Lektion 19: Die Behandlungsplanung II: Fallbeispiele zur Planungssequenz (von der Diagnose zum Therapiekonzept)
A. Klinische Relevanz
Die Theorie der Diagnostik und Gerätewahl wird erst in der praktischen Anwendung lebendig. Die Fähigkeit, alle erhobenen Befunde zu einem schlüssigen, individuellen Therapiekonzept zu synthetisieren, ist die Königsdisziplin in der Kieferorthopädie. Anhand konkreter Fallbeispiele wird hier die systematische Planungssequenz vom ersten klinischen Eindruck über die Analyse aller Daten bis hin zur finalen Behandlungsentscheidung und Gerätewahl demonstriert.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Planungssequenz – Ein schematischer Überblick
Ein strukturierter Ablauf gewährleistet, dass keine wichtigen Aspekte übersehen werden:
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Klinische Untersuchung & Anamnese: Erster Eindruck, Funktion, Weichteile, Patientenfragen.
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Modellanalyse: Platzbedarf/-angebot, Bolton-Analyse, Okklusionsbefund.
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Röntgendiagnostik (OPG, FRS): Zahnstatus, skelettale Diagnostik (SNA, SNB, ANB, etc.), Weichteilanalyse, CVM-Stadium.
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Problemliste erstellen: Alle festgestellten Abweichungen von der Norm auflisten (skelettal, dental, funktionell, ästhetisch).
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Behandlungsziele definieren: Was soll am Ende der Behandlung erreicht sein? (Prioritäten setzen!).
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Therapieoptionen abwägen: Herausnehmbar vs. festsitzend, mit vs. ohne Extraktionen, Wachstumsmodifikation vs. dentale Kompensation.
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Finales Therapiekonzept & Gerätewahl: Konkrete Entscheidung für einen Behandlungsweg und die dazu passenden Apparaturen.
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Aufklärung des Patienten: Darlegung von Plan, Alternativen, Risiken, Dauer und Kosten.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Komplexe Klasse II/1 mit Engstand
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Szenario: Patient, 12 Jahre, männlich, CVM-Stadium CS 3.
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Klinik: Konvexes Profil, inkompetenter Lippenschluss, protrusive Oberkieferfront, tiefer Biss, Distalbiss beidseits.
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Modelle: Engstand UK 5 mm, OK 3 mm.
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FRS: SNA 82°, SNB 76°, ANB 6°. Oberkieferfront protrusiv (1-NA: 8mm / 30°).
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OPG: Alle Zähne vorhanden, keine Auffälligkeiten.
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Problemliste:
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Skelettale Klasse II (retrognather Unterkiefer).
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Dentale Klasse II.
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Protrusion und Proklination der Oberkieferfront.
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Engstand in beiden Kiefern.
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Tiefer Biss.
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Inkompetenter Lippenschluss.
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Behandlungsziele:
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Stimulation des Unterkieferwachstums (Wachstumsmodifikation).
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Retraktion der Oberkieferfront.
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Auflösung der Engstände.
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Verbesserung des Profils und des Lippenschlusses.
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Einstellung einer stabilen Klasse-I-Okklusion.
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Therapieoptionen und Abwägung:
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Option A (nicht-Extraktion): Distalisierung der Oberkiefermolaren mit Headgear/Pendulum. Problem: Schwer bei bereits vorhandenem Engstand, löst das Problem der protrusiven Front nicht.
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Option B (Extraktion): Extraktion von vier Prämolaren (14, 24, 34, 44). Vorteil: Schafft Platz für Retraktion der Front und Auflösung der Engstände.
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Finales Therapiekonzept & Gerätewahl:
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Phase 1 (Wachstumsmodifikation): Aktivator als funktionskieferorthopädisches Gerät zur Unterkieferstimulation und Bisshebung.
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Phase 2 (Festsitzende Therapie): Multibandapparatur mit Extraktion der ersten Prämolaren (14, 24, 34, 44). Der gewonnene Platz wird für die Retraktion der Front und Auflösung der Engstände genutzt. Durch die Extraktionen kann die Front zurückgeführt und der inkompetente Lippenschluss behoben werden.
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Fallbeispiel 2: Skelettale Klasse III mit dentalkompensation
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Szenario: Patientin, 16 Jahre, weiblich, CVM-Stadium CS 6 (Wachstum abgeschlossen).
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Klinik: Konkaves Profil, vorstehendes Kinn, Mesialbiss beidseits.
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Modelle: Leichter Engstand UK, Lückengebiss OK.
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FRS: SNA 78°, SNB 84°, ANB -6°. Oberkieferfront prokliniert (1-NA: 30°), Unterkieferfront retrokliniert (1-NB: 18°) – deutliche dentale Kompensation.
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OPG: Alle Zähne vorhanden.
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Problemliste:
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Schwere skelettale Klasse III (prognather Unterkiefer).
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Dentale Kompensation (prokl. OK-Front, retrokl. UK-Front).
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Konkaves Profil.
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Leichter Engstand UK.
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Behandlungsziele:
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Korrektur der skeletalen Diskrepanz.
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Einstellung einer stabilen Okklusion.
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Verbesserung des Profils.
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Therapieoptionen und Abwägung:
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Option A (Kompensation): Rein kieferorthopädische Behandlung mit weiterer Kompensation (noch stärkere Proklination OK, Retroklination UK). Problem: Ästhetisch unbefriedigend (Profil bleibt konkav), parodontal riskant (Zähne bewegen sich außerhalb der Alveole).
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Option B (Chirurgie): Kombinierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung.
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Finales Therapiekonzept & Gerätewahl:
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Prächirurgische Phase: Festsitzende Multibandapparatur zur Entkompensation (Dekompensation). Das bedeutet: Die proklinierten oberen Frontzähne werden retrokliniert und die retroklinierten unteren Frontzähne werden prokliniert. Dies verschlechtert die Okklusion und die Bisslage zunächst absichtlich, schafft aber den notwendigen Überbiss und die Stufe für die spätere Chirurgie.
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Chirurgische Phase: Bilaterale sagittale Spaltung des Unterkiefers (BSSO) zur Rückverlagerung des Unterkiefers in die gewünschte Position.
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Nachchirurgische Phase: Feineinstellung der Okklusion mit der festsitzenden Apparatur.
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Ergebnis: Kausale Beseitigung der skeletalen Ursache mit dramatischer Profilverbesserung.
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