Lektion 5: Präprothetische Chirurgie: Knochen- und Weichteilkorrekturen für den prothetischen Erfolg (Alveolarkammplastik, Frenulektomie)
A. Klinische Relevanz
Die prothetische Versorgung – sei es mit einer Teilprothese, einer Brücke oder Implantaten – kann nur dann stabil, hygienefähig und komfortabel sein, wenn sie auf einem optimal vorbereiteten Kieferkamm ruht. Scharfe Knochenkanten, weiche Gewebeinstülpungen oder störende Bändchen können den Prothesenhalt gefährden und zu schmerzhaften Druckstellen führen. Die präprothetische Chirurgie schafft die anatomischen Voraussetzungen für einen langfristigen prothetischen Erfolg.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Ziele der präprothetischen Chirurgie
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Schaffung eines widerstandsfähigen, keratinisierten Schleimhautlagers unter der Prothese.
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Beseitigung von Knochenunterbrechungen (scharfe Kanten, Spinae) und Weichteilirregularitäten.
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Entfernung von störenden Weichteilstrukturen (Muskelansätze, Bändchen).
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Verbesserung der Prothesenrandschluss-Verhältnisse.
2. Knöcherne Korrekturen: Die Alveolarkammplastik
Nach Zahnextraktionen heilt der Alveolarkamm oft unregelmäßig. Die Alveolarkammplastik (auch Alveolarkammglättung) hat das Ziel, diese Unebenheiten zu beseitigen.
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Indikationen:
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Scharfe Alveolarkämme (Spinae mandibulae): Können extrem schmerzhaft unter der Prothese sein.
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Untertunnelte Bereiche (Undercuts): Verhindern den Einsitz einer Prothese.
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Exostosen (Torus palatinus / Torus mandibularis): Können die Prothesenbasis anheben und zu Wackeln führen.
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Durchführung: Unter Lokalanästhesie wird ein mukoperiostaler Lappen präpariert, um den Knochen freizulegen. Mit einem Rosenbohrer oder Knochenzangen werden die störenden Knochenvorsprünge abgetragen und der Kamm wird zu einer glatten, harmonischen Form geglättet. Anschließend wird der Lappen zurückgeklappt und vernäht.
3. Weichteilkorrekturen: Die Frenulektomie und Vestibulumplastik
Störende Bändchen oder ein flaches Vestibulum können den Prothesenrand anheben und den Saugeffekt zerstören.
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Frenulektomie vs. Frenotomie:
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Frenulektomie: Komplette Entfernung des Bändchens, inklusive seines Ansatzes am Periost. Dies ist die Methode der Wahl in der präprothetischen Chirurgie, um ein Rezidiv zu verhindern.
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Frenotomie: Durchtrennung des Bändchens.
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Durchführung der Frenulektomie:
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Das Bändchen wird angespannt.
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Es wird elliptisch um das Bändchen herum incidiert, sodass es in toto entfernt werden kann.
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Die entstehende Wunde wird durch tiefe, versenkte Nähte verschlossen, die die Muskulatur fassen und das Vestibulum vertiefen.
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Vestibulumplastik: Aufwendigere Verfahren (z.B. nach Kazanjian) zur Vertiefung des gesamten Vestibulums, um den Prothesenrand zu verlagern und mehr Auflagefläche zu schaffen.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der schmerzhafte Unterkieferkamm
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Szenario: Eine Patientin mit einer neuen Totalprothese im Unterkiefer klagt über starke Schmerzen im Frontbereich. Die Inspektion zeigt eine dünne, aufsitzende Schleimhaut über einer messerscharfen Knochenkante (Spina mandibulae).
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Analyse: Die Prothese drückt die Schleimhaut direkt auf den Knochen. Eine dauerhafte Beschwerdefreiheit ist ohne chirurgische Korrektur nicht zu erreichen.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird eine Alveolarkammplastik im Frontbereich des Unterkiefers durchgeführt. Der Knochen wird geglättet und zu einer abgerundeten Kante geformt. Nach Abheilung (ca. 4-6 Wochen) kann die Prothese wieder schmerzfrei getragen werden, oft ist eine Unterfütterung notwendig.
Fallbeispiel 2: Der störende Lippenbändchenansatz
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Szenario: Ein Patient mit einer Teilprothese im Oberkiefer, die sich beim Lachen und Sprechen löst. Das Labialfrenulum hebt den Prothesenrand im Frontbereich an.
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Analyse: Das Frenulum wirkt wie ein Seil, das die Prothese aus ihrer Position zieht.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird eine Frenulektomie des Labialfrenulums durchgeführt. Durch die elliptische Exzision und den tiefen Verschluss wird der Bändchenansatz beseitigt und das Vestibulum vertieft. Die Prothese hat nun einen stabilen Randschluss und der Patient gewinnt an Haltssicherheit.
Fallbeispiel 3: Der große Torus palatinus
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Szenario: Ein Patient benötigt eine neue Oberkiefer-Totalprothese. Klinisch findet sich ein großer, knöcherner Vorsprung in der Mitte des Gaumens (Torus palatinus).
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Analyse: Der Torus würde die Prothese anheben und ein “Wippen” auf dem Kamm verursachen. Zudem wäre die Prothese an dieser Stelle extrem dünn und bruchgefährdet.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Vor der Prothesenanfertigung muss der Torus palatinus entfernt werden. Dazu wird ein mukoperiostaler Lappen über dem Torus präpariert. Der Knochenvorsprung wird mit Meißel und Bohrer vorsichtig abgetragen, wobei die dünne Knochendecke zur Nasenhöhle beachtet werden muss. Nach Glättung wird der Lappen zurückgeklappt und vernäht. Nach Abheilung steht ein gleichmäßiger Gaumen für die Prothetik zur Verfügung.