Lektion 14: Dentale und alveoläre Diagnostik II: Unterkieferfront (1-NB [mm], 1-NB [°], Isl-ML, Interinzisalwinkel)

A. Klinische Relevanz
Die Stellung der Unterkieferfrontzähne ist von zentraler Bedeutung für die Stabilität des Behandlungsergebnisses. Im Gegensatz zum Oberkiefer ist der Knochen im Unterkieferfrontbereich besonders dünn, was die Grenzen für Zahnbewegungen eng setzt. Eine zu starke Proklination der Unterkieferfront kann zu gingivalen Rezessionen führen, eine zu starke Retroklination kann die Zunge einengen und zu Rezidiven beitragen. Die Analyse der Unterkieferfront in Relation zur Nasion-B-Linie (NB-Linie) und zur Mandibularebene (ML) ist daher entscheidend, um stabile und parodontalverträgliche Behandlungsziele zu definieren.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Referenzpunkte und -ebenen für die Unterkieferfront

  • Incisivum inferius (Ii): Der Schneidekantenpunkt des am weitesten anterior stehenden unteren mittleren Schneidezahns.

  • Apex Incisivus inferius (Apexi): Die Wurzelspitze des unteren mittleren Schneidezahns.

  • Nasion-B-Linie (NB-Linie): Die Verbindungslinie zwischen Nasion (N) und Punkt B. Sie dient als Referenz für die sagittale Position der Unterkieferfront.

  • Mandibularebene (ML): Die Verbindungslinie zwischen Gonion (Go) und Gnathion (Gn).

2. Wichtige Messparameter der Unterkieferfront

 
 
Parameter Definition Normwert Interpretation
1-NB [mm] Der (horizontale) Abstand der Schneidekante (Ii) zur NB-Linie. Gemessen als Lotfußpunkt. 4 mm ± 2 mm Erhöht (>6 mm): Protrusion der Unterkieferfront.
Erniedrigt (<2 mm): Retrusion der Unterkieferfront.
1-NB [°] Der Winkel zwischen der Längsachse des unteren Schneidezahns (von Apexi zu Ii) und der NB-Linie. 25° ± 4° Erhöht (>29°): Proklination der Unterkieferfront.
Erniedrigt (<21°): Retroklination der Unterkieferfront.
Isl-ML [mm] Der (vertikale) Abstand der Schneidekante (Ii) zur Mandibularebene (ML). 2-4 mm unterhalb der ML (abhängig von der Analyse) Wichtig für die Beurteilung des Overbite. Eine zu große Distanz kann auf eine Supraokklusion hindeuten.
Interinzisalwinkel Der Winkel zwischen der Längsachse des oberen (Is) und unteren (Ii) Schneidezahns. 130° ± 10° Erhöht (>140°): Die Frontzähne stehen zu steil (“aufgestellt”), was zu einem tiefen Biss führen kann.
Erniedrigt (<120°): Die Frontzähne sind zu prokliniert, was die Stufe verringert und die Stabilität gefährdet.

3. Das Holdaway-Verhältnis

  • Definition: Das Verhältnis zwischen der Position der Unterlippe und der Unterkieferfront. Es wird gemessen, indem der Abstand der Unterlippe zur NB-Linie mit dem 1-NB [mm]-Wert verglichen wird.

  • Ideales Verhältnis: Der Abstand der Unterlippe zur NB-Linie sollte etwa 2 mm größer sein als der 1-NB [mm]-Wert.

  • Aussage: Dieses Verhältnis beschreibt eine harmonische Weichteil-Lippen-Stütze. Eine Abweichung kann helfen, das ästhetische Behandlungsziel für die Unterkieferfrontstellung zu definieren.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der 20-jährige Patient mit Engstand im Unterkiefer und gingivalen Rezessionen

  • Szenario: Ein Patient stellt sich mit starkem Engstand im Unterkiefer vor. An den proklinierten unteren Schneidezähnen (41, 31) sind erste gingivale Rezessionen sichtbar.

  • Analyse: Die kephalometrische Analyse der Unterkieferfront ergibt: 1-NB [mm]: 8 mm, 1-NB [°]: 32°. Beide Werte sind deutlich erhöht. Die Zähne stehen bereits an der Grenze des knöchernen Alveolarfortsatzes. Der dünne vestibuläre Knochen bietet keinen Schutz mehr.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine weitere Proklination zur Auflösung des Engstands ist absolut kontraindiziert, da sie die Rezessionen massiv verschlimmern würde. Die einzig stabile und parodontalverträgliche Lösung ist die Schaffung von Platz durch therapeutische Extraktionen, typischerweise der zweiten Prämolaren (35, 45) oder eines unteren Incisivus, gefolgt von einer Retroklination der Unterkieferfront in eine stabilere Position innerhalb des Knochens. Das Ziel ist es, die Werte auf ca. 4 mm und 25° zu reduzieren.

Fallbeispiel 2: Die 16-jährige Patientin mit Klasse II/2 und tiefem Biss

  • Szenario: Eine Patientin mit einer Klasse II/2 Anomalie: Die oberen Frontzähne sind steil stehend und retrokliniert, der Biss ist sehr tief. Die Unterkieferfront beißt bis an den Gaumen.

  • Analyse: Die kephalometrische Analyse zeigt: 1-NB [mm]: 2 mm, 1-NB [°]: 18°. Die Unterkieferfront ist retrokliniert. Der Interinzisalwinkel ist mit 145° stark vergrößert.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die steile Stellung beider Frontzähne zueinander ist die Ursache für den tiefen Biss. Das Therapieziel ist die Aufrichtung (Proklination) der Frontzähne, um den Interinzisalwinkel zu verkleinern und den Biss zu öffnen. Dies geschieht mit einer festsitzenden Apparatur. Durch die Proklination der Unterkieferfront wird gleichzeitig Platz im Unterkiefer geschaffen, um leichte Engstände aufzulösen. Das Ziel ist es, die Unterkieferfront in eine stabilere, aufrechtere Position zu bringen (ca. 4 mm und 25°) und den Interinzisalwinkel auf etwa 130-135° zu reduzieren.