Lektion 16: Analyse nach Ricketts (McNamara-Linie) und Steiner (Steiner-Analyse) – Ein Überblick
A. Klinische Relevanz
Während die bisherigen Lektionen einzelne kephalometrische Parameter beleuchtet haben, kombinieren etablierte Analysesysteme wie die nach Ricketts und Steiner diese Werte zu einem umfassenden diagnostischen Gesamtbild. Diese Systeme bieten strukturierte Schemata, die eine systematische Beurteilung der skelettalen, dentalen und weichteiligen Verhältnisse erlauben. Das Verständnis dieser Analysen ist für die Staatsexamensvorbereitung und die klinische Praxis unerlässlich, da sie eine gemeinsame Sprache für Diagnose und Planung bieten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Analyse nach Ricketts (Vektoriale Analyse)
Die Ricketts-Analyse ist eine umfassende, ästhetisch orientierte Analyse, die zahlreiche der bisher besprochenen Parameter integriert. Ein zentrales Element ist die McNamara-Linie.
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McNamara-Linie (Vertikale Referenzlinie):
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Definition: Eine vertikale Linie, die durch den Punkt Nasion (N) gezogen wird, senkrecht zur Frankfurter Horizontalen (FH).
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Vorteil: Sie ist unabhängig von der individuellen Schädelbasisneigung und eignet sich daher besser für die Beurteilung der sagittalen Position von Oberkiefer und Unterkiefer als die winklige SNA/SNB-Analyse.
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Wichtige Messungen zur McNamara-Linie:
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Punkt A zur Vertikalen (Nasion): Der horizontale Abstand von Punkt A zur McNamara-Linie.
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Norm: +1 bis +3 mm (Punkt A liegt leicht vor der Linie).
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Pogonion zur Vertikalen (Nasion): Der horizontale Abstand des knöchernen Pogonions zur McNamara-Linie.
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Norm: -2 bis +4 mm (Das Kinn liegt leicht vor oder hinter der Linie).
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Unterlippe zur Vertikalen (Nasion): Der Abstand der Unterlippe (Li) zur Linie.
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Norm: -2 bis +2 mm.
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Weitere Säulen der Ricketts-Analyse:
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Konvexität (Punkt A zur Fazialebene N-Pog).
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Unterkieferbogen (Go-Pog, Me-GO).
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Weichteilanalyse (E-Line, Nasolabialwinkel).
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Zahnstellung (1-NA, 1-NB).
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2. Die Steiner-Analyse
Die Steiner-Analyse ist ein klassisches, sehr verbreitetes System, das besonders die Wechselbeziehung zwischen Skelett und Zahnstellung betont. Sie ist bekannt für ihr Konzept der Kompromiss-Analyse.
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Kern der Analyse: Steiner betrachtet die Werte nicht isoliert, sondern in Beziehung zueinander. Wenn ein skelettaler Wert von der Norm abweicht, kann dies durch eine gezielte Einstellung der Zahnstellung kompensiert werden, um dennoch eine akzeptable Okklusion und Ästhetik zu erreichen.
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Wichtige Komponenten der Steiner-Analyse:
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SNA, SNB, ANB: Grundlegende skelettale Diagnostik.
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Oberkieferfrontstellung (1 zu NA): Winkel und linearer Abstand.
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Unterkieferfrontstellung (1 zu NB): Winkel und linearer Abstand.
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Interinzisalwinkel: Wichtiger Indikator für die Stabilität.
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Unterlippe zur E-Line: Ästhetisches Kriterium.
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Das Kompromiss-Konzept (am Beispiel einer skelettalen Klasse II):
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Problem: Erhöhter ANB-Winkel (z.B. 6°).
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Kompromiss: Um eine akzeptable Okklusion ohne Chirurgie zu erreichen, kann die Oberkieferfront etwas retrokliniert (1-NA [°] z.B. 20° statt 22°) und die Unterkieferfront etwas prokliniert (1-NB [°] z.B. 28° statt 25°) werden.
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Ergebnis: Die Zähne treffen trotz der skelettalen Diskrepanz aufeinander. Dies ist eine dentale Kompensation einer skelettalen Anomalie.
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3. Vergleich und Gegenüberstellung
| Aspekt | Ricketts-Analyse | Steiner-Analyse |
|---|---|---|
| Philosophie | Ästhetisch, vektorial, prognostisch; betrachtet Wachstumstrends. | Okklusions-basiert, kompensatorisch; fokussiert auf dentale Einstellung. |
| Zentrale Referenz | McNamara-Linie (vertikal durch Nasion), Fazialebene (N-Pog). | Schädelbasis (S-N), Okklusion. |
| Stärke | Sehr gute Beurteilung der Weichteilästhetik und Profilprognose. | Klare Richtlinien für die dentale Einstellung bei skelettalen Anomalien. |
| Anwendung | Umfassende Diagnostik und Planung, besonders bei ästhetischen Ansprüchen. | Sehr praktisch für die Planung der Zahnbewegungen in der festsitzenden Therapie. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Planung mit der Ricketts-Analyse
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Szenario: Ein 12-jähriger Patient mit skelettaler Klasse II (retrognathen Unterkiefer) und protrusiven Lippen.
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Analyse (Ricketts): Die McNamara-Linie zeigt, dass Punkt A mit +1 mm normal steht, Pogonion jedoch mit -5 mm deutlich retrusiv ist. Die Unterlippe liegt +3 mm vor der Linie. Die Konvexität ist mit +4 mm erhöht.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die Analyse bestätigt, dass das Problem primär im retrusiven Unterkiefer und Kinn liegt. Das Ziel der funktionskieferorthopädischen Behandlung (z.B. mit einem Bionator) ist es, das Wachstum des Unterkiefers nach anterior zu stimulieren. Die Ricketts-Analyse erlaubt eine Prognose: Bei erfolgreicher Therapie wird sich Pogonion der Vertikalen annähern, die Konvexität wird reduziert und die Unterlippe wird sich hinter die E-Line zurückziehen.
Fallbeispiel 2: Kompromiss-Planung mit der Steiner-Analyse
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Szenario: Eine 17-jährige Patientin mit einer skelettalen Klasse III (ANB -1°, SNB 82°). Sie lehnt eine Chirurgie ab.
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Analyse (Steiner): Die skeletale Klasse III ist eindeutig. Eine ideale Zahnstellung (1-NA 22°/4mm, 1-NB 25°/4mm) ist bei dieser skelettalen Basis nicht möglich, da die Frontzähne sonst keinen Kontakt hätten.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird ein kompensierendes Behandlungskonzept nach Steiner erstellt:
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Oberkieferfront: Leichte Proklination auf 28°/6mm, um die sagittale Stufe zu vergrößern.
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Unterkieferfront: Leichte Retroklination auf 20°/2mm, um Platz zu schaffen.
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Ziel: Es wird eine stabile, wenn auch kompensierte, Okklusion in einer scheinbaren Klasse I angestrebt. Der Interinzisalwinkel wird etwas vergrößert sein. Die Patientin muss aufgeklärt werden, dass dies eine Kompromisslösung ist, die die skelettale Anomalie kaschiert, aber nicht behebt.
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