Lektion 14: Maligne Tumoren in der Mundhöhle (Plattenepithelkarzinom): Früherkennung, Risikofaktoren, klinisches Erscheinungsbild und das Überweisungsmanagement
A. Klinische Relevanz
Das Plattenepithelkarzinom (PEK) ist mit über 90% der häufigste bösartige Tumor der Mundhöhle. Die Prognose ist direkt abhängig von der Größe des Tumors bei der Erstdiagnose. Der Zahnarzt spielt als erster Ansprechpartner eine entscheidende Rolle in der Früherkennung. Das Wissen um die Risikofaktoren, die klinischen Frühzeichen und das korrekte Überweisungsmanagement kann lebensrettend sein. Jede unklare Läsion in der Mundhöhle, die länger als 2-3 Wochen besteht, muss abgeklärt werden.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Epidemiologie und Risikofaktoren
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Hauptrisikofaktoren:
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Tabak: Rauchen und Kautabak (Dosis-Wirkungs-Beziehung).
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Alkohol: Starker Alkoholkonsum, der in Kombination mit Tabak das Risiko synergistisch (multipikativ) erhöht.
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Weitere Risikofaktoren:
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HPV (Humane Papillomviren): Vorwiegend HPV-Typ 16. Führt v.a. zu Karzinomen im Bereich der Tonsillen und der Zungenbasis. Betrifft oft jüngere Patienten ohne klassische Risikofaktoren.
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Chroniche Irritation: Schlecht sitzende Prothesen, scharfe Kanten an Zähnen oder Füllungen.
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Lichen ruber planus: Besonders die erosive/ulzerierende Form gilt als Präkanzerose.
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2. Klinisches Erscheinungsbild und Frühzeichen
Jede der folgenden Läsionen kann ein Frühzeichen eines PEK sein und erfordert erhöhte Aufmerksamkeit:
| Läsionstyp | Beschreibung & Klinisches Bild | Cave |
|---|---|---|
| Leukoplakie | Weißer, nicht abwischbarer Fleck. Klinisch: Kann homogen (gleichmäßig) oder nicht-homogen (gefleckt, knotig) sein. | Nicht-homogene Leukoplakien haben ein höheres Entartungsrisiko (Präkanzerose). |
| Erythroplakie | Roter, samtiger, nicht abwischbarer Fleck. | Hochriskant! Etwa 90% der Erythroplakien zeigen bereits histologisch eine schwere Dysplasie, ein Carcinoma in situ oder ein invasives Karzinom. |
| Kombinierte Läsion (Erythroleukoplakie) | Gemischt weiß-rötliche Läsion. | Ebenso hochriskant wie die Erythroplakie. |
| Ulzeration | Geschwür, das länger als 2-3 Wochen besteht und nicht abheilt. | Charakteristika: Derb infiltrierter Randwall, unregelmäßige (“geographische”) Ränder, schmieriger Belag. |
| Unklare Verhärtung/Raue Stelle | Tastbare Verhärtung (Induration) oder raue Stelle, die subjektiv vom Patienten empfunden wird. |
3. Prädilektionsstellen (Häufigste Lokalisationen)
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Unterlippe (sonnenexponiert, Aktinische Cheilitis)
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Zungenrand und Mundboden (“Krebsstraße”)
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Weicher Gaumen und Mundboden
4. Das korrekte Überweisungsmanagement
Bei Verdacht auf eine maligne Läsion ist das Vorgehen standardisiert.
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Verboten: Probebiopsie in der Praxis. Dies kann die Tumorausbreitung verschleppen und die spätere chirurgische Resektion erschweren.
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Geboten:
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Dokumentation: Exakte Beschreibung und fotografische Dokumentation der Läsion (mit Maßstab).
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Überweisung: Sofortige Überweisung zum MKG-Chirurgen oder Oralmediziner.
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Überweisungsschein: Präzise Angaben: Lokalisation, Größe, Dauer, Anamnese (Risikofaktoren!), und der Verdachtsdiagnose (z.B. “V.a. Plattenepithelkarzinom”).
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die nicht abheilende Wunde am Zungenrand
Szenario: Ein 62-jähriger Patient, starker Raucher und Trinker, stellt sich mit einer schmerzhaften Stelle am rechten Zungenrand vor, die seit 4 Wochen besteht. Klinisch zeigt sich eine unregelmäßig begrenzte Ulzeration von ca. 1,5 cm Durchmesser mit einem derben Rand.
Analyse: Die Kombination aus Risikopatient, Prädilektionsstelle und Persistenz der Läsion ist hochgradig verdächtig auf ein PEK.
Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement:
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Der Zahnarzt erklärt dem Patienten den dringenden Verdacht und die Notwendigkeit einer sofortigen Abklärung.
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Er stellt einen Überweisungsschein an den MKG-Chirurgen mit der präzisen Formulierung aus: “62-j. Patient, starker Raucher/Trinker, mit seit 4 Wochen bestehender, derb infiltrierter Ulzeration am rechten Zungenrand (1,5 cm). V.a. Plattenepithelkarzinom. Zur weiteren Abklärung (Probeexzision) und Therapieeinleitung.”
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Der MKG-Chirurg wird die Probeexzision zur histologischen Sicherung durchführen.
Fallbeispiel 2: Die rote Fleck am Mundboden (Erythroplakie)
Szenario: Eine 58-jährige Patientin bemerkt einen roten Fleck am Mundboden. Sie ist Nichtraucherin. Die Läsion ist nicht schmerzhaft und besteht seit mehreren Monaten. Klinisch: Ein scharf begrenzter, samtiger, roter Fleck von ca. 1 cm Größe.
Analyse: Auch ohne klassische Risikofaktoren ist eine Erythroplakie immer ein Alarmsignal.
Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement:
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Der Zahnarzt darf sich nicht von der Schmerzlosigkeit und dem Fehlen von Risikofaktoren täuschen lassen.
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Die Überweisung zum MKG-Chirurgen erfolgt mit dem Hinweis: “Erythroplakie am Mundboden, V.a. Carcinoma in situ oder invasives Karzinom.”
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Die Histologie der vollständigen Exzision wird in diesem Fall sehr wahrscheinlich eine schwere Dysplasie oder ein Frühkarzinom zeigen.
Fallbeispiel 3: Der unklare weiße Fleck (Leukoplakie)
Szenario: Ein 45-jähriger Patient hat eine ausgedehnte, nicht-homogene (gefleckte) weiße Verfärbung an der Wange. Er kaut seit Jahren Tabak.
Analyse: Die nicht-homogene Leukoplakie bei einem Tabakkauer hat ein signifikantes Entartungsrisiko.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Der Zahnarzt weist den Patienten auf das Risiko hin und rät zur Aufgabe des Tabakkauens.
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Überweisung an den Oralmediziner/MKG-Chirurgen.
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Der Spezialist wird je nach Ausdehnung und Befund eine Lupenuntersuchung (Optische Auflichtmikroskopie) durchführen und gezielt die auffälligsten Areale zur Histologie entnehmen. Die Therapie reicht von Laserabtragung bis zur chirurgischen Exzision.