Lektion 13: Die unterstützende Implantat-Therapie (UIT) – Das professionelle Nachsorgeprogramm

A. Klinische Relevanz

 

Ein Zahnimplantat ist eine signifikante medizinische und finanzielle Investition, die einer lebenslangen, professionellen Betreuung bedarf, um langfristig erfolgreich zu sein. Die unterstützende Implantat-Therapie (UIT) ist das systematische Nachsorgeprogramm, das darauf abzielt, die Gesundheit der Implantate und des umgebenden Gewebes zu überwachen und zu erhalten. Sie ist die effektivste Strategie zur frühzeitigen Erkennung und Prävention der häufigsten biologischen (Peri-implantitis) und technischen (Schraubenlockerung) Komplikationen. Für den Patienten und den Behandler ist die konsequente Teilnahme an einem UIT-Programm der Schlüssel zur Sicherung des Behandlungserfolgs.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition und Ziele der UIT Die UIT ist ein individualisiertes, kontinuierliches Nachsorgeprogramm für alle Patienten mit Zahnimplantaten.

  • Ziele:

    • Monitoring: Regelmäßige Überprüfung der peri-implantären Weichgewebe und Knochenlevel.

    • Früherkennung: Rechtzeitige Diagnose von Mukositis oder Peri-implantitis im Anfangsstadium.

    • Prävention: Verhinderung der Krankheitsentstehung durch professionelle Reinigung und Re-Motivation.

    • Wartung: Überprüfung der Suprakonstruktion auf technische Integrität und Stabilität.

2. Die Komponenten einer UIT-Sitzung

  1. Anamnese-Update: Erfassung von Änderungen im Allgemeinzustand und bei den Risikofaktoren (Rauchen, Diabetes etc.).

  2. Systematische Befunderhebung (Monitoring):

    • Visuelle Inspektion: Beurteilung der Mukosa auf Entzündungszeichen (Rötung, Schwellung), Überprüfung auf Plaque- und Zahnsteinakkumulation.

    • Sondierung: Sanfte zirkuläre Sondierung um jedes Implantat. Die entscheidenden Parameter sind Blutung auf Sondieren (BOP) als Zeichen der Entzündung und eine Zunahme der Sondierungstiefe im Vergleich zum Ausgangsbefund.

    • Technische Kontrolle: Prüfung der Suprakonstruktion auf Mobilität (Verdacht auf Schraubenlockerung) und Integrität (Risse, Chipping).

    • Radiologische Kontrolle: Eine Kontroll-Röntgenaufnahme (z.B. Zahnfilm) wird in individualisierten Intervallen (z.B. nach 1 Jahr, dann alle 2-3 Jahre) angefertigt und mit der Aufnahme nach Eingliederung verglichen, um progressiven Knochenabbau zu detektieren.

  3. Therapie (Professionelles Debridement):

    • Das entscheidende Prinzip: Die Instrumente dürfen die Titanoberfläche des Abutments oder Implantats nicht zerkratzen, da Kratzer die Plaque-Anlagerung fördern.

    • Geeignete Instrumente:

      • Küretten aus Titan, Karbon oder Kunststoff (Stahlküretten sind kontraindiziert).

      • Ultraschallgeräte mit speziellen, kunststoff- oder PEEK-beschichteten Aufsätzen.

      • Pulverstrahlgeräte mit niedrig-abrasiven Pulvern (Glycin oder Erythritol).

    • Bei verschraubten Konstruktionen wird die Prothese oft abgenommen, um sie extraoral und die Abutments direkt im Mund perfekt reinigen zu können.

  4. Mundhygiene-Re-Instruktion: Demonstration und Training der spezifischen Reinigungstechniken für Implantate (z.B. mit Interdentalbürsten, Superfloss).

3. Das individuelle UIT-Intervall Das Intervall richtet sich nach dem Risikoprofil des Patienten.

  • Hohes Risiko: Patienten mit Parodontitis-Anamnese, Raucher, schlechte Mundhygiene -> 3-4 Monate.

  • Moderates Risiko: Gute Hygiene, aber systemische Risikofaktoren -> 6 Monate.

  • Niedriges Risiko: Einzelimplantat in gesundem Gebiss, exzellente Hygiene -> 6-12 Monate.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel: Recall bei einer “All-on-4”-Versorgung

  • Szenario: Ein 68-jähriger Patient mit einer verschraubten Oberkiefer-Brücke auf vier Implantaten kommt zu seinem 4-monatigen UIT-Termin.

  • Befunderhebung:

    • Inspektion: Es zeigt sich eine moderate Plaque-Akkumulation an der Unterseite der Brücke.

    • Sondierung: An einem der posterioren Implantate (Position 15) wird eine Sondierungstiefe von 5 mm mit Blutung auf Sondieren (BOP) gemessen. Die anderen Implantate sind unauffällig.

  • Analyse: Die Befunde deuten auf eine generalisierte peri-implantäre Mukositis und eine beginnende lokale Problematik an Implantat 15 hin. Die Ursache ist eine unzureichende häusliche Reinigung.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Prothetische Demontage: Die gesamte Brücke wird abgeschraubt. Dies ist der entscheidende Vorteil des verschraubten Designs.

    2. Reinigung: Die Abutments im Mund und die Implantat-Innengewinde werden sorgfältig gereinigt. Die Unterseite der Brücke wird extraoral im Ultraschallbad und mit Bürsten perfekt von allen Belägen befreit.

    3. Re-Instruktion: Dem Patienten wird die Problematik demonstriert. Die korrekte Anwendung von Interdentalbürsten mit gebogenem Draht und “Superfloss” zur Reinigung des Raumes zwischen Schleimhaut und Brücke wird intensiv geübt.

    4. Remontage: Die saubere Brücke wird wieder eingesetzt und mit dem korrekten Drehmoment verschraubt.

  • Ergebnis: Das UIT-System hat eine beginnende Pathologie frühzeitig erkannt. Durch die einfache Reversibilität der verschraubten Konstruktion konnte eine perfekte professionelle Reinigung durchgeführt und die Ursache (Hygienedefizit) behoben werden. Die Progression von einer Mukositis zu einer schweren Peri-implantitis wurde verhindert.