Lektion 9: Traumatologie I: Frakturen der Zähne und des alveolären Knochens – Klassifikation und Therapie
A. Klinische Relevanz
Traumatische Verletzungen der Zähne und des zahntragenden Knochens sind ein häufiger Notfall in der zahnärztlichen Praxis. Besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen. Das richtige und schnelle Management in der ersten Stunde nach dem Unfall (“golden hour”) ist entscheidend für den Langzeiterhalt des Zahnes. Jeder Zahnarzt muss in der Lage sein, die Art der Verletzung korrekt zu klassifizieren und die adäquate Erstversorgung sowie die weiteren Therapieschritte einzuleiten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Klassifikation der Zahnfrakturen nach Ellis / WHO (modifiziert)
Diese Einteilung ist klinisch-pragmatisch und leitet die Therapie.
| Klasse | Beschreibung & Klinik | Therapieprinzip |
|---|---|---|
| Ellis I | Fraktur nur des Schmelzes. Keine Schmerzsymptomatik, oft scharfe Kanten. | Glätten der Schmelzkante oder minimale Komposit-Restauration. |
| Ellis II | Fraktur von Schmelz und Dentin. Das Dentin ist sichtbar (gelblich), der Zahn kann auf Kälte empfindlich reagieren. | Dringlich! Verschluss des freiliegenden Dentins mit einem Dentinversiegler und einer Adhäsiv-Komposit-Füllung zum Schutz der Pulpa. |
| Ellis III | Fraktur von Schmelz, Dentin mit Eröffnung der Pulpa. Die Pulpa ist sichtbar (rötlicher Punkt), oft schmerzhaft. | Notfall! Die Pulpa muss sofort gedeckt werden (direkte Überkappung) oder es ist eine Wurzelkanalbehandlung (bei großen Expositionen oder verzögerter Behandlung) notwendig. |
| Wurzelfraktur | Fraktur des Wurzeldentins, mit oder ohne Beteiligung der Pulpa. Klinisch oft ein elongierter Zahn. | Ruhigstellung durch Schienung. Die Prognose hängt von der Frakturlage ab. |
2. Luxationsverletzungen der Zähne
Hierbei wird der Zahn in seinem Alveolarfach bewegt oder gelockert.
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Konkussion: Der Zahn ist auf Berührung schmerzhaft, aber nicht gelockert.
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Subluxation: Der Zahn ist gelockert, hat aber keine Positionsveränderung.
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Extrusion: Der Zahn ist teilweise aus dem Alveolarfach herausgerückt (verlängert).
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Laterale Luxation: Der Zahn ist seitlich verlagert, oft eingestaucht.
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Intrusion: Der Zahn ist in den Alveolarknochen hineingedrückt (verkürzt).
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Avulsion: Vollständige Herauslösung des Zahnes aus dem Alveolarfach.
3. Frakturen des alveolären Knochens
Dies ist ein Bruch des zahntragenden Knochenfachs, der einen oder mehrere Zähne mit einschließt. Die Zähne sind meist in einer Blockstellung beweglich. Dies ist eine schwerwiegende Verletzung, die oft mit anderen Zahn- und Weichteilverletzungen einhergeht.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die Schmelz-Dentin-Fraktur (Ellis II) beim Kind
Szenario: Ein 10-jähriger Junge stürzt mit dem Fahrrad und schlägt sich gegen einen Frontzahn (Zahn 11). Klinisch zeigt sich eine Ecke ist abgebrochen, gelbliches Dentin ist sichtbar. Der Zahn reagiert sensibel auf Kälte.
Analyse: Es liegt eine Ellis-II-Fraktur vor. Das freiliegende Dentin stellt eine Eintrittspforte für Bakterien zur Pulpa dar. Eine schnelle Versorgung ist notwendig, um eine Pulpitis und den Zahnverlust zu verhindern.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Diagnostik: Anfertigung eines Röntgenbildes (Einzelzahnaufnahme) zum Ausschluss einer Wurzelfraktur.
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Therapie: Unter Lokalanästhesie wird das freiliegende Dentin mit einem Dentinadhäsiv versiegelt und die Zahnform mit Komposit ästhetisch rekonstruiert.
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Kontrolle: Vitallongprüfungen nach 6 Wochen, 3 Monaten und 1 Jahr sind notwendig, um die Pulpavitalität zu überwachen.
Fallbeispiel 2: Die komplizierte Kronenfraktur (Ellis III) mit Pulpenexposition
Szenario: Ein 15-jähriges Mädchen erleidet beim Sport einen Ellenbogenschlag gegen den Mund. Zahn 21 ist stark abgebrochen, in der Mitte ist ein kleiner roter Punkt (Pulpa) sichtbar. Der Zahn ist sehr schmerzempfindlich.
Analyse: Es liegt eine Ellis-III-Fraktur mit Pulpenexposition vor. Dies ist ein zahnärztlicher Notfall.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Bei kleiner Exposition und sofortiger Vorstellung (< 24h): Eine direkte Überkappung kann versucht werden. Die Pulpa wird mit einem Kalziumhydroxid- oder MTA-Präparat abgedeckt und der Zahn wird mit Komposit aufgebaut.
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Bei großer Exposition, verzögerter Vorstellung oder bereits entzündeter Pulpa: Die Wurzelkanalbehandlung ist die Therapie der Wahl. Anschließend wird der Zahn mit einem Kompositaufbau und ggf. später einer Krone versorgt.
Fallbeispiel 3: Die alveoläre Knochenfraktur
Szenario: Ein junger Erwachsener erleidet bei einer Schlägerei einen Schlag gegen den Unterkiefer. Die Zähne 33, 34, 35 sind als Block gemeinsam beweglich. Im OPG zeigt sich eine feine Frakturlinie im bukkalen Alveolarknochen.
Analyse: Es liegt eine Fraktur des alveolären Knochens vor. Die betroffenen Zähne sind vital, aber das gesamte Knochensegment ist mobil.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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Reposition: Das dislozierte Knochensegment mit den Zähnen wird vorsichtig in die korrekte anatomische Position zurückgebracht.
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Ruhigstellung (Schienung): Die Zähne werden für 4-6 Wochen mit einer flexiblen Schiene (z.B. mit Komposit und Glasfaserband) an den Nachbarzähnen fixiert. Dies ermöglicht die knöcherne Heilung des Alveolarfortsatzes.
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Kontrolle: Regelmäßige klinische und radiologische Kontrollen sind notwendig, um die Vitalität der Zähne und die knöcherne Konsolidierung zu überprüfen. Spätfolgen können Pulpanekrosen sein.