Lektion 18: Die Behandlungsplanung I: Grundsätze, Timing und die Wahl des Behandlungsgerätes
A. Klinische Relevanz
Die kieferorthopädische Behandlungsplanung ist der Dreh- und Angelpunkt für eine erfolgreiche Therapie. Sie transformiert die gesammelten diagnostischen Daten (Modelle, FRS, OPG, klinischer Befund) in ein konkretes, Schritt-für-Schritt umsetzbares Behandlungskonzept. Eine solide Planung, die die individuellen Gegebenheiten des Patienten berücksichtigt, ist entscheidend, um realistische Ziele zu setzen, die Behandlungsdauer zu optimieren und stabile sowie ästhetisch zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzipien der Behandlungsplanung
Jeder Behandlungsplan sollte drei fundamentale Fragen beantworten:
-
WAS ist das Problem? (Die Diagnose aus allen diagnostischen Bausteinen)
-
WOLLEN WIR es behandeln? (Indikationsstellung und Festlegung der Behandlungsziele)
-
WIE behandeln wir es? (Wahl der Apparatur, des Zeitpunkts und der Methode)
2. Die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung (Indikation)
Nicht jede Zahnfehlstellung muss behandelt werden. Die Indikation leitet sich ab aus:
-
Schweregrad der Anomalie (z.B. gemessen am kieferorthopädischen Index, KIG)
-
Funktionelle Beeinträchtigung (Kau-, Sprach-, Atemfunktion)
-
Ästhetische Beeinträchtigung (psychosoziale Belastung des Patienten)
-
Risiko für Folgeschäden (Parodontitis, Karies, Kiefergelenksbeschwerden)
3. Das Timing: Wann soll behandelt werden?
Der Behandlungsbeginn ist abhängig von der Art der Anomalie und dem skelettalen Reifegrad (CVM-Stadium).
| Art der Anomalie | Idealer Behandlungszeitpunkt | Begründung & Ziel |
|---|---|---|
| Platzhalterfunktion (vorzeitiger Milchzahnverlust) | Sofort, unabhängig vom Alter. | Verhindern von Platzverlust und nachfolgendem Engstand. |
| Kreuzbisse (posterior & anterior) | Frühes Wechselgebiss (ca. 6-8 Jahre). | Verhindern von skelettalen Asymmetrien und funktionellen Zwangsführungen. |
| Skelettale Klasse II (Distalbiss) | Spätes Wechselgebiss / frühe Pubertät (CVM-Stadium CS 3-4). | Nutzung des pubertären Wachstumsschubs für die Wachstumsmodifikation des Unterkiefers. |
| Skelettale Klasse III (Mesialbiss/Progenie) | Oft zweiphasig: 1. Phase im Milch-/frühen Wechselgebiss, 2. Phase nach Wachstumsabschluss. | Frühbehandlung zur Entkopplung des Wachstums, ggf. spätere Chirurgie. |
| Rein dentale Engstände | Spätes Wechselgebiss / bleibendes Gebiss, nach Durchbruch aller Zähne (außer Weisheitszähne). | Volle Übersicht über die zu bewegenden Zähne. |
4. Die Wahl des Behandlungsgerätes
Die Auswahl der Apparatur hängt direkt von der Diagnose und dem Behandlungsziel ab.
| Behandlungsziel | Mögliche Apparaturen | Wirkprinzip & Anmerkung |
|---|---|---|
| Wachstumsmodifikation (skel. Klasse II/III) | Herausnehmbar: Aktive Platte, Funktionskieferorthopädische Geräte (FKO) wie Bionator, Aktivator, Vorschubdoppelplatte. | Nutzen das eigene Muskelwachstum und die Funktion zur Kieferumformung. |
| Distalisierung (Zähne nach hinten bewegen) | Herausnehmbar: Headgear (extrale Kräfte). Festsitzend: Pendulum, Distal Jet, TADs (Temporary Anchorage Devices). |
Schaffen Platz im Zahnbogen, z.B. zur Vermeidung von Extraktionen. |
| Präzise Zahnbewegung (Kippen, Kippen, Rotieren, Intrusion/Extrusion) | Festsitzende Multiband-/Multibracket-Apparatur. | Ermöglicht kontrollierte Bewegung aller Zähne in alle drei Raumebenen. Goldstandard für die Feineinstellung. |
| Lückenöffnung/-schließung | Festsitzende Apparatur, oft in Kombination mit Gummizügen oder TADs. | Präzise Kontrolle der Zahnbewegung in die gewünschte Richtung. |
| Alignment leichter Engstände | Herausnehmbar: Aktive Platte mit Federn. Aligner (durchsichtige Schienen). |
Geringfügige Zahnbewegungen, ästhetische Alternative. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der 8-jährige Patient mit einseitigem posteriorem Kreuzbiss
-
Szenario: Ein Kind beißt auf der linken Seite invers (Kreuzbiss), was zu einer Zwangsführung und einer leichten Mittelabweichung des Unterkiefers führt.
-
Analyse: Es liegt ein funktionell bedingter Kreuzbiss vor. Das Ziel ist es, die Störung der Okklusion zu beseitigen und eine symmetrische Entwicklung zu ermöglichen.
-
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Sofortiger Behandlungsbeginn ist indiziert. Das Gerät der Wahl ist eine herausnehmbare Oberkiefer-Platte mit einer Kreuzbissfeder. Diese Feder wird so eingestellt, dass sie die Zähne im Oberkiefer nach bukkal drückt und so den Kreuzbiss innerhalb weniger Wochen/Monate auflöst. Dies ist eine präventive Maßnahme, die spätere, komplexere Behandlungen verhindern kann.
Fallbeispiel 2: Die 13-jährige Patientin mit skelettaler Klasse II und Engstand
-
Szenario: Ein Mädchen mit retrognathem Unterkiefer (SNB 76°), protrusiver Oberkieferfront und einem Engstand von 6 mm im Unterkiefer. Die CVM-Analyse ergibt Stadium CS 4.
-
Analyse: Es liegen zwei Hauptprobleme vor: eine skelettale Diskrepanz und ein dentales Platzproblem.
-
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Dies erfordert eine kombinierte Behandlung:
-
Phase 1 (Wachstumsmodifikation): Da sie sich noch im Wachstum befindet (CS 4), wird zunächst eine funktionskieferorthopädische Apparatur (z.B. ein Aktivator) eingesetzt, um das Unterkieferwachstum zu stimulieren. Parallel kann die Apparatur bereits leichten Platz im Unterkiefer schaffen.
-
Phase 2 (Feineinstellung): Nach Abschluss der Wachstumsphase erfolgt die festsitzende Behandlung mit einer Multibandapparatur. Hier wird der Engstand im Unterkiefer endgültig aufgelöst (ggf. mit Stripping oder Extraktionen) und die Okklusion präzise eingestellt. Dieser zweiphasige Ansatz adressiert sowohl die skelettale als auch die dentale Komponente der Anomalie.
-