Lektion 1: Der geriatrische Patient – Demografie, Physiologie des Alterns und das Konzept der Multimorbidität

A. Klinische Relevanz

 

Die demografische Entwicklung ist eindeutig: Die Gesellschaft wird älter, und die Menschen behalten ihre Zähne länger. Die Gerodontologie (Alterszahnmedizin) ist daher keine Nische mehr, sondern ein integraler und stetig wachsender Bestandteil der täglichen zahnärztlichen Praxis. Der geriatrische Patient unterscheidet sich fundamental von einem jüngeren Erwachsenen. Physiologische Alterungsprozesse, das gleichzeitige Bestehen mehrerer chronischer Erkrankungen (Multimorbidität) und die Einnahme zahlreicher Medikamente (Polypharmazie) schaffen eine komplexe Ausgangssituation, die bei jeder zahnärztlichen Entscheidung berücksichtigt werden muss. Diese Lektion vermittelt das grundlegende medizinische und biologische Verständnis, das für eine sichere und adäquate Behandlung älterer Patienten unerlässlich ist.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Demografie: Der “neue” ältere Patient

  • Demografischer Wandel: Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Der Anteil der über 65-Jährigen in der Bevölkerung nimmt stark zu.

  • Der bezahnte Senior: Im Gegensatz zu früheren Generationen, in denen Zahnlosigkeit im Alter die Norm war, behalten heute immer mehr Menschen ihre eigenen Zähne bis ins hohe Alter. Dies führt zu einem komplexeren Behandlungsbedarf (konservierend, parodontal, endodontisch) anstelle von reiner Prothetik.

2. Die Physiologie des Alterns (“Seneszenz”) Altern ist ein biologischer Prozess, der durch eine progressive Abnahme der Organfunktionen und eine reduzierte Anpassungsfähigkeit an Stress gekennzeichnet ist. Für die Zahnmedizin sind folgende Veränderungen relevant:

  • Kardiovaskuläres System: Nachlassende Elastizität der Gefäße (Arteriosklerose), erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und orthostatische Hypotonie (plötzlicher Blutdruckabfall bei Lagewechsel, z.B. beim schnellen Aufrichten des Behandlungsstuhls).

  • Nervensystem: Verlangsamte Reaktionen, potenziell nachlassende kognitive Fähigkeiten (von leichter Vergesslichkeit bis zur Demenz), veränderte Schmerzwahrnehmung.

  • Muskuloskelettales System: Reduzierte Mobilität und Bewegungseinschränkungen (z.B. durch Arthritis), die die Lagerung im Stuhl erschweren.

  • Orale Veränderungen:

    • Zahnhartsubstanz: Zunehmende Attrition, Sklerosierung des Dentins (macht es spröder), Bildung von Sekundär- und Tertiärdentin (engere Pulpakavitäten).

    • Weichgewebe: Die Mundschleimhaut wird dünner, trockener und weniger elastisch. Die Wundheilung ist verlangsamt.

    • Speichel: Die Speichelproduktion selbst nimmt im gesunden Alter kaum ab. Die sehr häufige Xerostomie (Mundtrockenheit) im Alter ist fast immer eine Nebenwirkung von Medikamenten oder eine Folge von Allgemeinerkrankungen.

3. Das zentrale Konzept: Multimorbidität

  • Definition: Das gleichzeitige Vorhandensein von zwei oder mehr chronischen Erkrankungen bei einer Person. Dies ist bei geriatrischen Patienten die Regel, nicht die Ausnahme.

  • Typische Krankheitskombinationen: Ein 80-jähriger Patient leidet oft gleichzeitig an arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Typ-2-Diabetes und Arthrose.

  • Klinische Konsequenz: Der Fokus der Behandlungsplanung verschiebt sich. Es geht nicht mehr nur um die isolierte Behandlung eines Zahnproblems, sondern um das Management der Mundgesundheit eines medizinisch komplexen Patienten. Die zahnärztliche Therapie muss auf die Allgemeinerkrankungen und deren Medikation abgestimmt werden.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die medizinische Anamnese als wichtigstes Instrument: Bei geriatrischen Patienten ist eine sorgfältige und vollständige Erhebung der Krankengeschichte und der Medikamentenliste (Polypharmazie) der entscheidende erste Schritt. Im Zweifelsfall ist die Rücksprache mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt unerlässlich.

Anpassung der Behandlungsplanung:

  • Philosophie des “Weniger ist mehr”: Behandlungspläne sind oft pragmatischer. Das Ziel ist die Erhaltung von Schmerzfreiheit, Kaufunktion und Lebensqualität, nicht zwangsläufig die technisch aufwendigste “Perfekt-Lösung”.

  • Praktische Aspekte:

    • Kurze Behandlungssitzungen: Die Stress- und Belastungstoleranz ist geringer. Termine sollten bevorzugt am Vormittag stattfinden.

    • Langsame Stuhlverstellung: Um eine orthostatische Hypotonie (Schwindel, Kollapsgefahr) zu vermeiden, muss der Stuhl langsam bewegt und der Patient nach der Behandlung einen Moment aufrecht sitzen gelassen werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 85-jährige Patientin mit beginnender Demenz, die an Herzinsuffizienz leidet und 10 verschiedene Medikamente einnimmt, hat eine frakturierte, mehrflächige Füllung an einem unteren Molaren. Die Kooperation ist tagesformabhängig und eingeschränkt.

  • Analyse:

    • Medizinisch: Ein klassischer multimorbider, fragiler Patient. Die Behandlung muss stressarm und kurz sein.

    • Zahnmedizinisch: Der Zahn benötigt eine dichte Versorgung, um eine Infektion und Schmerzen zu verhindern.

    • Kognitiv/Sozial: Die Fähigkeit der Patientin zur Mundhygiene ist limitiert.

  • Klinische Konsequenz & Therapieentscheidung:

    • Ziel: Eine schnelle, sichere und funktionelle Lösung.

    • Therapie der Wahl: Eine Restauration mit einem Glasionomerzement (GIZ).

  • Rationale: Ein aufwendiger adhäsiver Aufbau mit einem Komposit wäre zu zeit- und technikintensiv und würde die Kooperationsfähigkeit der Patientin überfordern. Der GIZ kann schnell appliziert werden, ist relativ feuchtigkeitstolerant und gibt Fluorid ab, was bei eingeschränkter Mundhygiene einen präventiven Vorteil bietet.

  • Ergebnis: Die Behandlungsplanung orientiert sich nicht am technisch Möglichen, sondern am medizinisch und menschlich Sinnvollen. Sie berücksichtigt den Allgemeinzustand, die kognitiven Fähigkeiten und die Lebenssituation der Patientin und stellt deren Wohlbefinden über die technische Perfektion.