Lektion 11: Peri-implantäre Erkrankungen – Mukositis und Peri-implantitis aus prothetischer Sicht
A. Klinische Relevanz
Peri-implantitis ist die häufigste biologische Komplikation in der Implantologie und die Hauptursache für den Spätverlust von Implantaten. Während die Ätiologie – wie in der Parodontologie – ein pathogener Biofilm ist, spielen prothetische Faktoren eine entscheidende Rolle als begünstigende (prädisponierende) Faktoren. Ein schlecht gestalteter, unpassender oder schwer zu reinigender Zahnersatz kann die Entstehung von Peri-implantitis direkt verursachen oder beschleunigen. Aus prothetischer Sicht ist es daher entscheidend, Suprakonstruktionen zu entwerfen, die nicht nur ästhetisch und funktionell sind, sondern vor allem die langfristige Gesundheit des peri-implantären Gewebes fördern und eine einfache Wartung ermöglichen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Wiederholung: Mukositis vs. Peri-implantitis
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Peri-implantäre Mukositis: Eine reversible Entzündung des Weichgewebes um ein Implantat, ohne Knochenabbau. Das Analogon zur Gingivitis. Leitsymptom ist die Blutung auf Sondieren (BOP).
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Peri-implantitis: Eine irreversible Entzündung mit progressivem, fortschreitendem Knochenabbau um ein Implantat. Das Analogon zur Parodontitis. Führt unbehandelt zum Implantatverlust.
2. Prothetische Risikofaktoren – Die iatrogenen Ursachen Viele Fälle von Peri-implantitis werden durch Fehler im prothetischen Design oder bei der Eingliederung verursacht.
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a) Subgingivale Zementreste (“Zementitis”):
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Dies ist die häufigste und wichtigste iatrogene Ursache für Peri-implantitis.
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Problem: Bei der Zementierung einer Krone auf einem Abutment werden Zementüberschüsse in den peri-implantären Sulkus gepresst. Die vollständige Entfernung ist oft unmöglich.
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Wirkung: Der Zementrest wirkt wie ein scharfkantiger, rauer Fremdkörper, der eine massive chronische Entzündungsreaktion und Knochenresorption auslöst.
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Konsequenz: Dies ist das stärkste Argument für die Verwendung von verschraubten anstelle von zementierten Suprakonstruktionen, wann immer möglich.
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b) Unphysiologisches Emergenzprofil:
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Problem: Überkonturierte, “bauchige” Kronen, die direkt am Zahnfleischrand zu dick sind.
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Konsequenz: Sie schaffen eine nicht reinigungsfähige Nische, in der sich Biofilm ansammelt. Das Emergenzprofil muss so gestaltet sein, dass der Patient mit einer Interdentalbürste oder Zahnseide die Implantatschulter problemlos erreichen kann.
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c) Schlechte Passung der Suprakonstruktion:
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Mikrospalten zwischen Implantat und Abutment oder zwischen Abutment und Krone können als Bakterienreservoir dienen.
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d) Okklusale Überlastung:
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Führt für sich allein wahrscheinlich nicht zu Peri-implantitis, kann aber bei bestehender Entzündung den Knochenabbau beschleunigen und zu technischen Komplikationen (Schraubenlockerung, Frakturen) führen.
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3. Die Rolle der Prothetik in der Therapie der Peri-implantitis Die Behandlung einer etablierten Peri-implantitis erfordert fast immer die Entfernung der Suprakonstruktion, um dem Chirurgen den notwendigen Zugang zur Dekontamination der infizierten Implantatoberfläche zu ermöglichen.
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Die Bedeutung der Reversibilität (“Retrievability”):
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Bei einer verschraubten Krone ist dies ein einfacher, nicht-destruktiver Akt: Die Schraube wird gelöst, die Krone abgenommen.
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Bei einer zementierten Krone muss diese oft zerstört (aufgeschnitten) werden, um sie zu entfernen.
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Schlussfolgerung: Das Design der Prothese (verschraubt) ist entscheidend für ihre spätere Wartbarkeit und die Therapiemöglichkeit von Komplikationen.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Design for Cleanability – Konstruktion für die Reinigungsfähigkeit: Die wichtigste Aufgabe des Prothetikers ist es, eine Versorgung zu schaffen, die der Patient reinigen kann. Das bedeutet: Konvexe, polierte Oberflächen, keine überstehenden Ränder und vor allem ausreichend große Interdentalräume, die die Anwendung von Interdentalbürsten ermöglichen.
Fallbeispiel: Die “Zementitis”
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Szenario: Ein Patient kommt 2 Jahre nach Eingliederung einer zementierten Implantatkrone an Zahn 14. Er klagt über eine lokale Schwellung und schlechten Geschmack.
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Diagnostik:
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Klinik: Eine tiefe, 8 mm messende Tasche an der mesialen Seite des Implantats mit starker Blutung und Eiter-Austritt (Suppuration) bei Sondierung.
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Radiologie: Ein scharf begrenzter, kraterförmiger Knochendefekt ist mesial am Implantat sichtbar. In der Tiefe des Defekts ist ein schwach röntgenopaker “Splitter” zu erkennen.
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Analyse:
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Diagnose: Schwere, lokalisierte Peri-implantitis.
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Ursache: Der “Splitter” im Röntgenbild ist pathognomonisch für einen vergessenen Zementüberschuss.
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Klinische Konsequenz & Therapieplan:
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Aufklärung: Dem Patienten wird die Ursache erklärt und die Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs dargelegt.
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Prothetische Demontage: Die zementierte Krone muss aufgetrennt und entfernt werden, um Zugang zu erhalten.
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Chirurgische Therapie: Ein Lappen wird gebildet. Der große Zementbrocken wird an der Implantatoberfläche identifiziert und sorgfältig entfernt. Die infizierte Implantatoberfläche wird mechanisch und chemisch dekontaminiert.
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Neue Prothetik: Nach der Abheilung wird eine neue Krone angefertigt. Um das Problem in Zukunft zu vermeiden, wird nun eine verschraubte Krone hergestellt.
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Ergebnis: Der Fall demonstriert eindrücklich, wie ein vermeintlich einfacher Arbeitsschritt (Zementierung) zur Hauptursache für einen schweren biologischen Misserfolg werden kann. Er unterstreicht die Überlegenheit des verschraubten Designs aus biologischer und wartungstechnischer Sicht.