Lektion 18: Lippen-Kiefer-Gaumenspalten: Grundlagen der Entstehung und des interdisziplinären Behandlungskonzepts mit Fokus auf der Rolle des Zahnarztes (Gaumenspaltenverschluss, Knochenspanplastik)

A. Klinische Relevanz
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG-Spalten) sind die häufigsten angeborenen Fehlbildungen im Gesichtsbereich. Die Behandlung erfordert ein lebenslanges, interdisziplinäres Management durch ein sogenanntes „Cleft-Team“. Der Zahnarzt ist ein integraler Bestandteil dieses Teams. Seine Aufgaben reichen von der präventiven Betreuung über die koordinierende Rolle bei der kieferorthopädischen und prothetischen Versorgung bis hin zur Unterstützung bei der chirurgischen Knochenaugmentation. Das Verständnis des Gesamtbehandlungskonzepts ist essenziell.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Embryologie und Entstehung

Eine LKG-Spalte entsteht zwischen der 5. und 12. Schwangerschaftswoche durch eine Störung des Verschmelzungsprozesses der einzelnen Gesichtsfortsätze.

  • Lippen-Kiefer-Spalte: Störung der Verschmelzung des medialen Nasenwulsts mit dem maxillären Fortsatz.

  • Gaumenspalte: Störung der Verschmelzung der beiden Gaumenfortsätze miteinander.

2. Das interdisziplinäre Cleft-Team

Die Behandlung folgt einem festgelegten Zeitplan („Sprechstundenplan“) und umfasst:

  • MKG-Chirurgie: Primärverschluss von Lippe, Nase und Gaumen.

  • Kieferorthopädie: Prä- und postoperative Einstellung der Kiefer- und Zahnbögen.

  • Phoniater/Logopädie: Behandlung von Sprach- und Stimmstörungen.

  • Pädiatrie/Otologie: Behandlung von Begleiterkrankungen, insbesondere Paukenergüssen und Mittelohrentzündungen.

  • ZAHNARZT: Prävention, Kariestherapie, prothetische Versorgung, Implantologie.

3. Die chirurgischen Eckpfeiler der Behandlung mit zahnärztlicher Relevanz

 
 
Eingriff Zeitpunkt (ca.) Ziel & Beschreibung Rolle des Zahnarztes
Lippen- und Gaumenverschluss 3.-6. Lebensmonat Herstellung der anatomischen Kontinuität für Ernährung, Mimik und als Basis für die Sprache. Prävention: Aufklärung der Eltern zur Mundhygiene und Ernährung. Kariesprophylaxe (Fluoridierung).
Velopharyngoplastik 3.-5. Lebensjahr Verbesserung der nasalen Sprachqualität bei velopharyngealer Insuffizienz (zu viel Luft entweicht durch die Nase). Überwachung: Kontrolle der Zahnstellung und Okklusion, die sich durch Narbenzug verändern kann.
Alveolarkammplastik (Knochenspanplastik) 8.-12. Lebensjahr (gemischt/spätes Wechselgebiss) Schaffung eines durchgängigen Kieferkammes im Spaltbereich. Dies ist die wichtigste Schnittstelle zur Zahnmedizin. Vorbereitung: Kariessanierung, ggf. kieferorthopädische Lückenerweiterung.
Nachsorge: Überwachung des Durchbruchs der bleibenden Eckzähne im transplantierten Knochen.

4. Die Alveolarkammplastik (Knochenspanplastik) im Detail

  • Ziel: Schließung des knöchernen Defekts im Alveolarfortsatz, um:

    1. Stabilität für den Oberkieferbogen zu geben.

    2. Den Durchbruch bzw. die Einordnung des bleibenden Eckzahns im Spaltbereich zu ermöglichen.

    3. Einen stabilen Knochen für eine spätere implantatgetragene Versorgung zu schaffen.

    4. Einen dichten nasalen Verschluss im Bereich des Alveolarfortsatzes zu gewährleisten.

  • Durchführung: Der MKG-Chirurg entnimmt Knochenspäne (meist aus dem Beckenkamm) und transplantiert sie in den vorbereiteten Spaltdefekt.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die prächirurgische kieferorthopädische Behandlung

Szenario: Ein Neugeborenes mit einer einseitigen vollständigen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Die Kieferhälften sind stark disloziert.

Analyse: Für einen spannungsfreien primären Verschluss müssen die Kieferhälften angenähert werden.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Frühbehandlung: Es wird eine prächirurgische Kinderprothetik („Prächirurgische Gaumenplatte“) angefertigt. Diese Platte formt die Kiefersegmente in die korrekte Position und erleichtert dem Chirurgen den Verschluss.

  2. Rolle des Zahnarztes/Kieferorthopäden: Anpassung und Kontrolle der Platte. Gleichzeitig Aufklärung der Eltern über Mundhygiene unter der Platte.

Fallbeispiel 2: Die Vorbereitung auf die Alveolarkammplastik

Szenario: Ein 9-jähriges Mädchen mit Zustand nach Verschluss einer einseitigen LKG-Spalte. Im Wechselgebiss ist der Eckzahn im Spaltbereich retinert. Die kieferorthopädische Dehnung der Spalte hat begonnen.

Analyse: Der knöcherne Defekt muss vor dem Durchbruch des Eckzahns geschlossen werden.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Interdisziplinäre Koordination: Der Kieferorthopäde, der Zahnarzt und der MKG-Chirurg stimmen den Zeitplan ab.

  2. Aufgabe des Zahnarztes: Der Zahnarzt stellt sicher, dass die Mundhöhle kariesfrei und entzündungsfrei ist, um das Transplantat nicht zu gefährden. Er führt eine professionelle Zahnreinigung durch.

  3. Chirurgie: Durchführung der Alveolarkammplastik. Der Knochen wird in den Defekt eingebracht.

  4. Nachsorge: Der Zahnarzt überwacht in den folgenden Monaten den komplikationslosen Durchbruch des Eckzahns durch das transplantierte Knochenmaterial.

Fallbeispiel 3: Die prothetische Versorgung im Erwachsenenalter

Szenario: Ein 25-jähriger Patient mit Zustand nach LKG-Spalte und Alveolarkammplastik. Der Eckzahn im Spaltbereich ist nicht durchgebrochen und muss entfernt werden. Es besteht eine Lücke.

Analyse: Zur Schließung der Lücke kommt ein festsitzender Zahnersatz in Frage.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Option 1: Traditionelle Brücke. Nachteil: Beschleifen der gesunden Nachbarzähne.

  2. Option 2 (modernere Lösung): Implantatgetragene Krone.

  3. Rolle des Zahnarztes: Der Zahnarzt beurteilt die Knochenqualität und -quantität an der Stelle der früheren Knochenspanplastik mittels DVT. Ist der Knochen ausreichend, kann ein Implantat inseriert und mit einer Krone versorgt werden. Dies ist das Ergebnis einer lebenslangen, interdisziplinären Behandlungskette und stellt die ästhetisch und funktionell hochwertigste Lösung dar.