Lektion 13: Benigne Tumoren der Mundschleimhaut und der Kiefer (z.B. Ameloblastom, Odontome)
A. Klinische Relevanz
Benigne Tumoren der Mundschleimhaut und der Kiefer sind häufige Befunde in der zahnärztlichen Praxis. Während sie per Definition nicht metastasieren, können sie durch lokales, infiltratives oder expansives Wachstum erhebliche Zerstörungen verursachen und die Funktion beeinträchtigen. Die Abgrenzung zu malignen Tumoren ist entscheidend. Der Zahnarzt muss die häufigsten Entitäten kennen, radiologisch verdächtige Läsionen erkennen und die Notwendigkeit einer histologischen Sicherung sowie des korrekten chirurgischen Vorgehens verstehen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Einteilung benigner Tumoren
Man unterscheidet odontogene (vom Zahnbildungsgewebe ausgehende) und nicht-odontogene Tumoren.
2. Wichtige odontogene Tumoren
| Tumor | Pathogenese & Biologie | Klinik & Radiologie | Therapieprinzip |
|---|---|---|---|
| Ameloblastom | Vom schmelzbildenden Epithel. Lokal aggressiv, hohe Rezidivneigung. Häufigster odontogener Tumor. | Langsam wachsende, schmerzlose Schwellung. Radiologisch: Multilokuläre, “seifenblasenartige” oder unilokuläre Aufhellung, oft im Unterkieferwinkel. Wurzeln benachbarter Zähne können resorbiert werden. | Radikale Resektion im Gesunden mit einem Sicherheitsabstand von 1-1,5 cm Knochen, da der Tumor mikroskopisch in den Markräumen infiltriert. Enukleation führt zu Rezidiven. |
| Odontom | Hamartom (Fehlbildung) aus allen odontogenen Geweben. Häufigster odontogener “Tumor” (eigentlich Fehlbildung). | Meist asymptomatischer Zufallsbefund. Verhindert Zahndurchbruch. • Compound-Odontom: Multiple, zahnähnliche Strukturen (“Dentikel”). • Complex-Odontom: Ungeordnete Masse aus Zahngeweben. |
Einfache Enukleation (Ausschälung). Vollständige Entfernung ist kurativ. |
| Zementoblastom | Gutartiger Tumor, der sich an der Wurzelspitze eines vitalen Zahnes (meist unterer Prämolar/Molar) bildet und mit ihr verwächst. | Charakteristisches Radiomorph: Strahlendichtes, zementartiges Gebilde, umgeben von einem schmalen radiouzenten Hof, verbunden mit der Wurzelspitze. Oft mit Schmerzen. | Entfernung des Tumors zusammen mit dem betroffenen Zahn. Eine Erhaltung des Zahnes ist meist nicht möglich. |
| Odontogenes Myxom | Vom mesenchymalen Gewebe der Zahnleiste. Lokal aggressiv. | Multilokuläre, “wabenartige” Aufhellung, kann an ein Ameloblastom erinnern. | Wie Ameloblastom: Weite Resektion erforderlich. |
3. Wichtige nicht-odontogene Tumoren der Mundschleimhaut
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Irritationsfibrom: Die häufigste gutartige Weichteilläsion. Reaktive, bindegewebige Hyperplasie auf chronische Reizung. Klinisch: Derbe, blasse, breitbasige oder gestielte Knötchen. Therapie: Exzision in Lokalanästhesie.
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Hämangiom: Gutartige Gefäßfehlbildung. Klinisch: Flach oder erhaben, livide-rötliche Verfärbung, blässt auf Druck ab. Therapie: Bei Bedarf (Blutungsrisiko, Wachstum) chirurgisch oder mit Laser.
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Schleimretentionszyste (Mukozele): Extravasation von Speichel in das Bindegewebe nach Trauma einer kleinen Speicheldrüse. Klinisch: Weiche, bläuliche, fluctuierende Schwellung (meist an der Unterlippe). Therapie: Chirurgische Enukleation.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der Zufallsbefund eines Compound-Odontoms
Szenario: Ein 14-jähriger Patient stellt sich vor, weil der bleibende Eckzahn im Oberkiefer (Zahn 13) nicht durchbricht. Das OPG zeigt im Bereich der Krone von Zahn 13 eine Ansammlung multipler, kleiner, zahnförmiger Schatten.
Analyse: Das klinische und radiologische Bild ist typisch für ein Compound-Odontom, das den Durchbruch des Eckzahns blockiert.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Chirurgie: Unter Lokalanästhesie wird ein mukoperiostaler Lappen präpariert. Das Odontom wird komplett enukleiert.
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Folge: Nach Entfernung des Hindernisses hat Zahn 13 Platz zum Durchbruch. Es muss beobachtet werden, ob er spontan durchbricht oder kieferorthopädisch eingestellt werden muss.
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Prognose: Sehr gut. Rezidive treten nicht auf.
Fallbeispiel 2: Die langsam wachsende Kiefergeschwulst (Ameloblastom)
Szenario: Ein 35-jähriger Patient bemerkt seit einem Jahr eine langsam zunehmende, derbe und schmerzlose Vorwölbung an der rechten Unterkieferkante. Das OPG zeigt eine große, multilokuläre (“seifenblasenartige”) Aufhellung im Bereich des aufsteigenden Astes und des Unterkieferwinkels.
Analyse: Die Kombination aus Klinik und Radiomorphologie ist hochverdächtig auf ein Ameloblastom.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Diagnostik: Ein DVT zur genauen Ausdehnungsbestimmung und eine Probeexzision (Inzisionsbiopsie) zur histologischen Sicherung sind zwingend notwendig.
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Therapie: Die Bestätigung der Diagnose “Ameloblastom” erfordert eine radikale Resektion. Das bedeutet, der betroffene Kieferabschnitt wird mit einem Sicherheitsabstand von mindestens 1 cm im gesunden Knochen entfernt.
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Rekonstruktion: Der entstandene Knochendefekt wird meist in der gleichen Sitzung mit einer Rekonstruktionsplatte oder einem mikrochirurgischen Knochentransplantat (z.B. aus dem Wadenbein) versorgt, um die Kontinuität des Kiefers wiederherzustellen.
Fallbeispiel 3: Das Irritationsfibrom an der Wange
Szenario: Eine Patientin hat eine erbsengroße, derbe, hautfarbene und völlig schmerzlose Erhebung an der Innenseite der Wange in Höhe der Okklusionsebene.
Analyse: Die Lokalisation im Bereich der Okklusionsebene weist auf eine chronische Reizung (z.B. durch Beißen auf die Wange) hin. Das Erscheinungsbild ist klassisch für ein Irritationsfibrom.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Exzision: Unter Lokalanästhesie wird das Fibrom elliptisch umschnitten und im Gesunden entfernt.
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Histologie: Auch bei klassischem Befund sollte die Läsion zur histologischen Sicherung (Ausschluss einer seltenen malignen Läsion) eingeschickt werden.
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Naht: Der Defekt wird primär verschlossen. Der Patient sollte darauf achten, das parafunktionelle Beißen zu unterlassen.