Lektion 8: Bildgebende Diagnostik des Kiefergelenks (DVT, MRT) und der Nasennebenhöhlen

A. Klinische Relevanz
Die Diagnostik des Kiefergelenks (Temporomandibular Joint, TMJ) und der Nasennebenhöhlen stellt besondere Anforderungen, da hier knöcherne Strukturen und Weichteile eng beieinanderliegen. Die Wahl des richtigen bildgebenden Verfahrens ist entscheidend: Während das DVT die knöchernen Anteile hervorragend darstellt, ist das MRT das Mittel der Wahl für die Beurteilung der Weichteilstrukturen wie Diskus und Muskulatur. Jeder Zahnarzt muss die Stärken und Schwächen der Verfahren kennen, um die richtige Überweisung zu veranlassen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Kiefergelenksdiagnostik: DVT vs. MRT

Die Indikation richtet sich nach der klinischen Fragestellung.

 
 
Verfahren Physikalische Grundlage Stärken (Was wird dargestellt?) Typische Indikationen
DVT (CBCT) Röntgenstrahlung Exzellente Darstellung der KNÖCHERNEN Strukturen:
• Kondylusform (Abflachung, Osteophyten)
• Gelenkfortsatz (Erosion, Sklerose)
• Gelenkspaltweite
• Ankylose
• Frakturen
• Verdacht auf Arthrose
• Trauma
• Ankylose
• Vor/Mach Dysgnathiechirurgie
• Verdacht auf tumorbedingte Knochenveränderungen
MRT Magnetfelder und Radiowellen Exzellente Darstellung der WEICHTEILSTRUKTUREN:
• Diskusposition (verlagert, reponierbar)
• Diskusform (Deformierung, Perforation)
• Gelenkerguss
• Entzündung der Gelenkschleimhaut (Synovitis)
• Zustand der Kaumuskulatur (Hypertrophie, Ödem)
• Diskusverlagerungen
• Verdacht auf Arthritis
• Myoarthropathie
• Unklare Schmerzen bei Verdacht auf Weichteilpathologie

2. Systematische Befundung des Kiefergelenks im DVT

Bei der Beurteilung eines DVT des TMJ sollten folgende knöcherne Strukturen beachtet werden:

  • Kondylus: Form (rundlich, abgeflacht), Osteophyten (knöcherne Anbauten), Erosionen (Usuren), Sklerosierungen.

  • Fossa articularis und Tuberculum articulare: Form und Knochendichte.

  • Gelenkspalt: Gleichmäßigkeit, Verbreiterung oder Verschmälerung.

  • Vergleich: Immer beide Gelenke im Seitenvergleich beurteilen.

3. Bildgebung der Nasennebenhöhlen

Die Kieferhöhle (Sinus maxillaris) ist die für den Zahnarzt wichtigste Nebenhöhle.

  • Normalfund im DVT: Luftgefüllter Hohlraum mit dünner, glatter Schleimhautauskleidung (< 2 mm).

  • Pathologische Befunde:

    • Schleimhautverdickung: Häufigste Veränderung. Kann durch entzündliche (Rhinosinusitis) oder dentogene Ursachen (apikale Parodontitis eines benachbarten Zahnes) verursacht werden.

    • Verschattung: Komplette Verschattung durch Eiter (Pyozöle) oder Schleim (Mukozöle).

    • Flüssigkeitsspiegel: Zeichen einer akuten Sinusitis.

    • Weichteilformationen: Z.B. Schleimhautpolypen.

    • Fremdkörper: Dislozierte Zähne/Wurzeln, Wurzelfüllmaterial, Implantate.

    • Oro-antrale Verbindung (OAV): Defekt im Kieferhöhlenboden mit Verbindung zur Mundhöhle.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der Patient mit Knacken und Knirschen

Szenario: Eine Patientin klagt über beidseitiges Kiefergelenkknacken und morgendliche Schmerzen in den Kaumuskeln. Die klinische Untersuchung ergibt eine Diskusverlagerung mit Reposition beidseits.

Analyse: Die klinische Diagnose einer Diskusverlagerung ist gestellt. Die Frage ist, ob bereits sekundäre knöcherne Veränderungen (Arthrose) vorliegen.

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Verfahren: Ein DVT der Kiefergelenke wird durchgeführt, um die knöchernen Strukturen zu beurteilen.

  2. Befund: Das DVT zeigt beidseits abgeflachte Kondylen mit kleinen Osteophyten, aber keine großen Destruktionen.

  3. Diagnose: Arthrose als Folge der langjährigen Diskusverlagerung.

  4. Therapiekonsequenz: Die konservative Therapie (Aufbissschiene, Physiotherapie) wird fortgeführt. Das Wissen um die Arthrose erklärt die Persistenz der Beschwerden.

Fallbeispiel 2: Der Patient mit eingeschränkter Mundöffnung

Szenario: Ein Patient kann den Mund nach einem leichten Trauma nur noch 15 mm weit öffnen. Es besteht kein Knacken.

Analyse: Der Verdacht liegt auf einer Diskusverlagerung ohne Reposition (“closed lock”) oder einer knöchernen Ankylose.

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Primäres Verfahren: Ein DVT wird angefertigt, um eine knöcherne Ankylose oder eine Fraktur schnell auszuschließen. Das DVT ist hierfür das schnellere und geeignetere Verfahren.

  2. Befund DVT: Das DVT zeigt einen unauffälligen knöchernen Gelenkbefund.

  3. Sekundäres Verfahren: Da die knöcherne Ursache ausgeschlossen ist, wird ein MRT veranlasst.

  4. Befund MRT: Das MRT zeigt eine anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition – der Diskus blockiert die Kondylenbewegung.

  5. Therapie: Die Diagnose bestätigt die Indikation für eine Arthrozentese.

Fallbeispiel 3: Die unklare dentogene Sinusitis

Szenario: Ein Patient leidet unter einer einseitigen, therapieresistenten Sinusitis. Der HNO-Arzt findet keine Ursache. Der Zahnarzt sieht im OPG eine überstopfte Wurzelfüllung an Zahn 26, die in die Kieferhöhle ragt.

Analyse: Verdacht auf eine dentogene Sinusitis maxillaris.

Klinische Konsequenz & Bildgebung der Wahl:

  1. Verfahren: Ein DVT der Nasennebenhöhlen wird angefertigt. Es bietet eine ausgezeichnete Übersicht über alle Nebenhöhlen und die dentale Situation.

  2. Befund: Das DVT zeigt:

    • Eine vollständige Verschattung der rechten Kieferhöhle.

    • Das Wurzelfüllmaterial von Zahn 26 ragt tatsächlich in die Kieferhöhle.

    • Die Schleimhaut der Kieferhöhle ist massiv verdickt.

  3. Diagnose: Chronische dentogene Sinusitis maxillaris.

  4. Therapie: Die kausale Therapie ist die Entfernung von Zahn 26 und die Sanierung der Kieferhöhle (meist durch den MKG-Chirurgen oder HNO-Arzt).