Lektion 18: Konventionelle Befestigungszemente (Phosphat-, GIZ-Zemente)

A. Klinische Relevanz

 

Während die adhäsive Befestigung für Vollkeramiken essenziell ist, werden Restaurationen mit hoher Eigenstabilität (z.B. metallbasierte oder Zirkonoxid-Kronen) nach wie vor häufig und erfolgreich mit konventionellen Zementen befestigt. Diese Materialien funktionieren nicht als “Kleber”, sondern als passiver Fugenfüller, der auf eine makro-mechanische Retention durch die Präparation angewiesen ist. Ihr großer Vorteil liegt in der einfacheren und weniger techniksensitiven Verarbeitung. Das Verständnis der verschiedenen Zement-Typen, von den historischen Grundlagen bis zum modernen Standard des kunststoffmodifizierten Glasionomerzements, ist entscheidend für die langlebige und sichere Eingliederung eines Großteils der prothetischen Versorgungen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Prinzip: Makro-mechanische Retention (Friktion) Im Gegensatz zur mikromechanischen/chemischen Adhäsivtechnik beruht der Halt bei der konventionellen Zementierung auf dem Formschluss. Der ausgehärtete Zement füllt den Spalt zwischen der präzisen Krone und dem retentiv präparierten Zahnstumpf. Der Halt entsteht durch die Friktion der annähernd parallelen Wände. Die Präparation muss also für den Halt sorgen, nicht der Zement.

2. Zinkoxid-Phosphat-Zement

  • Der historische Goldstandard: War über ein Jahrhundert der meistverwendete Zement.

  • Zusammensetzung: Pulver (Zinkoxid) und Flüssigkeit (Phosphorsäure).

  • Abbindereaktion: Eine klassische Säure-Base-Reaktion.

  • Eigenschaften:

    • Vorteile: Sehr hohe Druckfestigkeit, lange klinische Bewährung.

    • Nachteile: Hohe initiale Azidität (pH < 2) kann die Pulpa reizen; keine chemische Adhäsion; spröde und über Zeit im Mund löslich.

  • Heutige Bedeutung: Aufgrund seiner Nachteile für die definitive Zementierung weitgehend obsolet.

3. Glasionomerzement (GIZ) als Befestigungszement

  • Konzept: Der erste Zement mit echter chemischer Haftung.

  • Chemie: Säure-Base-Reaktion zwischen Polyacrylsäure und einem Fluor-Aluminium-Silikatglas.

  • Schlüsseleigenschaften:

    • Chemische Adhäsion: Die Säuregruppen gehen eine ionische Bindung mit dem Kalzium der Zahnhartsubstanz ein. Dies führt zu einem aktiven Randschluss.

    • Fluoridfreisetzung: Bietet einen kariostatischen Effekt am Kronenrand.

    • Biokompatibilität.

  • Nachteil: Hohe Empfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit und Austrocknung während der relativ langen Abbindephase.

4. Kunststoffmodifizierter Glasionomerzement (KM-GIZ / RMGI)

  • Der moderne Goldstandard für die konventionelle Zementierung.

  • Konzept: Ein Hybridmaterial, das die Vorteile von GIZ und Kompositen vereint.

  • Abbindereaktion (Duale Härtung):

    1. Schnelle Lichthärtung: Zugefügte Kunststoff-Monomere können mit der Polymerisationslampe schnell ausgehärtet werden. Dies stabilisiert die Krone sofort.

    2. Langsame Säure-Base-Reaktion: Die klassische GIZ-Reaktion läuft im Hintergrund weiter ab und sorgt für die chemische Haftung und Fluoridabgabe.

  • Vorteile:

    • Vereint die chemische Adhäsion und Fluoridabgabe des GIZ…

    • …mit der schnellen Aushärtung, höheren Festigkeit und geringeren Löslichkeit von Kunststoffen.

    • Deutlich anwenderfreundlicher als reiner GIZ.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Indikations-Checkliste:

  • Versorgung: VMK-Krone/-Brücke, Vollguss-Gold, hochfeste Zirkonoxid-Krone?

  • Präparation: Ist der Stumpf hoch und retentiv genug? -> Wenn ja, ist eine konventionelle Zementierung mit KM-GIZ eine exzellente Wahl.

  • Versorgung: Glaskeramik (z.B. Lithium-Disilikat)? -> Kontraindiziert! Hier ist eine adhäsive Befestigung zwingend.

Fallbeispiel: Zementierung einer VMK-Brücke

  • Szenario: Eine dreigliedrige VMK-Brücke im Seitenzahnbereich soll definitiv eingesetzt werden. Die Pfeilerstümpfe sind ausreichend hoch und retentiv präpariert.

  • Analyse: Das Material (metallbasiert) und die Präparation (retentiv) erfüllen alle Voraussetzungen für eine konventionelle Zementierung. Eine aufwendige adhäsive Befestigung ist nicht notwendig.

  • Klinische Konsequenz & Materialwahl: Der Behandler wählt einen kunststoffmodifizierten Glasionomerzement (KM-GIZ).

  • Vorgehen:

    1. Nach der Anprobe werden die Brückenanker und die Stümpfe gereinigt und getrocknet.

    2. Der KM-GIZ wird (meist aus einer Automix-Spritze) angemischt und in die Ankerkronen appliziert.

    3. Die Brücke wird eingesetzt. Grobe Überschüsse werden entfernt.

    4. Eine kurze Lichthärtung (“Tack-Cure”) von 2-3 Sekunden pro Rand bringt den überschüssigen Zement in einen gummiartigen Zustand.

    5. In diesem Zustand lassen sich die Überschüsse nun sehr einfach und sauber mit einem Scaler entfernen.

    6. Die chemische Aushärtung läuft unter den Kronen weiter.

  • Ergebnis: Die Brücke ist sicher, schnell und vorhersagbar befestigt. Das Verfahren war deutlich weniger techniksensitiv und zeitaufwendig als eine adhäsive Befestigung. Der KM-GIZ bietet die Sicherheit der chemischen Haftung und der Fluoridabgabe bei gleichzeitig anwenderfreundlicher Verarbeitung.