG (DPT): Erstes Mittel der Wahl bei isolierten Kieferfrakturen. Guter Überblick über beide Kiefer, Unterkieferkontinuität, Kondylen und Zähne. Nachteil: Überlagerungen im Mittelgesicht.

  • DVT (CBCT): Wird zunehmend zum Goldstandard bei Kieferfrakturen. Beseitigt Überlagerungen, zeigt Dislokation in 3D, essentiell für die Planung der Osteosynthese. Ideal für Mittelgesichts- und Kondylenfrakturen.

  • CT (CCT): Bei schweren, komplexen Traumata mit Verdacht auf Beteiligung des Schädels oder der Halswirbelsäule (Polytrauma).

3. Klassische Frakturlinien und -muster

  • Unterkiefer:

    • Kondylushals: Häufigste Fraktur des Unterkiefers. Wichtige Folge: Mundöffnungseinschränkung.

    • Symphyse / Parasymphyse: Fraktur im Frontzahnbereich.

    • Winkel: Frakturlinie verläuft hinter dem letzten Molaren.

    • Körper: Fraktur im zahntragenden Teil des Unterkiefers.

  • Mittelgesicht (Le-Fort-Frakturen):

    • Le-Fort I: “Flotierende Maxilla”. Fraktur oberhalb der Zahnwurzeln.

    • Le-Fort II: Pyramidenfraktur. Beteiligung der Nasenwurzel und des medialen Orbitabodens.

    • Le-Fort III: Kraniofaziale Dysjunktion. Komplette Abtrennung des Gesichtsschädels.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Das Frontzahntrauma mit Verdacht auf Wurzelfraktur

Szenario: Ein 12-jähriger Junge ist mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich die Frontzähne verletzt. Zahn 11 ist elongiert und stark gelockert.

Analyse: Neben der Luxation muss eine Wurzelfraktur ausgeschlossen werden.

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Erstaufnahme: Eine periapikale Aufnahme mit Paralleling-Technik von Zahn 11 wird angefertigt. Sie zeigt eine deutliche Erweiterung des Periodontalspalts, aber keine klare Frakturlinie.

  2. Problematik: Der Zahn ist zu stark gelockert für eine sichere Beurteilung. Eine horizontale Fraktur im mittleren Drittel könnte vorliegen.

  3. Ergänzende Diagnostik: Eine obere Okklusalaufnahme wird durchgeführt. Diese zeigt eine horizontale Wurzelfraktur im apikalen Drittel, die in der Einzelaufnahme überlagert war.

  4. Therapie: Die Diagnose bestimmt die Therapie: Reposition und Schienung des Zahnes für mehrere Wochen.

Fallbeispiel 2: Die dislozierte Kondylushalsfraktur

Szenario: Ein Patient hat nach einem Sturz eine präaurikuläre Schwellung, eine Okklusionsstörung und eine Mundöffnungseinschränkung.

Analyse: Klinischer Verdacht auf eine Kondylushalsfraktur.

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Übersichtsdiagnostik: Ein OPG wird angefertigt. Es zeigt eine deutlich dislozierte Fraktur des linken Kondylushalses. Der Kondyluskopf ist nach vorne-medial verlagert.

  2. Präzise Planung: Für die Entscheidung, ob konservativ oder chirurgisch mit Osteosynthese behandelt wird, ist die genaue räumliche Stellung entscheidend. Daher wird ein DVT des Kiefergelenks durchgeführt.

  3. Therapiefolge: Das DVT zeigt eine vollständige Luxation des Kondylus aus der Fossa. Daraufhin wird die Indikation zur offenen Reposition und Osteosynthese gestellt.

Fallbeispiel 3: Das Mittelgesichtstrauma nach Autounfall

Szenario: Ein unangeschnallter Fahrer prallt gegen die Windschutzscheibe. Er hat ein ausgeprägtes Brillenhämatom, eine Gesichtsschwellung und eine Okklusionsstörung.

Analyse: Verdacht auf eine komplexe Mittelgesichtsfraktur (Le-Fort).

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Notfalldiagnostik: Da ein Polytrauma vorliegen könnte, wird in der Klinik ein Ganzkörper-CT angefertigt. Dies ist die umfassendste Untersuchung.

  2. Befund: Das CT zeigt eine Le-Fort-I- und eine Le-Fort-II-Fraktur mit Beteiligung des Orbitabodens rechts.

  3. Therapie: Die bildgebende Diagnostik liefert die Grundlage für die operative Versorgung durch die MKG-Chirurgie, bei der die Kiefer in ihre korrekte Position reponiert und mit Miniplatten osteosynthetisch fixiert werden.